Leben und arbeiten, wo andere Urlaub machen: Der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen kann mit seiner Landschaft punkten, vom Ostufer des Starnberger Sees über die Flora und Fauna entlang von Isar und Loisach bis zu den Freizeitmöglichkeiten an Brauneck, Blomberg oder Herzogstand. Seit Monaten ist die Arbeitslosenquote hier zudem die niedrigste deutschlandweit. Doch nicht alles ist Bilderbuch-Oberbayern: Der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) im ländlichen Raum ist ein großes Thema wie auch die Schaffung bezahlbaren Wohnraums im Schatten der Landeshauptstadt München.
Diesen Herausforderungen muss sich ein neuer Landrat stellen. Nach 18 Jahren im Amt stellt sich Landrat Josef Niedermaier (FW) nicht erneut zur Wiederwahl. Um seine Nachfolge bewerben sich bei der Wahl am 8. März Thomas Holz (CSU), Ludwig Schmid (FW), Andreas Wild (Grüne), Klaus Barthel (SPD), Manuel Tessun (ÖDP) und Sebastian Englich (Linke). Einen Überblick ihrer Positionen boten die Kandidaten bei einer Podiumsdiskussion.
Thomas Holz, CSU

Der Jurist Thomas Holz aus Kochel am See ist 49 Jahre alt, verheiratet und Vater von drei Kindern. Er ist CSU-Kreisvorsitzender und sitzt seit etwa zwei Jahren als Abgeordneter im Landtag. Als Landrat möchte Holz eine Bürgersprechstunde einführen – allerdings sollen die Menschen nicht zu ihm in die Kreisbehörde auf der Tölzer Flinthöhe kommen müssen. Der 49-Jährige plant, durch den Landkreis zu touren, um nah an den Menschen zu sein. Ebenso soll es „Bau-Sprechtage“ geben: Die für Baufragen zuständigen Mitarbeitenden aus dem Landratsamt sollen Bürgerinnen und Bürgern außerhalb des Amts als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Ferner denkt Holz an einen „Zukunfts-Check für den Landkreis“. Dieser soll Antworten auf Fragen wie „Was läuft gut?“ und „Wo hakt es?“ liefern. Dazu möchte er Kreisverwaltung, Bürgermeister und Akteure wie etwa die IHK an einen Tisch bringen.
Bei der Optimierung von Buslinien sei der Landkreis auf einem sehr guten Weg, so Holz. 35 Projekte seien im Nahverkehrsplan aufgelistet, 18 davon seien auf der „Ziellinie“. Die Umsetzung aller Vorhaben ist mit 4,6 Millionen Euro veranschlagt. Die hohen Kosten für den ÖPNV treiben Holz um. Der Landkreis hat im Jahr 2023 fünf Millionen Euro dafür ausgegeben, 2029 werden es geschätzt 15 Millionen Euro sein. Qualitätsstandards zu sichern, sei in Ordnung, so Holz. „Aber ein Nice-to-have geht nicht mehr.“
Trotz der immensen Summe für die Verlängerung der S-Bahnlinie 7 nach Geretsried von geschätzt 433 Millionen Euro spricht sich der Kochler für das umstrittene Projekt aus. Der Landkreis ist mit 22 Millionen beteiligt. Die S-Bahn-Verlängerung trägt laut Holz dazu bei, den Landkreis als Wirtschaftsstandort zu stärken. Um dem Fachkräftemangel etwas entgegenzusetzen, müsse außerdem bezahlbarer Wohnraum entstehen. Das hofft er als Landrat in enger Kooperation mit den Städten und Gemeinden zu schaffen.
Ludwig Schmid, Freie Wähler

