Stadttauben leben nahezu überall, wo sich auch Menschen in größerer Anzahl angesiedelt haben. Laut Schätzungen des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu) gibt es von ihnen bis zu 300 000 Brutpaare in Deutschland. Wie viele davon in Königsdorf leben, ist nicht bekannt. Doch André Murach, Bauamtsleiter der Gemeinde Königsdorf, spricht von „30 bis 50 Vögeln“, die mitunter aufgescheucht würden, wenn man mit dem Auto an ihnen vorbeifährt. Viele der Tiere hätten sich an gemeindlichen Gebäuden wie Schule und Rathaus eingenistet. Und dort sorgen sie für einigen Schaden, berichtet Murach. „Die Maßnahmen gegen die Tauben haben uns bislang an die 10 000 Euro gekostet“, erläutert er. Dazu zählen auch sogenannte Spikes, die an Dachstühlen angebracht werden. Sie sollen verhindern, dass Tauben dort ihr Nest einrichten können. Viel Geld kostet es auch, die durch den Kot der Tiere entstandenen Verunreinigungen zu beseitigen.
Weil die bisherigen Maßnahmen jedoch wenig gebracht hätten, hat die Gemeinde nun ein Fütterungsverbot erlassen. Verstöße gegen diese Verordnung werden fortan mit Bußgeldern von fünf bis 1000 Euro geahndet. Für die Durchsetzung sei das Ordnungsamt zuständig, man sei aber auch auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen, betont Murach. „Wir werden aber deswegen jetzt nicht in alle Gärten reinschauen“, verspricht er.
Jemand, der die Tiere flächendeckend füttert, hat den Ausschlag gegeben
Ein solcher Hinweis aus der Bürgerschaft gab offenbar auch den Anlass zum nun geltenden Fütterungsverbot. Demnach gebe es eine Person, die „extensiv“ Tauben füttere. „Ein Erstgespräch dazu war nicht zielführend“, berichtet Murach. Daher habe man sich für den Erlass des Fütterungsverbotes entschieden.
„Ich kann das nachvollziehen“, urteilt Walter Wintersberger, Vorsitzender des Landesbundes für Vogel- und Naturschutz (LBV) in der Kreisgruppe Bad Tölz-Wolfratshausen. Zwar seien aus seiner Sicht Tauben grundsätzlich willkommen. „Sie gehören zu einer Stadt dazu“, hält er fest, fügt aber hinzu: „in einem Maß, das für Mensch und Tier verträglich ist“. Eine zu große Population an Stadttauben könne zur Ausbreitung von Krankheiten führen. „Zudem verursachen zu viele Tiere Stress für die Tauben“, betont Wintersberger. Dabei stehe die Reproduktionsrate in direktem Zusammenhang mit dem verfügbaren Futter: Je mehr die Tiere fressen können, desto mehr gibt es von ihnen. „Eine Taube kann bis zu achtmal pro Jahr zwei Junge aufziehen“, erläutert der Vogelschützer. Zum Vergleich: Singvögel bekommen nur ein- bis zweimal im Jahr Nachwuchs. Üblicherweise finden Tauben genug Futter, auch ohne zusätzliche Gabe durch Menschen. Wer also Stadttauben füttert, sorgt dafür, dass die Anzahl der Tiere rapide steigt.

Zu einer anderen Einschätzung gelangen indes viele Tierschutzvereine. Aus Sicht etwa des Vereins „Menschen für Tierrechte“ sorgt nicht das Füttern durch Menschen für die hohe Brutaktivität von Tauben. Es sei vielmehr die Zucht dieser Tiere, die für die gesteigerte Reproduktion verantwortlich ist, heißt es auf der Homepage des Vereins. Stadttauben seien nämlich keine Wildtiere, sondern Nachkommen von Zuchttauben, also Haustiere. Ein Gutachten der Berliner Tierschutzbeauftragten hat dies 2021 mit Hinweis auf genetische Untersuchungen belegt. Daraus folgt laut den Verfassern, dass Taubenfütterungsverbote nur dann als rechtskonform gelten können, wenn sie in ein kommunales Taubenmanagement eingebettet sind. Ohne Fütterung würden die Tiere laut Einschätzung des Gutachtens einen qualvollen Tod erleiden und die Kommunen so gegen das Tierschutzgebot verstoßen.
Eine Möglichkeit, das zu umgehen, bieten eigens eingerichtete Taubenschläge. Diese werden häufig von Gemeinden betrieben oder zumindest unterstützt, Bekanntheit hat etwa das Augsburger Modell erlangt. Auch die Stadt München unterstützt derartige Taubenhäuser, in denen sich die standorttreuen Tiere aufhalten können. Der Vorteil: Weil Tauben die meiste Zeit dort verbringen, fällt der Großteil der Verschmutzung durch Kot auch dort an. Zudem werden die Taubeneier regelmäßig durch Attrappen ausgetauscht. Damit kann der Nachwuchs kontrolliert werden – und das aus Sicht vieler Organisationen effektiver als durch Fütterungsverbote.
Ist ein solches Modell auch für Königsdorf denkbar? Laut Bauamtsleiter Murach hat man diese Möglichkeit in der Gemeindeverwaltung diskutiert, sich dann aber aus finanziellen Gründen dagegen entschieden. Die Kosten für den Bau eines Taubenschlags belaufen sich laut Angaben von Tierschutzvereinen auf bis zu 30 000 Euro, ein kleinerer Brutschrank kostet gut 4000 Euro. Dazu kommt der Unterhalt, den häufig lokale Tierschützer übernehmen. „Wir wollen vorerst nur das extensive Füttern unterbinden“, betont Murach. Für die Zukunft seien solche Alternativen aber eine Option.

