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Kommentar:Gleichstellung anno 2020

Es gibt nur noch eine einzige Bürgermeisterin im Landkreis

Man muss doch ordentlich stutzen angesichts der neuen Spitze des Gemeindetags-Kreisverbands Bad Tölz-Wolfratshausen. Also - als Mann wahrscheinlich nicht, aber als Frau eben doch. Neun Positionen waren da zu besetzen. Und auf allen sitzt ein Mann. Aus der Runde der 21 Bürgermeister von Icking bis Lenggries wurden diese neun als Vorsitzender, Stellvertreter, Kassier, Beisitzer, Kassenprüfer und Feuerwehr-Ansprechpartner gewählt. Ja, selbst die Schriftführung - sonst gern mal den Frauen zugeschoben - liegt in männlicher Hand.

Hätte nicht wenigstens eine der Aufgaben zur Vertretung der Bürgermeister im Landkreis von einer Frau übernommen werden können? Die traurige Wahrheit ist: Eine schon, aber damit wär's dann auch schon wieder Schluss gewesen. Es gibt nämlich nur noch eine einzige Bürgermeisterin im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Und zwar in jener Gemeinde, in der sich auch ausschließlich Frauen um das Amt beworben hatten - in Icking.

Dass nicht mehr Bürgermeisterinnen vom Volk gewählt wurden, dafür können selbstverständlich die 20 männlichen Bürgermeister persönlich nichts. Anders als für Dax-Konzerne lässt sich für Kommunen ja schlecht eine Frauenquote festlegen. Aber wenn es nun doch wenigstens diese eine Rathauschefin gibt? Bürgermeisterin Verena Reithmann winkt ab, als sie auf die Wahl im Gemeindetags-Kreisverband angesprochen wird. Sie fühle sich dort keineswegs schlecht behandelt, weil sie nicht um Mitwirkung im Vorstand gebeten wurde, erklärt sie. Das ändert freilich wenig daran, dass 20 Männer offenbar gar nicht auf die Idee kamen, es könne im Jahr 2020 langsam an der Zeit sein für mehr Teilhabe von Frauen im politischen Geschäft.

Eine Kollegin hat nach der aktuellen Kommunalwahl errechnet, dass die Gleichstellung in den Gemeinde- und Stadträten im Landkreis - wenn sie im gleichen Schneckentempo vorankommt wie in den vergangenen zwölf Jahren - erst 2062 erreicht sein wird. Bei den Bürgermeister/innen müssen wir wohl noch ein paar Jahrzehnte zulegen. Ohmannomann!

© SZ vom 20.05.2020

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