Der Geretsrieder Ludwig Schmid von den Freien Wählern ist 48 Jahre alt und verheiratet. Er ist Bäcker und Geschäftsführer des Familienbetriebs. Der 48-Jährige möchte den künftigen Kreistag mit seinen voraussichtlich vielen neuen Mitgliedern von Anfang an zu einem Team zusammenschweißen. Denn diesen Zusammenhalt vermisst er im momentanen Gremium, dem er selbst angehört.
Um die Kreisbehörde bürgerfreundlicher zu machen, schweben Schmid dezentrale Anlaufstellen im Landkreis vor. Einen Ausbau des ÖPNV müsse sich der Landkreis leisten. Daran führe kein Weg vorbei. Als Unternehmer wisse er, dass ein funktionierender Nahverkehr für Arbeitnehmer wie Arbeitgeber wichtig sei, sagt Schmid.
Geretsried brauche die Verlängerung der S7, ist der 48-Jährige überzeugt. Dass der Bau der 9,2 Kilometer langen Strecke seit Jahrzehnten in der Planungs- und Genehmigungsphase feststeckt, könne einem auf die Nerven gehen, sagt er. Schmid spricht sich – wie seine Mitbewerber – dafür aus, den Druck auf die zuständigen Behörden und Beteiligten zu erhöhen.
Wirtschaftsförderung bedeutet für den Geretsrieder nicht nur, Gewerbeflächen auszuweisen. Es gehe zudem um die Infrastruktur, sagt er. Etwa um eine flächendeckende Internet-Verbindung. Um Fachkräfte zu gewinnen, setzt auch Schmid auf die Schaffung von bezahlbaren Wohnungen. Hier müsse der Landkreis mit den Kommunen kooperieren.
Andreas Wild, Grüne

Andreas Wild ist Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens, 54 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Der Kreisvorsitzende der Grünen hat im Kreistag noch kein Mandat innegehabt. Was kein Hinderungsgrund sei, sagt der Tölzer: „Politik habe ich immer gemacht.“
Auch wenn der Landkreis keinen direkten Einfluss darauf hat, möchte er sich als Landrat für bezahlbaren Wohnraum einsetzen. Am Herzen liegt ihm nach eigenem Bekunden die Energiewende. Die angeschlagenen Finanzen des Landkreises will Wild wieder auf ein solides Fundament setzen. Das Landratsamt soll digitaler und bürgernäher werden.
Der ÖPNV soll attraktiver werden. Um dieses Ziel zu erreichen, dürfe man nicht nur auf die Kosten schauen, betont Wild. Er setzt auf einen Ausbau der Expressbus-Linien. Was die unendliche Geschichte der S7-Verlängerung betrifft, möchte Wild als Landrat auf den Tisch hauen, damit bei dem Projekt endlich etwas vorangeht.
Was die Wirtschaftsförderung betrifft, plädiert der Tölzer dafür, Denkschranken abzubauen und kreativen Ideen Raum zu geben. So müssten Gemeinden und Landkreis nicht jeweils eigene Wirtschaftsförderer beschäftigen. Gemeinsam könne man mehr erreichen, ist sich Wild sicher.
Klaus Barthel, SPD

Der Sozialdemokrat Klaus Barthel war von 1994 bis 2017 Mitglied des Deutschen Bundestags. Heute sitzt der 70-jährige Sozialwissenschaftler im Kochler Gemeinderat und im Kreistag.
Als seine Hauptziele nennt er, das Nahverkehrskonzept des Landkreises fortzuschreiben, die Jugendsozialarbeit fortzusetzen, die Zusammenarbeit zwischen Landratsamtsverwaltung und Gemeinden zu verbessern. Weitere Punkte sind die Ganztagsschulbetreuung und der Wohnungsbau. Diese Themen könnten die Kommunen nicht für sich alleine lösen. Der Landkreis müsse helfen und Vorhaben koordinieren, so Barthel.
Das Landratsamt hält Barthel für bürgerfreundlich, wenn auch noch Luft nach oben wäre. So sei die Digitalisierung eine gute Sache, doch müsse nach wie vor ein „analoger Zugang“ möglich sein. Der ÖPNV müsse für Nutzer günstiger werden. Barthel kann sich durchaus vorstellen, dass Busfahren kostenfrei ist. Da der Landkreis finanziell am Ausbau der S7 beteiligt ist, solle er härter auftreten und den „Ringelpiez mit Anfassen“ beenden.
Ausreichender und bezahlbarer Wohnraum sei der Dreh- und Angelpunkt für eine positive Entwicklung des Landkreises und seiner Bürgerinnen und Bürger. Ein erster Schritt, so Barthel, wäre es, wenn der Landkreis Personalwohnungen für seine eigenen Beschäftigten schaffen würde – wie es etwa bei der Kreisklinik Wolfratshausen geplant ist.
Manuel Tessun, ÖDP

