In der Region zwischen Isarwinkel und Loisachtal gibt es einige Jugendherbergen. Mit 186 beziehungsweise 173 Betten sind die Häuser in Benediktbeuern und Bad Tölz die größten. Die Lenggrieser Jugendherberge hat 88 Betten, die in Urfeld am Walchensee mit 101 ein paar mehr. Der Landesverband Bayern des Deutschen Jugendherbergwerks (DJH Bayern) hat das Haus am Fuß des Braunecks vor mehr als zehn Jahren umfassend modernisiert, nicht aber das am Walchensee. In dem 1928 errichteten Gebäude ist der Investitionsbedarf inzwischen so hoch, dass das DJH Bayern die Herberge als unrentabel einstuft. Der Betrieb soll Mitte November dieses Jahres eingestellt und das Areal verkauft werden.
Die landschaftliche Lage am Hang oberhalb des Nordwestufers am Walchensee könnte zwar kaum reizvoller sein. Im Winter sei es allerdings kaum gelungen, überhaupt Übernachtungsgäste an den Gebirgssee auf 801 Höhenmetern zu bringen, sagt der Sprecher des DJH Bayern, Marko Junghänel. „Die Auslastung lag auf das ganze Jahr gerechnet bei 25 Prozent. Um auf eine schwarze Null zu kommen, brauchen wir 40 bis 50 Prozent.“
Bereits seit den Jahren 2018 und 2019 – also noch vor Beginn der Corona-Pandemie – war laut Junghänel absehbar, dass man die Urfelder Jugendherberge schließen müsse, sollten die Übernachtungszahlen nicht signifikant steigen. Weil das Haus am Walchensee zudem nur Gemeinschaftsduschen und -toiletten hat, seien anders als in den übrigen Jugendherbergen kaum Familien unter den Gästen gewesen.
Deutlich mehr als die Hälfte der Übernachtungen seien von Schulklassen gebucht worden, so Junghänel. Zudem hätten Gruppen und Vereine wie die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) das Haus für Aktivitäten rund um den Wassersport genutzt. Wenn im Winter kein Schnee liege, sei das mit Angeboten in der Natur aber schwierig. Schließlich gebe es am Walchensee kein beschneites Skigebiet wie das Lenggrieser Brauneck und auch keine Loipen in unmittelbarer Nähe, erklärt Junghänel. Gleichzeitig fehle es im Haus an Raumkapazitäten für Indoor-Aktivitäten. „In Pottenstein haben wir zum Beispiel eine Kletterhalle.“

Grundsätzlich finanzieren im DJH Bayern wirtschaftlich besser ausgelastete Jugendherbergen wie etwa in München, Nürnberg oder Würzburg abgelegenere, wirtschaftlich defizitäre Häuser mit. Dieses Verhältnis sei im Fall der Urfelder Einrichtung aber zu ungleich geworden, so der Sprecher des Landesverbands. Der Bau aus dem Jahr 1928 sei nie in nennenswerten Maßen modernisiert worden. Die Fenster und Türen seien 60 bis 70 Jahre alt. „Der Investitionsbedarf liegt bei drei Millionen Euro“, rechnet Junghänel vor: Das hätte für die kommenden zwei Jahrzehnte Belastungen von jährlich 100 000 bis 150 000 Euro bedeutet – zu viel angesichts der geringen Nachfrage nach Übernachtungen. Für andere Häuser wäre dann nicht mehr genügend übrig geblieben, sagt der DJH-Sprecher.
In der Walchenseer Jugendherberge dauerte die Saison in der Regel von Pfingsten bis Ende Oktober. Das Haus hatte sich als alpiner Lernort mit pädagogischem Erlebnisprogramm zu Natur und Kultur in der Region positioniert. Die zukünftige Entwicklung ist derzeit noch offen. Klar ist nur, dass der DJH das nicht denkmalgeschützte Haus mit 101 Betten in 19 Zimmern und mehreren hundert Quadratmetern Nutzfläche samt Hanggrundstück verkaufen will. Sprecher Junghänel berichtet, dass es dazu auch Gespräche mit dem Kochler Bürgermeister gegeben habe.



Das bestätigt Rathauschef Jens Müller (Unabhängige Wähler Kochel). Dabei habe es sich allerdings lediglich um eine „interne Vorabinformation“ gehandelt. Winfried Nesensohn, Vorstandsmitglied im DJH-Landesverband, sei ins Kochler Rathaus gekommen und habe zugesagt, dass man die Kommune zur anstehenden Vermarktung informiert halte. Über konkrete Kauf- oder Verkaufsabsichten sei nicht gesprochen worden, so Müller. „Im Vorfeld der Vermarktung soll nun vom DJH ein Wertgutachten erstellt werden. Erst dann kann man weitersehen.“
Statt Jugendlichen könnten dort künftig Servicekräfte aus der Tourismusbranche schlafen
Vor allem für die Schulkinder, die im Haus übernachteten, sei die Aufgabe der Jugendherberge am Walchensee ein Verlust, sagt Daniel Weickel. „Meiner Meinung haben Jugendherbergen auf dem Land eine größere Bedeutung, weil sie helfen, das Thema Umweltbildung und naturnahen Urlaub zu vermitteln“, so der Leiter der Tourismusabteilung im Rathaus von Kochel am See. Das habe in der heutigen Zeit einen hohen Stellenwert, weil sich viele Kinder und Jugendliche vor allem aus der Stadt wenig in der Natur bewegten.

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Der Kommune entgehe aus finanzieller Sicht ein vierstelliger Einnahmebetrag, sagt Weickel. Die finanziellen Auswirkungen der Schließung fielen also gemessen am Gesamtbudget weniger ins Gewicht. Seinen Daten nach nahm die Zahl der Ankünfte in der Jugendherberge von 2023 auf 2024 zu: von 787 auf 1029. Auch die Zahl der Übernachtungen stieg von 3050 auf 3812. Angesichts des hohen Investitionsbedarfs sei die Entwicklung aber plausibel, findet der Tourismus-Beauftragte. Für das Areal könnte sich Weickel zukünftig etwa ein Boardinghouse etwa für Angestellte in Tourismusbetrieben vorstellen. In der einstigen Jugendherberge an der Badstraße in Kochel am See ist jetzt das Hostel Bergblick untergebracht.
In Garmisch-Partenkirchen galt die Jugendherberge „Moun10“ am Bahnhofsareal einst als Zukunftsmodell für DJH-Häuser. Die gemeinnützige Organisation kooperierte dafür mit einem Investor. Laut Junghänel gleicht das Moun10 mit seinem Hauptaugenmerk auf das Design eher einem Hotel, richte sich an Familien und Einzelreisende. Doch ein Investor verlange acht bis zehn Prozent Rendite, was selbst mit dem modernen Haus nicht zu erwirtschaften sei, so Junghänel. In Garmisch gehe das nur, weil die Jugendherberge in ein größeres Immobilienkonzept eingebettet sei. Bei diesem einen mit Investor umgesetzten Modellprojekt sei es geblieben.

