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Kommunalwahl in Schäftlarn:Am Scheideweg

Drei Wahlperioden lang stand Matthias Ruhdorfer der 5800-Einwohner-Gemeinde Schäftlarn vor. Aus Altersgründen trat er nicht wieder zur Wahl an und hat nun bald mehr Zeit für seine Familie - und für Bücher.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Matthias Ruhdorfer ist seit 18 Jahren Bürgermeister von Schäftlarn. Nun bittet er ein letztes Mal zum Gespräch an den Wandtisch im Chefzimmer des Rathauses, denn zum Mai steht der Amtswechsel an. Ein Porträt zum Abschied

Von Marie Heßlinger, Schäftlarn

Er ist Informatiker und Mathematiker. Wenn er Zeit hat, liest er psychologische Bücher darüber, wie Menschen sich die Welt vorstellen - und wie sie wirklich ist. "Wie kann man dazu kommen, dass die Bürger die richtigen Vorstellungen davon haben, was im Rathaus möglich ist und was nicht?" - das ist eine der Fragen, die ihn am meisten beschäftigen. Matthias Ruhdorfer ist seit 18 Jahren Bürgermeister der 5800-Einwohner-Gemeinde Schäftlarn. Seine Amtszeit endet nun zum Mai.

Blauer Anzug, blaue Krawatte, ordentlich legt er eine Mappe auf sein Tablet. Ruhdorfer ist ein Mann, der stets ruhig und höflich ist, der gerne Witze macht und leise lacht, der "man" sagt statt "ich." Der 65-Jährige bittet im Bürgermeisterzimmer an den Tisch an der Wand. Seine Gäste empfängt er stets an diesem Tisch, sodass er übers Eck mit ihnen sprechen kann. "Das soll ein bisschen lockerer sein", sagt er und lächelt. Manchmal kommen erzürnte Bürger mit ihrem abgelehnten Bauantrag zu ihm. Doch wenn das Landratsamt zum Schluss komme, dass da irgendeine Vorschrift der bayerischen Bauordnung nicht eingehalten sei, da könne er dann nichts dafür, so Ruhdorfer.

Der Bürgermeister sitzt auf der Vorderkante seines Stuhls, die Hände ruhig auf dem Tisch gefaltet. Er lehnt sich zurück und strahlt. "Die sind aber auch interessant, diese Themen. Diese Frage, warum das so ist." In seinem Amt habe er gelernt: Dass wirklich jeder Mensch anders ist, mit seiner eigenen Würde, und dass jeder Mensch Gründe hat, warum er so geworden ist, wie er ist.

Matthias Ruhdorfer kam 1954 in einem Haus in Neufahrn zur Welt. Neufahrn gehörte damals noch zur Gemeinde Wangen. Ruhdorfer ging auf das Gymnasium in Icking, lernte dort Ulrike Bauer kennen, mit 22 Jahren heiratete er sie. Er war Mitglied der Feuerwehr, fürs Studium fuhr er jeden Tag mit der S-Bahn nach München. Wie München sei? "Schön, so", sagt Ruhdorfer - und schweigt.

Und Schäftlarn? "Schäftlarn ist ein Dorf. Ein Dorf mit Stadtnähe." Der Bürgermeister überlegt. "Landschaftlich hat es, kann man fast sagen, alles zu bieten." Für viele sei es der Traumort zum Leben. Ruhdorfer fügt hinzu: "Die Frage ist, ob sie es dann auch machen." Er meint damit: Es gibt auch jene, die in Schäftlarn nur wohnen. Aber auch jene, die sich eben am Gemeindeleben beteiligen.

Den typischen Schäftlarner gibt es seiner Ansicht nach nicht. "Die Alteingesessenen sind vielleicht ein bisschen skeptisch." Aber Ebenhausen sei früher ein Luftkurort gewesen, "dadurch hat man die Welt ganz anders kennen gelernt." Für Ruhdorfer persönlich ist Schäftlarn "eine vertraute Heimat". Die Menschen seien ihm ans Herz gewachsen. "Das umfasst einen."

Als Ruhdorfer 29 Jahre alt war, wählten ihn die Schäftlarner in den Gemeinderat. Dort blieb der CSU-Politiker, bis er vor 18 Jahren Bürgermeister wurde. "Als Gemeinderat ist man einer von 20. Als Bürgermeister hat man schon noch andere Möglichkeiten, mit den Leuten zu kommunizieren", sagt er. Als seine wichtigsten Amtshandlungen bezeichnet Ruhdorfer den Ausbau der Kinderbetreuung.