Der Diplom-Betriebswirt Manuel Tessun aus Egling arbeitet als Immobilienmakler und Dozent. Tessun ist 48 Jahre alt, verheiratet und hat vier Kinder. Er ist Kreisvorsitzender der ÖDP und sitzt im Kreistag.
Die Verwaltung im Landratsamt würde er gerne optimieren und bürgernäher gestalten. Lange Wartezeiten und ein „Zuständigkeitspingpong“ müssten ein Ende haben.
Ein Hauptthema ist für Tessun die Energiewende: Die Windkraft im Landkreis auszubauen, hält Tessun für den falschen Weg, da es nur wenige geeignete Standorte für Anlagen gebe. Der 48-Jährige setzt stattdessen auf Photovoltaik, Wasserkraft, Biomasse und Blockheizkraftwerke.
Statt auf die Verlängerung der S7 weitere Jahrzehnte warten zu müssen, plädiert Tessun für ein kleinteiligeres Nahverkehrsnetz. Zu diesem gehört für ihn unter anderem der Ausbau der Expressbus-Linien, die sich bewährt hätten. Die Probleme mit der S7, bei der Verspätungen und Ausfälle an der Tagesordnung sind, seien die besten Argumente gegen einen Ausbau. „Man kann auf ein marodes Fundament kein neues Haus draufsetzen“, sagt Tessun. Die komplette S-Bahnstrecke von München nach Wolfratshausen müsse zuerst ertüchtigt werden. Dazu gehört ein zweigleisiger Ausbau, zumindest um einige Ausweichmöglichkeiten zu schaffen. Die Verlängerung hält Tessun auch deshalb für falsch, da sie den Standort Wolfratshausen „kannibalisieren“ würde. Die benachbarten Städte müssten als ein Wirtschaftsraum gesehen werden.
Sebastian Englich, Linke

Der 40 Jahre alte Bäckermeister und Chocolatier Sebastian Englich von der Linken ist in Bad Tölz zu Hause. Seit 2020 sitzt er im Kreistag.
Den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen sozialer zu machen, sei sein „Herzensthema“, betont Englich. Sozialer Wohnungsbau, Mobilität und der Ausbau der S7 sind weitere Themen. Um das Landratsamt „besser“ zu machen, würde Englich gerne das Personal aufstocken und auf KI setzen.
Busfahren sollte grundsätzlich kostenlos sein, findet Englich. Um das daraus entstehende Einnahmedefizit auszugleichen, müssten andere Quellen herangezogen werden, etwa die Zweitwohnungssteuer.
Statt eine neue Strecke für die S7 nach Geretsried zu planen, würde der Tölzer lieber das alte Industriegleis von Wolfratshausen nach Geretsried verwenden. Ein neuer S-Bahnhof in Geretsried-Nord sei ausreichend, sagt Englich. Geplant sind derzeit drei neue Haltestellen auf Geretsrieder Flur. Wie Tessun hält Englich die Ertüchtigung der bestehenden Bahnstrecke mit Ausweichpunkten für nötig.
Was die Wohnraum-Problematik angeht, wünscht sich der Tölzer neue Projektansätze wie etwa ein Azubi-Wohnheim.

