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Kommentar:Männer-Macht der Gewohnheit

Wie in Geretsried die Posten der Vize-Bürgermeister ausgehandelt werden

Von Felicitas Amler

Frauen kennen solche vorgeblich wohlmeinenden Sentenzen zur Genüge: Eine Kandidatin würden wir sehr gern unterstützen, wir möchten ja durchaus eine Frau im Bürgermeister-Amt; aber zwei können es halt nicht werden. Ach? Eine Zweite und eine Dritte Bürgermeisterin an der Spitze der größten Stadt des Landkreises - unvorstellbar? Und wieso? Drei Männer durften es doch eine ganze Amtsperiode lang sein. Michael Müller, Hans Hopfner, Gerhard Meinl - sechs Jahre lang unangefochten. Aber das ist natürlich etwas ganz anderes. Das jahrhundertealte ungeschriebene männliche Gewohnheitsrecht auf Macht. Selten in Frage gestellt von Männern.

Was aus den Vorgesprächen der Geretsrieder Parteien für den neuen Stadtrat zu erfahren ist, lässt da wenig Veränderung erwarten. CSU und SPD hängen einfach so an dem Zweiten Bürgermeister Hans Hopfner, dass sie ihn wieder im Amt sehen möchten. Obwohl die Partei, für die er steht, es nicht einmal mehr auf zwölf Prozent der Stimmen gebracht hat. Und obwohl zwei andere Fraktionen, Freie Wähler und Grüne, deutlich stärker sind als die SPD, mithin eine Repräsentanz an der Stadtspitze als Wählerauftrag für sich reklamieren könnten.

Es sind überdies zwei ausgewiesen qualifizierte Frauen, die sich um die Vize-Posten bewerben. Sonja Frank als erfahrene und vielfältig aktive Referentin für Soziales und Integration; Martina Raschke als langjährig engagierte Expertin für Klimaschutz und Energiewende. Zwei Themen übrigens, die seit Wochen hinter der Corona-Dominanz aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verschwinden drohen: die Klimakatastrophe und die zutiefst unmenschliche europäische Flüchtlingspolitik. Mit Frauen, die sich im Lokalen um derart wichtige globale Probleme sorgen, könnte sich Geretsried schmücken. Wenn es um sechs Jahre verantwortungsbewusste Stadtpolitik ginge - statt um die gewohnte Kumpelei.

© SZ vom 22.04.2020

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