Einfach mal nichts tun. Nicht malen, nichts konzipieren. Keine Hausarbeit leisten, keine Kinderbetreuung. Nicht ins Atelier gehen und nicht in die Küche. Zu diesem Streik haben die Künstlerinnen Anna Schölß und Gabi Blum im vergangenen Jahr am Internationalen Frauentag aufgerufen. Ihr Streiklokal richteten die beiden Gründerinnen des Bündnisses Kunst und Kind (K&K) in der „Galerie der Empfangshalle München“ ein. Dort inspirierten sie Kolleginnen dazu, „demonstrativ nichts zu tun“. Eine Ausnahmesituation, denn: Im Alltag stehe dieses Privileg selbständigen Künstlerinnen und Künstlern (mit Kindern) nicht zu.
Mit Aktionen wie dieser hat sich die in Kochel am See lebende Künstlerin Anna Schölß einen Namen gemacht. Neben ihrem eigentlichen Kunstschaffen „zwischen Farbe und Raum“ ist die 42-Jährige beständig um neue Ideen, Anregungen und Impulse bemüht. Über allem steht ihre Arbeitsmaxime „Transformationen“. Damit hat Schölß begonnen, als sie aufs Land zog, in die Nähe des Dominikanerinnenklosters Schlehdorf, das mitten im Prozess der Umwandlung war.

Als junge Künstlerin, nach dem Studium für Bühnen- und Kostümbild und Malerei an der Akademie der bildenden Künste, war sie „international unterwegs“ – in der Schweiz, in Ägypten, Polen und Spanien. Sie lebte in Berlin und Wien. Sie arbeitete viel in Kollektiven, konnte von ihrer künstlerischen Tätigkeit auch ihren Lebensunterhalt bestreiten.
Und das, obwohl es Galeristen wie diesen einen in München gab, der Schölß ein Schlüsselerlebnis bescherte. Er habe ihre Arbeiten super gefunden, erzählt sie, doch dann stellte er diese Frage: „Wie sieht’s denn mit der Familienplanung aus?“ Viele Frauen kennen das. Anders als ihre männlichen Kollegen werden sie danach beurteilt, ob sie eines Tages Kinder bekommen wollen. Der Galerist erklärte das damals so: Frauen hörten auf zu malen, sobald ein Kind da sei.
Sexistische Frage
Anna Schölß hat inzwischen zwei Kinder, vier und neun Jahre alt. Und sie hat nicht aufgehört zu malen. Die sexistische und diskriminierende Frage von einst hat vielmehr dazu beigetragen, dass sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Gabi Blum ein Bündnis gegründet hat, das sich für Frauen in der Kunst einsetzt: für mehr Sichtbarkeit von Künstlerinnen, bessere Arbeitsbedingungen von Künstlerinnen und Künstlern mit Care-Arbeit, für ein Netzwerk, für eine gleichgestellte Kunst- und Kulturpolitik. Die Angebote reichen von performativen Installationen wie dem K&K-Streiklokal bis zu Vorträgen, Workshops und langfristigen Projekten. Auch dieses Engagement im K&K könnte man unter dem Rubrum „Transformationen“ sehen.

Die erste Transformation aber war die im Kloster Schlehdorf. Dort hat sich im Jahr 2020 der Verein Zukunft Kulturraum Kloster gegründet, dessen Ziel die nachhaltige Transformation insbesondere von Frauenklöstern ist. Schölß lebte damals bereits in Kochel und arbeitete im Cohaus Schlehdorf, einem gemeinschaftlich genutzten Lebens-, Arbeits- und Begegnungsraum. „Dieses Wort – Transformation – hat mich so gepackt“, sagt sie, „und vor mir dieser Ort, der so im Umbruch war.“
Die Transformationen der Künstlerin begannen mit einer Reihe unter diesem Titel. Drei Jahre lang kuratierte sie große, teils international besetzte Ausstellungen in den Klosterräumen: 2021 die „Werkstatt für künstlerische Standortbestimmung“, 2022 „Care. Eine künstlerische Auseinandersetzung über den Wert und Wertewandel der Fürsorge“ und 2023 „Shelter“, eine Schau, die erstmals die „Katakomben“, Schutzräume der Schwestern im Keller des Klosters, öffentlich zugänglich machte und sie als „Schutzträume“ inszenierte.

Die Realität der „Katakomben“ konnte allerdings auch Albtraum-Charakter haben, woran sich Schwester Josefa Thusbaß damals erinnerte: „Diese unheimliche Stille und Verlassenheit, die einen – eingeschlossen in den dicken Mauern – umfängt, hat etwas Beschützendes und zugleich etwas Ängstigendes.“
Treffpunkt für Kunstsinnige
Als Künstlerin liebt Anna Schölß das besondere Licht im Blauen Land, womit das oberbayerische Voralpenland rund um den Staffelsee gemeint ist. Als Kuratorin will sie „die zeitgenössische Kunst ins Blaue Land holen und damit eine kulturelle Brücke bauen zwischen Stadt und Land“. Nach den Ausstellungen in Schlehdorf schuf sie zusammen mit Johannes Hochholzer im leer stehenden Café Erika in Kochel einen Kunstraum auf Zeit. Ihre „Werkstatt für Transformationen“ (WfT) bot sich an als Treffpunkt für kunstsinnige Menschen, als Atelier und Ausstellungsraum für Kunstschaffende, als Treffpunkt für Dialog und nicht zuletzt als Impulsgeber für den Ort.

So fand eine spektakuläre „Passage Kochel“ statt, die der Kochler Zitherspieler Georg Glasl initiiert hatte: ein Kunstzug durch den Ort mit Blaskapelle, angeführt von Glasl und der Performerin Ruth Geiersberger, begleitet von Fahnen mit islamischen Zitaten. „Es war ein Moment, in dem viele Menschen etwas getan haben, was sie noch nie zuvor gemacht hatten“, sagt Schölß. „Mitglieder der Blaskapelle haben Neue Musik gespielt, dazu die kulturellen Zitate aus verschiedenen Ländern und Religionen – das hat eine Wirkung gehabt. Und das arbeitet bei vielen Kochlern und Kochlerinnen noch nach.“

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Von Ladenbesitzern über Bürgermeister Jens Müller bis zur Direktorin des Franz-Marc-Museums, Jessica Keilholz-Busch, haben sich Menschen inspirieren lassen. „Es wurden Brücken geschlagen“, sagt Schölß, „es ist wahnsinnig viel aufgeblüht.“ Dem Projekt von Schölß und Hochholzer folgten Ausstellungen, ein Popup-Store, eine Lesung mit Friedrich Ani und eine Spielewoche. Auch zwischen Kochel und dem Franz-Marc-Museum seien die Kontakte gewachsen.

Eigentlich schätzt es Schölß, „zurückgezogen zu sein“. Das kann sie in ihrem Atelier in der Kunstfabrik Reuterbühl ihrer Kollegin Rita de Muynck in Schlehdorf. Dort arbeitet sie aktuell an ihren Cutouts, zweilagigen Papierarbeiten – unten kristalline Formen, darüber geometrische Strukturen, die sich zur Überraschung der sonst abstrakt malenden Künstlerin oft zu figurativen Elementen entwickeln. Womöglich ist auch dies eine Transformation.
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