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Werner Weindl Rathaus Lenggries

1996 wurde Werner Weindl zum Bürgermeister von Lenggries gewählt. Damals war er 35 Jahre alt und ein Seiteneinsteiger ohne kommunalpolitische Erfahrung. Der studierte Bauingenieur stieß seither in der Brauneckgemeinde viel an. Nun übergibt er zum Mai die Rathausschlüssel an seinen Nachfolger.

(Foto: Manfred Neubauer)

Fast ein Vierteljahrhundert hat Werner Weindl, dienstältester Bürgermeister im Landkreis, die Brauneckgemeinde Lenggries geführt. Seine Abschlussrede muss wegen Corona entfallen, im Porträt aber erzählt er von den größten Herausforderungen und worauf er sich freut

Von Petra Schneider

Seinen Abschied nach 24 Jahren hat sich der Lenggrieser Bürgermeister Werner Weindl anders vorgestellt: Die Rede für die Bürgerversammlung, die wegen Corona vorerst abgesagt wurde, hat er fertig in der Schublade. Eine knappe Präsentation über seine Amtszeit hätte es werden sollen, "auf keinen Fall eine Selbstbeweihräucherung", betont der scheidende CSU-Rathauschef.

Ob er das überhaupt könne, nach 24 Jahren loszulassen, das habe ihn seine Frau Regina als erstes gefragt, als er vor gut einem Jahr entschieden hat, nicht mehr zu kandieren. Ja, das könne er, sagt Weindl bestimmt. Er sei enttäuscht, dass es die CSU-Kandidatin Christine Rinner nicht einmal in die Stichwahl geschafft hat, nun unterstütze er seinen Nachfolger Markus Landthaler (FW) bei der Einarbeitung. "Aber gscheid daher reden werde ich sicher nicht."

Dass Weindl nicht noch einmal kandidiert hat, kam überraschend. Der 59-jährige gebürtige Lenggrieser ist beliebt und genießt Ansehen über Parteigrenzen hinweg; eine Wiederwahl wäre wohl Formsache gewesen. Fast ein Vierteljahrhundert hat der dienstälteste Bürgermeister im Landkreis die Brauneckgemeinde mit ruhiger Hand geführt. Weindl wollte gestalten, aber behutsam. Einige der großen Projekte muss nun sein Nachfolger weiterführen - unter den erschwerten Bedingungen der Corona-Krise, "das wünsche ich niemandem", sagt Weindl.

Beim Gespräch in seinem Büro wirkt er entspannt und gut gelaunt. Dass der ständige Druck nun weg sei, die vielen Termine bis spät in die Nacht und am Wochenende, das empfinde er als Erleichterung. Seine Entscheidung, nicht mehr zu kandidieren, hat er mit gesundheitlichen Problemen begründet. Anzusehen ist ihm das nicht, Weindl wirkt fit. Seine Ärzte hätten ihm aber schon seit längerem dringend geraten, kürzer zu treten. Sein Bruder sei vor zwei Jahren mit nur 62 Jahren gestorben, das habe ihm zu denken gegeben. Als Weindl 1996 mit 62 Prozent zum Bürgermeister gewählt wurde, war er 35 Jahre alt und ein Seiteneinsteiger ohne kommunalpolitische Erfahrung. Der studierte Bauingenieur arbeitete zunächst im Straßenbauamt in Weilheim, pendelte ein Jahr lang nach Bonn ins Bundesverkehrsministerium und anschließend zur obersten Baubehörde nach München. Lenggries hatte im Jahr seiner Wahl knapp 8000 Einwohner und weder eine Internetseite noch eine E-Mail-Adresse. Sein Sohn war damals zwei Jahre, die Tochter vier. "Meine Familie hat einiges entbehren müssen", sagt Weindl. Wenn man ihn nach besonderen Ereignissen seiner langen Amtszeit fragt, fällt ihm sofort eines ein: Der Olympia-Empfang für die Lenggrieser Skirennläuferin Hilde Gerg, die 1998 in Nagano Gold und Bronze geholt hatte. Projekte wie die neue Schulsportanlage oder den Kindergarten abzuschließen, den Umbau der Kläranlage oder die Hackschnitzelheizanlage mit Nahwärmenetz - das sei schön gewesen. Der Umbau des Gasthofs Post, in dem der Mehrzwecksaal restauriert wird, Kindergarten, Büros und Wohnungen entstehen sollen, liegt im Zeitplan.

