Mit etwa 27 000 Einwohnern ist Geretsried die größte Stadt im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Und sie wächst weiter. Bauprojekte wie das „Opus.G.“ sollen dem Siedlungsdruck in der Metropolregion München Abhilfe schaffen. Doch nicht allen Bürgerinnen und Bürgern ist dieses schnelle Wachstum geheuer. Ein weiteres Thema oder besser: eine unendliche Geschichte ist die geplante Verlängerung der S-Bahnlinie 7 von Wolfratshausen nach Geretsried. Sie soll insgesamt 433 Millionen Euro (Stand 2024) kosten – und nicht gerade wenige glauben nicht mehr daran, dass dieses Vorhaben noch umgesetzt wird. Die große Frage ist: Wie entwickelt sich Geretsried in Zukunft?
Bei einer Podiumsdiskussion mit mehr als 300 Zuhörerinnen und Zuhörern bekannten Amtsinhaber Michael Müller (CSU) und seine Herausforderer Wolfgang Möckel (Freie Wähler), Patrik Kohlert (Geretsrieder Liste), Max Wiens (Wählergruppe Max für Geretsried) und der parteilose Christoph Götz Farbe. Inzwischen hat der Wahlausschuss getagt: Götz kann nicht antreten. Er hat mit 50 nicht die erforderliche Anzahl von 190 Unterstützungsunterschriften erhalten.
Michael Müller, CSU

Jede Generation habe ihre Bauprojekte, sagt Amtsinhaber Müller. Sie seien eine Antwort auf ihre Zeit. Er plädiert dafür, weiterhin bezahlbaren Wohnraum in Geretsried zu schaffen und verweist auf das sogenannte Geretsrieder Modell. Das soll garantieren, dass Familien und einkommensschwächere Menschen eine bezahlbare Wohnung erhalten. Jedem recht machen könne man es nicht, so Müller, Jahrgang 1969, und verteidigt die innerstädtische Nachverdichtung.
Das Wachstum ist in seinen Augen sozial und nachhaltig. Geretsried sei keine Stadt mit jahrhundertealter Geschichte. Sie sei geprägt durch den Aufbauwillen der Vertriebenen und Nachkriegsgenerationen. Nun lebten mehr als 100 Nationen in Geretsried. „Ich sehe in ihr eine Stadt, die Brücken baut; ein Europa im Kleinen“, betont Müller.
Patrik Kohlert, Geretsrieder Liste

Ob er stolz sei auf die Projekte, die in seiner Zeit als Stadtrat realisiert wurden, mag Kohlert, Jahrgang 1980, weder bejahen noch verneinen. Was die Schaffung neuen Wohnraums betreffe, hätte er sich ein gemäßigteres Wachstum gewünscht, sagt er. Mit den „Schachtelklötzen“ könne er sich nur wenig anfreunden. „Ich fände es schöner, wenn die Stadt weniger den Wünschen der Bauträger nachkommen würde“, erklärt er. Dies sei nicht die Aufgabe einer Kommune. Geretsried brauche eine Pause von Bauvorhaben. Zuerst müsse Infrastruktur wie Kinderbetreuungseinrichtungen und ähnliches geschaffen werden. „Wir wollen doch für die Menschen bauen.“ Wer von bezahlbarem Wohnraum spreche, dem könne er nur entgegnen: „Mission gescheitert.“
Die Aufenthaltsqualität in der Stadt möchte Kohlert aufwerten. Wichtig hält er, öffentliche Räume zu schaffen, die Jugendliche nutzen können. „Wo sie nicht immer vertrieben werden.“ Ebenfalls wichtig ist ihm der Erhalt von Grün in Geretsried. Der Stadtwald als Bannwald müsse erhalten bleiben, könne aber durchaus attraktiver gestaltet werden etwa mit Trimm-dich-Angeboten.
Wolfgang Möckel, Freie Wähler

Möckel, Jahrgang 1970, hat bereits kommunalpolitische Erfahrung im Geretsrieder Stadtrat gesammelt, dem er von 2002 bis 2020 angehörte. Der 55-Jährige macht Haustürwahlkampf und kommt seinen Angaben nach daher mit vielen Bürgerinnen und Bürgern in Kontakt. Die Bautätigkeit in der Stadt sei ein viel angesprochenes Thema, sagt er. Natürlich sei es wichtig, kostengünstigen Wohnraum zu schaffen, aber auch Möckel findet, nicht jedem Bauträger „hinterherlaufen“ zu müssen. Denn viel Geld müsse in die Hand genommen werden, um Schulen, Kitas und mehr anzupassen. „Das zieht Hausaufgaben nach sich.“
Wenn Möckel eine Sache umsetzen könnte, würde er sich für eine Fahrradunterführung in Geretsried-Nord einsetzen. Fördern würde er gerne Gründerforen für Start-ups.
Max Wiens, Wählergruppe Max für Geretsried

Ein Neuling auf der kommunalpolitischen Bühne ist der Polizeiobermeister Wiens. Er wurde im Jahr 2000 in Wolfratshausen geboren und ist in Geretsried-Stein aufgewachsen. Grundsätzlich sei Geretsried eine attraktive Stadt, „wenn man es mal reingeschafft hat“. Aus Erfahrung in seinem Umfeld wisse er, dass sich junge Familien die neuen Wohnungen kaum leisten könnten. „Entweder man hat Glück und bekommt eine Wohnung von der Baugenossenschaft oder man bleibt bei seinen Eltern“, erklärt er. „Oder man zieht weg.“ Die neuen Apartments seien nicht für „die richtigen Menschen“ gebaut worden. Schaue man auf die Homepages der Vermarkter werde deutlich, dass es sich um reine Kapitalanlagen handle. „Wir müssen Wohnraum für Geretsrieder schaffen und nicht das Wohnraum-Problem der Münchner lösen.“
Geretsried steht für ihn für die Vielfalt der verschiedenen Kulturen, die dort lebten. Seine Familie kam 1998 aus der Ukraine: „Aber ich war nie der Ausländer.“