Im Frühjahr 2004 begannen die Bauarbeiten für eine Kindertagesstätte und ein Familienzentrum, schon im Oktober desselben Jahres waren sie fertig. Später wurde die Tagesstätten ausgebaut, 2014 eröffnete eine Kinderkrippe. Die Sanierung der Grundschule gestaltete sich für den Bürgermeister indes schwierig. Im Juli 2009 lehnte der Gemeinderat die Finanzierung mit zehn zu zehn Stimmen ab. "Das war insofern spannend, weil alles vorbereitet war", erinnert sich Ruhdorfer an jenen Sommer. Die Bauarbeiten sollten beginnen, "mindestens zwei Jahre Vorarbeit standen auf der Kippe." Doch einige Monate zuvor war eine Gewerbesteuerrückzahlung von 2,5 Millionen Euro fällig gewesen. Der Bürgermeister musste eine Haushaltssperre verhängen. An dem Ausbau an der Grundschule hielt er dennoch fest. Im August willigte der Gemeinderat schließlich in neue, gestraffte Finanzierungspläne ein. Die Nutzung der Grundschulräume sorgt indes bis heute für Diskussionen.

Neben der Grundschule sind die Umgehungsstraße, die Beteiligung an der Hauptschule in Pullach oder der Bau eines Supermarkts weitere Themen, die Schäftlarn über Ruhdorfers Amtszeit hinaus beschäftigen werden. Ruhdorfer persönlich wünscht sich einen Supermarkt in zentraler Lage. 2010 sprachen sich die Schäftlarner in einem Bürgerentscheid jedoch dagegen aus, sie wollten lieber einen Dorfladen. Wenige Monate später wurde das Projekt jedoch aufgegeben. Ruhdorfer war damals enttäuscht. "Weil ich glaube, dass es wichtig ist, dass man einen erheblichen Anteil im Ort kaufen kann."

Daneben erinnert er sich an viele gute Momente. "Was mir immer Spaß gemacht hat: diese neuen Kinderspielplätze", sagt Ruhdorfer. Drei Stück habe er eingeweiht, keine normalen, richtig groß seien sie geworden. "Wenn dann die Kinder zum ersten Mal drauf sind und das in Beschlag nehmen" - er lächelt. Auch wenn die Feuerwehr ein neues Fahrzeug bekam, habe er sich mitgefreut. "Da ist eine große Erwartungsspannung. Und wenn das Auto dann da ist - da ist dann ein Glücksgefühl, das ansteckend ist. Da kann man sich drin wohlfühlen und praktisch baden." Am wichtigsten aber: "Wenn man einen einzelnen sieht, der irgendwie nicht weiterkommt und dem man helfen kann."

Als Schäftlarns Rathauschef war Ruhdorfer verantwortlich für alles. "Wenn es heißt, der Baum liegt auf der Straße, dann ist der Bürgermeister zuständig", sagt er. "Insofern braucht man eine gewisse Stellung. Man muss das dann auch ausfüllen. Man kann sich dem nicht entziehen." Manchmal aber frage er sich: "Kennt der mich jetzt nur, weil ich Bürgermeister bin, oder auch als Person?"

Die gleiche Frage mag sich vermutlich auch seine Frau manchmal gestellt haben. Ulrike Ruhdorfer organisiert die Schäftlarner Tafel. "Sie hat sich schon immer dafür interessiert, was ich an Arbeit hatte", erzählt Ruhdorfer. Schon allein deshalb, weil sie oft darauf angesprochen wurde, im Dorf, beim Einkaufen oder sonst wo. Seine Frau habe aber auch aufpassen müssen. "Man wird vereinnahmt, um einen Umweg zu mir zu finden", sagt der Bürgermeister. Gemeinsam mit seiner Frau hat er vier Kinder. Mit ihnen will Ruhdorfer nun mehr Zeit verbringen. Er will viele Bücher lesen und eigentlich wollte er an seinem ersten Tag im Ruhestand auch auf die Maifeier gehen, die ist wegen der Coronakrise aber nun abgesagt. Stattdessen wird er "dann ganz in Ruhe spazieren gehen, ums Haus rum", sagt er und lacht leise.

Über seinen Amtsnachfolger freut Matthias Ruhdorfer sich. Schließlich war er es, der Christian Fürst vor 20 Jahren gefragt hat, ob er nicht als Gemeinderat kandidieren wolle.

© SZ vom 17.04.2020

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