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Kommunalwahl in Lenggries:Ein Gendarm wird Gemeindechef

Markus Landthaler wechselt im Mai von der Tölzer Polizei ins Amt des Lenggrieser Bürgermeisters. Kraft und Ruhe für die Aufgaben holt sich der 50-Jährige gerne mal beim Sennern auf der Alm - ein Porträt

So richtig verinnerlicht habe er es noch nicht, dass er vom 1. Mai an Bürgermeister von Lenggries ist, sagt Markus Landthaler nach der Stichwahl. "Ich schlafe auch jetzt noch ein bisserl unruhig". Als Kandidat der Freien Wähler hat er sich mit 65,6 Prozent deutlich gegen Wolfgang Morlang von der Bayernpartei durchgesetzt. Vor einem Jahr hätte er sich nie vorstellen können, dass er jetzt Bürgermeister einer 10 000-Einwohner-Gemeinde wird, sagt er.

Landthaler ist seit 33 Jahren bei der Polizei, seit 2008 Dienstgruppenleiter in Bad Tölz. "Ich bin gern Gendarm", sagt er. Trotzdem will er nun "die Komfortzone verlassen", wie es seine Frau Annett formuliert hat. Der 50-Jährige freut sich auf das Neue, "das wird nicht unbedingt der ruhigste Job, aber ich habe mir das gründlich überlegt". Er will sich vor allem dafür einsetzen, dass seine Heimatgemeinde ihren dörflichen Charakter behält.

Landthaler ist seit 23 Jahren verheiratet und hat zwei Töchter, 17 und 22 Jahre alt. Dass die Familie seine Kandidatur unterstützt habe, das sei das Wichtigste gewesen. "Sonst hätte ich es nicht gemacht", sagt er. Am Wahlabend hatte er Nachtschicht, und als die ersten Ergebnisse kamen, habe sein Chef gratuliert, die Kollegen, Dutzende von E-Mails seien gekommen und das Telefon habe nicht mehr stillgestanden. Der große Zuspruch freut und bestärkt ihn, das merkt man ihm an. Das Interview findet in gebotenem Sicherheitsabstand in seinem Büro statt. Landthaler mag das persönliche Gespräch lieber, als am Telefon. Er nimmt sich Zeit und legt gleich mit den Themen los, die in Lenggries anstehen.

Bodenständiger Typ: Gesunde Gesichtsfarbe, Trachtenhemd und Weste, breites Bairisch. Noch hat Markus Landthaler seinen Arbeitsplatz in der Tölzer Polizeiinspektion, bald aber schon im Rathaus von Lenggries.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Einen neuen Ortsteil auf dem Kasernenareal, mit Wohnungen, Geschäften und Kita, wie von der SPD vorgeschlagen, will er nicht. Denn das würde Lenggries nicht weiterbringen und auch den Zielsetzungen des ISEK widersprechen, wonach der Ortskern als Zentrum gestärkt werden soll. Die Gemeinde habe das Kasernenareal als Vorratsfläche gekauft und nicht, "um das zu Geld zu machen". Das "Grundübel" sei der Denkmalschutz, findet er. Warum die Kasernengebäude aus der Nazizeit, die "nur für den Krieg gebaut wurden", überhaupt unter Denkmalschutz gestellt wurden, kann er nicht ganz nachvollziehen. Auf jeden Fall erschwere das eine Entwicklung des Areals erheblich. Vor ein paar Jahren habe es einen Interessenten für die Ansiedlung einer Fachschule gegeben. Das wäre ideal gewesen, findet Landthaler, habe sich aber leider zerschlagen. Aber so eine Anfrage könne immer wieder kommen, "man darf nur nix überhudeln." Die Sportanlagen auf dem Kasernengelände müsse man freilich getrennt sehen. Der Sportplatz werde bereits vom Turnverein genutzt, und die Turnhalle soll hergerichtet werden.

Auch die Sanierung der Isarwelle steht an; der künftige Bürgermeister ist dafür, dass das Bad mit einer Sauna aufgewertet wird. Der neue Kindergarten im Gasthof Post soll im September öffnen, die Planungen für den Neubau des Pflegeheims würden fortgeführt, der Hochwasserschutz, der momentan ein bisschen in den Hintergrund getreten sei, werde die Gemeinde wieder einholen. Viele Millionenprojekte, aber im Moment gebe es eine klare Priorität: Die Corona-Krise, von der keiner wisse, wie lange sie dauert. Sicher sei, dass sie empfindliche Wunden in die kommunalen Haushalte schlagen werde, weil die Steuereinnahmen einbrechen. "Da müssen jetzt alle auf Sparflamme fahren", sagt Landthaler. Keine idealen Bedingungen für einen Amtsantritt. Aber er sei ja nicht allein, in der Verwaltung säßen "Top-Leute", und er werde "hervorragend" von seinem Vorgänger eingearbeitet. Werner Weindl sei ein sehr guter Bürgermeister gewesen, findet Landthaler. Einer, der sich mit "narrisch viel Herzblut für die Gemeinde eingesetzt hat."

Markus Landthaler

"Dass die Familie meine Kandidatur unterstützt hat, war das Wichtigste. Sonst hätte ich es nicht gemacht."

Gibt es etwas, das er anders machen will, als sein CSU-Vorgänger? Da falle ihm spontan gar nichts ein, sagt Landthaler, der sich auch im Wahlkampf stets nur positiv über seine Gegenkandidaten geäußert hat. Wahlkampf - das ist ein Wort, das er sowieso nicht mag. "Streiten hab' ich dick", sagt Landthaler. Verschiedene Meinungen, das sei das eine. Aber ins Persönliche dürften Diskussionen nie gehen, und man müsse sich anschließend immer noch in die Augen schauen können. Dass das im neuen Gemeinderat, in dem künftig neben Freien Wählern und CSU auch Grüne und SPD vertreten sind, klappt, da hat er keine Zweifel. "Das sind ja 24 helle Köpfe."

Der neue Rathauschef ist ein bodenständiger Typ: Gesunde Gesichtsfarbe, Trachtenhemd und Weste, breites Bairisch. Er radelt gern mit seiner Frau, am liebsten in Südtirol, voriges Jahr haben die beiden eine Alpenüberquerung gemacht. Landthaler interessiert sich für die Geschichte seiner Heimatgemeinde, sammelt alte Postkarten und Reiseführer. Er ist Mitglied in diversen Vereinen - Feuerwehr, Wasserwacht, Flößerverein, Rettet die Isar, Trachtenverein - "aber ich bin kein Vereinsmeier", betont er. Er mag es, unter Leuten zu sein, "aber ich hab auch gern mal meine Ruhe."

Dann geht Landthaler auf die Alm: Anfang September verabschiedet er sich für vier Wochen auf die Rosssteinalm, hütet die Kälber und das Pensionsvieh anderer Bauern, macht die Schwendarbeiten und wendet die Käselaibe, die dort auf der Alm langsam reifen. Seit vier Jahren schon nimmt er sich diese Auszeit, auch für heuer hat er schon zugesagt. Vier Wochen werde er sich als Bürgermeister aber wohl nicht mehr nehmen können. Landthaler mag das, das Draußensein, die Arbeit mit dem Vieh, die Gemeinschaft mit den anderen Sennern. Das gebe Kraft und Ruhe. Und das dicke Fell, das man als Bürgermeister wohl braucht. "Weil recht machen kann man es nie allen", das sei schon klar, sagt er.

© SZ vom 04.04.2020

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