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Landwirtschaft und Jagd:Schweinereien auf der Wiese

Erst das große Schmatzen, dann der große Schaden: Wenn Schwarzkittel eine landwirtschaftliche Nutzfläche als Speisekammer nutzen, bleibt kaum ein Grashalm stehen.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Große Schäden durch Schwarzwild lassen Bauern und Jäger zunehmend verzweifeln. Jüngst ackerte eine Rotte den Boden bei Königsdorf komplett um. Bei einem Runden Tisch beraten Verantwortliche, wie das Problem in den Griff zu bekommen ist

Von Susanne Hauck

Die Wiese ist kaputt. Sie ist so ungeniert zertrampelt worden, bis kein grüner Halm mehr übrig geblieben ist, sondern nur noch eine aufgewühlte Mondlandschaft voller schwarzer Erdschollen. Die Täter haben auf einer Fläche von ungefähr zwei Fußballfeldern ganze Arbeit geleistet. Und sich dabei offensichtlich sauwohl gefühlt. Kein Wunder, schließlich stecken Wildschweine hinter dem Zerstörungswerk.

"Das war eine ganze Rotte, die nachts durchzog und zwei Wochen später kam sie noch mal", kommentieren Franz und Lorenz Grasberger die Fotos, die sie herumzeigen. Die beiden Landwirte, Vater und Sohn, aus Zellwies bei Königsdorf, haben ihren für Grünfutter gedachten Boden eines Morgens im März so vorgefunden. Bislang konnten sie kleinere Vorfälle mit der Mistgabel in Ordnung bringen. Aber jetzt hat der immense Schaden Bauern, Jäger, Jagdgenossenschaftler, Vertreter vom Landratsamt, vom Bauern- und Jagdverband auf den Plan gerufen. "Das Thema brennt allen unter den Nägeln ", sieht sich Hans Killer bestätigt. Der Vorstand der Waldbesitzervereinigung Wolfratshausen moderiert den "Runden Tisch" auf freier Wiese. In der Tat stehen am Mittwoch rund 80 Männer und eine Frau in olivgrüner Kleidung und mit ernsten Mienen beisammen, um zu beraten, wie der Plage am besten Herr zu werden ist. Denn nicht nur die Bauern ärgern sich über die ruinöse Wühlerei. Die Jagdpächter auch, denn sie müssen für den Schaden aufkommen. In anderen Teilen Bayerns hat das dazu geführt, dass sich manche Reviere schon gar nicht mehr verpachten lassen. Was das Problem weiter verschärft.

Schwarzwild Schaden

Das bleibt übrig, wenn eine Rotte sich durchgewühlt hat.

Wildschweine haben sich in den vergangenen Jahren massiv vermehrt. Ein Grund dafür sind die milden Winter, die die Überlebensrate der Jungtiere steigen lassen. Dazu sind die Bachen mit einem Wurf von bis zu zwölf Frischlingen sehr fruchtbar. Und die im Frühjahr Geborenen bringen schon im Herbst neuen Nachwuchs auf die Welt. Nachts gehen die Schwarzkittel in Gruppen auf Futtersuche. Besonders scharf seien sie auf tierisches Eiweiß wie Engerlinge im Boden, wie es ihn wohl bei den Grasbergers gab, berichtet Hans Hartl von der Jagdgenossenschaft Königsdorf. "Die graben um, das ist wahnsinnig", sagt er. "Wenn die was riechen, ist alles platt."

"Nimma lustig"

Killer wiederum erinnert an die Wildschweinplage, wie es sie schon nach dem Zweiten Weltkrieg in der Gegend einmal gab. So weit will man es nicht mehr kommen lassen. "Die san nimmer in Kirch' ganga, ham nur noch g'jagert, des war nimma lustig." Der Bestand gehört reguliert, da sind sich alle einig, die Frage ist nur wie. "Saubekämpfung bei erster Sichtung", rät Josef Brunner von der Jagdkreisgruppe Wolfratshausen. Denn wenn die Rotte erst einmal da sei, "hat man viel, viel Arbeit". Auch wenn die Jagd helfe, viele Teilnehmer sind der Ansicht, dass die einzelnen Jäger wegen der übergroßen Population mit dem Erlegen gar nicht mehr nachkommen würden. Besonders in unzugänglichen Gebieten wie den Mooren rund um Königsdorf ließen sich die schlauen Sauen nur schwer erwischen. Es wird deshalb viel diskutiert, über konzertierte Aktionen wie Großtreibjagden und über umstrittene Vorgehensweisen wie Saufänge, bei denen die ahnungslosen Tiere in Gatter gelockt und dann gezielt abgeschossen werden. Wenn es nämlich um zwar rechtlich zulässige, aber als nicht waidgerecht gebranntmarkte Methoden geht, grätscht schnell der traditionsbewusste Jagdverband dazwischen. Trotzdem müssten seitens der Politik mehr pragmatische Lösungen her, um die Jagd effektiver zu machen, so die Forderung. Wie der Kirrung, der gezielten Anfütterung der Tiere, dem Aufspüren mittels Wildkameras und dem mittlerweile erlaubte Jagen mit Nachtsichtgerät. Bei all dem müssten wegen der öffentlichen Meinung aber auch Tier- und Naturschützer ins Boot geholt werden, mahnt einer der Teilnehmer, der an das Bienen-Volksbegehren erinnert.

Schwarzwild Schaden

Landwirte, Jäger und Forstbeauftragte berieten sich in Königsdorf auf der grünen Wiese über den Umgang mit Wildschweinen.

Die Wiese der Familie Grasberger ist mittlerweile dank Maschinenkraft und Neuansaat wieder heil und nachgewachsen. 750 Euro hat das gekostet. Die Königsdorfer haben für solche Fälle einen Notfonds eingerichtet, in den Jagdgenossenschaft und Jagdpächter gemeinsam einzahlen. Zehntausend Euro haben sie so in den vergangenen Jahren zusammengespart, aber wenn das so weitergeht, "dann ist der Fonds ruckizucki leer", macht sich Hans Hartl Sorgen.

© SZ vom 04.09.2020

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