Fehler? Das bleibe nicht aus, sagt Weindl, "aber ganz grobe Schnitzer fallen mir nicht ein". Dass die Gemeinde das Kasernenareal Ende 2015 teuer gekauft hat und nun nicht recht weiß, was damit geschehen soll, verteidigt er. Den Kaufpreis müsse man in den richtigen Bezug stellen: Ein Gutachten des Bundes von 2003 habe für die 15 Hektar große Fläche einen Wert von 24 Millionen Euro ermittelt. 2009 sei das Gelände samt der schadstoffbelasteten Gebäude von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben an den Investor Arcavest verkauft worden - für 170 000 Euro. Weil dieser nicht genügend Geldgeber für das geplante Camp Woodward Europe aufgetrieben habe, hat die Gemeinde das Gelände 2015 für fünf Millionen Euro gekauft. Weindl hält eine Bildungseinrichtung auf dem Areal für sinnvoll und realistisch, weil München weiter wachse und zusätzliche Hochschulen brauche. Warum also nicht in Lenggries? Eine Entwicklung mit Wohnungen und Läden lehnt er nach wie vor ab, weil dann ein zweites Zentrum entstehen und die Ortsmitte geschwächt würde. Zudem könne der Umbau der denkmalgeschützten Kasernengebäude nie zu "bezahlbarem Wohnraum" führen, glaubt Weindl.

Dass die Gemeinde das Pflegeheim für rund 13 Millionen Euro selbst baut, sei im Gemeinderat einstimmig beschlossen worden. Der Neubau refinanziere sich über die Miete, die die Caritas an die Gemeinde zahle. Weitere Kredite solle die Gemeinde nun aber möglichst nicht mehr aufnehmen. Auch ohne Corona sähe es deshalb wohl schlecht aus für eine Sauna bei der Isarwelle, für die der scheidende Bürgermeister jahrelang geworben hat. Das Projekt war am Widerstand von SPD und Freien Wählern gescheitert, im Wahlkampf haben sich nun aber alle Parteien dafür ausgesprochen. Dass die Gemeinde die Flüchtlingskrise gut gemeistert hat, darauf ist Weindl stolz. In der Hochphase lebten 160 Geflüchtete in der Containersiedlung bei der Schule und in privaten Wohnungen. Die Gemeinde stellte eine Flüchtlingskoordinatorin ein, etwa 100 Ehrenamtliche waren im Helferkreis aktiv. In diese Zeit fällt eine der schlimmsten Erfahrungen seiner Amtszeit: Eine Demo der ominösen Gruppierung "Kandel ist überall", die sich 2018 vor dem Lenggrieser Rathaus formierte und gegen eine als "Speed-Dating" bezeichnete Veranstaltung hetzte, mit der die damalige Flüchtlingskoordinatorin Kontakte zwischen Einheimischen und Geflüchteten fördern wollte. Das Aktionsbündnis, für Weindl eine "verkappte AfD-Veranstaltung", diffamierte die letztlich abgesagte Veranstaltung als "Kuppelei". Der Bürgermeister und die Flüchtlingskoordinatorin wurden im weltweiten Netz mit "abartigen E-Mails" überzogen, sagt er. "Da habe ich zum ersten Mal am eigenen Leib erlebt, was ein Shitstorm ist", erinnert sich Weindl.

Dass der Ton rauer geworden ist und der Respekt weniger, das hat Weindl in den vergangenen 24 Jahren beobachtet. Auch das Tempo sei gestiegen. "Das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen, wird mir nicht abgehen", sagt der scheidende Rathauschef, der sich freilich nicht ganz aus der Politik verabschiedet: Er wurde in den Kreistag wiedergewählt und ist stellvertretender Kreisvorsitzender der CSU. Künftig will er sich mehr um den Wald oberhalb der Denkalm kümmern, der seit Jahrhunderten in Familienbesitz ist, er singt in zwei Chören, ist Mitglied im Förderverein der Hohenburger Schulen und will mit seiner Frau öfter verreisen. Außerdem überlegt er, wieder als Bauingenieur zu arbeiten, "aber zeitlich in sehr eingeschränktem Rahmen."

Die Entwicklung in Lenggries werde er natürlich weiterhin beobachten, sagt Weindl. "Jetzt halt aus der Zeitung."

© SZ vom 29.04.2020
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