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Kommunalwahl in Bad Tölz-Wolfratshausen:"Es geht nichts über das Original"

Kommunalwahl 2020

Mit dem Aufruhr in Icking befasste sich Bürgermeisterkandidatin Laura von Beckerath-Leismüller.

(Foto: Hartmut Pöstges)

In Icking werfen die Kreis-Grünen anderen Parteien vor, ihr Programm zu kopieren. Zugleich fordern sie jedoch den Schulterschluss aller demokratischer Kräfte

Von Claudia Koestler, Icking

Es war der letzte Skrei, der gerade serviert wurde, da zauberten Zahlen ein anerkennendes Lächeln auch in die Gesichter all jener, die vom Winterkabeljau schon satt waren beim politischen Aschermittwoch der Kreis-Grünen. Elf Listen im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen und sieben Bürgermeisterkandidatinnen- und kandidaten sollen aktuell Wählerinnen und Wähler von den Grünen überzeugen - so viele wie nie zuvor, betonte Kreissprecher Alexander Müllejans. Auch die Entscheidung, wo das diesjährige Fischessen der Partei stattfinden sollte, sei bei all dem Aufwind nicht schwer gefallen: in Icking. Eben dort, wo die Grünen einen der am schnellsten wachsenden Ortsverbände haben und ihr 20. Mitglied an diesem Abend begrüßten.

Doch bei aller positiver Grundstimmung: Nicht alle Redner nutzten an diesem Abend ihr Podium für Spitzen gegen politische Gegner angesichts der jüngsten Vorfälle in der Isartalkommune. "Ich will mit der Tradition brechen", kündigte eingangs die Ickinger Bürgermeisterkandidatin Laura von Beckerath-Leismüller an. Schließlich sei die Kommune gerade "in Aufruhr". Das habe begonnen mit der Diskussion um 5 G, die in Morddrohungen auf beiden Seiten mündete. Dann gab es die Attacke auf Wahlplakate von der SPD-Bürgermeisterkandidatin Beatrice Wagner, der darauf mit dem Messer das Gesicht zerschnitten wurde. Und bei ihrem eigenen Plakat seien die Augen ausgestochen worden. All dies gipfelte in der Attacke auf die Plakate der PWG-Bürgermeisterkandidatin Cornelia Zechmeister, die beschmiert und mit ihrem Porträt an Maibäumen aufgeknüpft war. "Wo sind wir denn"?, erregte sich von Beckerath-Leismüller. Ein Krisentreffen von Vertretern aller Ickinger Parteien und Wählergruppierungen habe ihr aber Hoffnung gegeben. Denn sie habe dabei deutlich gemerkt: "Wir vertreten alle die gleichen Werte, mit jedem der anderen Ickinger Gruppierungen kann man reden." Genau das sei auch eine ihrer Stärken, nämlich Leute an einen Tisch zu holen. Das lässt sie wiederum hoffen auf die politische Zukunft Ickings: "Ich will was bewahren, aber ich will auch was verändern, und wir müssen lokal etwas ändern, um der größten Herausforderung zu begegnen, dem Klimawandel." Dazu wolle sie ein Leitbild erstellen.

Von Beckerath-Leismüller hatte damit intoniert, was ein Konsens an diesem Abend bei allen Rednern war: die gemeinsamen Werte der demokratischen Parteien. Und noch ein weiterer Schulterschluss wurde geübt: Der zwischen den Landkreis-Grünen und dem Ortsverband der nördlichen Nachbarkommune Schäftlarn. Deren Mitglied Christian Lankes fragte, was das Grünen-Programm von denen anderer Parteien unterscheide, und antwortete gleich selbst: "Gar nichts. Die haben alle bei uns abgeschrieben."

Kreissprecher Müllejans nutzte den Abend, doch mit den anderen Parteien ins Gericht zu gehen. Dass der Landtagsfraktionsvorsitzende der CSU, Thomas Kreuzer, jüngst in Egling die Grünen als "Ein-Themen-Partei" gescholten habe, dafür sei er ihm fast dankbar. "Das zeigt doch, dass wir ernst genommen, ja vielleicht sogar gefürchtet werden." Unumwunden gab er zu: "Ja, wir streben nach Macht." Aber diese Macht gelte es zu nutzen, um mitzugestalten. Die Grünen seien längst thematisch sehr breit aufgestellt; sie stünden für ein freies und buntes Europa, für echte Veränderungen und "keine Klima-Paketchen". Er warnte deshalb vor "Leuten mit grünen Jäckchen - es geht nichts über das Original." Jüngste Wahlergebnisse und der aktuelle Zuspruch mache ihm Hoffnung, "dass Kreuzer und Co. am 15. März ihr grünes Wunder erleben werden".

Ein Auftritt von "Power-Frauen" hatte Müllejans zuvor für den gut besuchten Abend im Landhotel Klostermaier angekündigt - und so ergriffen nach der Ickinger Bürgermeisterkandidatin weitere Bewerberinnen um die Rathaus-Chefsessel das Wort. Martina Raschke, Spitzenkandidatin der Geretsrieder Grünen, kritisierte die AfD. Deren Wahlplakate seien auf einen "Anti-Grünen-Wahlkampf" ausgerichtet, was sie schockiert habe. Sie konterte: "Wir machen eine Politik ohne Angst." Carola Belloni, Kandidatin der Grünen in Eurasburg, monierte die aktuelle Lokalpolitik in ihrer Gemeinde. Dort herrsche "die Entdeckung der Langsamkeit, dabei rennt uns die Zeit davon". Im Wahlkampf gebe sich zwar manchmal "eine Schnecke als Springbock" aus. Doch dort läsen sich die Programme der anderen Parteien auch als Kopien des Grünen-Programms. Vieles gelte es jedoch in Eurasburg anzuschieben, von einer Begegnungsstätte bis zu einer Sporthalle. "Wir brauchen keine Meilensteine, wir müssen klare Ziele haben und diese zügig ansteuern."

Mit einer kurzen, aber leidenschaftlichen Rede schwur schließlich Landratskandidat Klaus Koch seine Parteifreunde ein: "Wir tun alles, um die Wahl fulminant zu gewinnen." Die Zeiten des Abwägens seien vorbei, "wir orientieren uns vom Ziel her", sagte Koch. Das bedeute, das globale Ziel, den Klimawandel einzudämmen, müsse auch lokal die politische Gestaltung leiten. Die Grünen seien die einzige Partei, die konkret und mutig Veränderungen für dieses Ziel anstrebten. "Woher kommt denn unser Zuspruch? Daher, dass die Leute merken, es verändert sich was." Und wenn am 15. März ein grüner Landrat und zwei, drei grüne Bürgermeister im Landkreis gewählt würden, "dann rumpelt's aber in der Staatsregierung."

© SZ vom 28.02.2020
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