Schriftsteller Friedrich Ani aus Kochel„Ich hätte einfach weggehen sollen. Egal wohin.“

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„Zwei Fremde zeugten in der Fremde einen Einheimischen“: Der Schriftsteller Friedrich Ani in seinem Geburtsort Kochel.
„Zwei Fremde zeugten in der Fremde einen Einheimischen“: Der Schriftsteller Friedrich Ani in seinem Geburtsort Kochel. Johannes Simon
  • Der 66-jährige Schriftsteller Friedrich Ani hat ein autobiographisches Buch über seine schwierige Kindheit in Kochel geschrieben.
  • In "Schlupfwinkel" beschreibt Ani die Sprachlosigkeit seiner Eltern und seine Isolation als Kind syrisch-schlesischer Herkunft.
  • Literatur wurde für Ani zum rettenden Versteck vor der Enge des Dorflebens und ist heute sein "Wohnmobil".
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Der preisgekrönte Autor Friedrich Ani hat ein bitteres Buch über seine Kindheit in Kochel geschrieben. Warum er es „Schlupfwinkel“ betitelt hat und wann Literatur für ihn zur lebensrettenden Kraft wurde, erzählt der 66-Jährige im Interview.

Interview von Stephanie Schwaderer, Kochel am See

Wer meint zu wissen, dass der erfolgreiche Krimi- und Drehbuch-Autor Friedrich Ani im schönen Kochel am See aufgewachsen ist, der dürfte beim Lesen seines neuen Buchs „Schlupfwinkel“ schnell ins Stocken geraten. „Le Chok“ hat Ani sein Heimatdorf als Bub getauft, indem er die Buchstaben neu anordnete. Ein Schock sei die Nachricht von seiner Zeugung dort gewesen – für die Mutter, eine heimatvertriebene Schlesierin, und für seinen Vater, einen syrischen Medizinstudenten. Auf 128 Seiten entfaltet Ani erschütternde „Fantasien über eine fremde Heimat“, so der Untertitel des bei Suhrkamp erschienenen Buchs.

SZ: Herr Ani, woher nehmen Sie den Mut, sich so zu entblößen?

Friedrich Ani: In meiner Wahrnehmung ist das keine Entblößung, sondern eine Darstellung. Ich habe gemerkt, dass es Dinge gibt, die ich noch nie so erzählt habe. Als meine Mutter erkrankte, war auf einmal klar: Bilder und Gedanken kamen wie von selbst, als hätten sie nur darauf gewartet, dass ich sie endlich aufschreibe. Ich hatte nicht den Eindruck, dass ich etwas preisgebe, was ich nicht preisgeben will. Ich habe mich eher als Chronist gesehen, der in einer verdunkelten Kammer eine Lampe anknipst. So kamen Dinge und Menschen zum Vorschein, die ich lange nicht mehr in dieser Schärfe gesehen hatte. Auch ich, im Spiegel.

Der Bub im Spiegel ist furchtbar allein. Sie nennen ihn immer wieder feige und mutlos. Hätte er eine Chance gehabt, seine Isolation zu durchbrechen?

In meiner Vorstellung: ja. Ich hätte einfach weggehen sollen. Egal wohin. Egal, wie alt ich war. Ich hätte am gelben Dorfschild vorbeigehen sollen, immer weiter. Das habe ich mir auch immer wieder ausgemalt, dass ich einfach loslaufe über die Gleise, ins Murnauer Moos und dann weiter geradeaus bis nach München oder an die Nordsee. Auch in meinen Träumen ging es immer wieder darum, dass ich irgendwo laufe, über Felder und Wiesen und Hügel ins offene Land.

Wovor wollten Sie davonlaufen?

Vor allem. Vor der Enge, vor dem Beobachtet-Werden, vor dem Gemaßregelt-Werden. Vor der Strenge. Und vor den Bergen sowieso.

„Bilder täuschen“, sagt Ani. „Bis heute kann ich mich nicht erinnern, während meiner Unmündigkeit jemals gelacht zu haben. Geweint öfter. Geheult eher.“
„Bilder täuschen“, sagt Ani. „Bis heute kann ich mich nicht erinnern, während meiner Unmündigkeit jemals gelacht zu haben. Geweint öfter. Geheult eher.“ privat

Sie sezieren mit messerscharfen Worten die Sprachlosigkeit Ihrer Eltern. Ist Sprachlosigkeit eine besondere Form der Lieblosigkeit?

Nicht zwangsläufig. Wenn man nicht sprechen kann, weil man die richtigen Worte nicht findet oder überfordert ist, dann ist das vielleicht Unbeholfenheit oder ein Mangel an Bemühen. In meiner Familie hatte das Schweigen eine andere Qualität, es war ein trickreiches Schweigen. Ich wurde als Kind beschwiegen.

Der erste Satz Ihres Buchs heißt: „Der Syrer meiner Mutter tauchte Ende der Fünfzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts auf und blieb bis zum Frühjahr zweitausendzwölf. Dann starb er.“ Haben Sie den Syrer ihrer Mutter jemals Papa genannt?

Nein. Vater. Oder gar kein Name. Die Distanz blieb bis zu seinem Tod. Als er krank wurde, habe ich ihn oft besucht und auch versucht, mit ihm zu reden, aber es ging nicht. Er ist seiner Entscheidung, seiner Haltung treu geblieben, dass er früher kaum mit mir gesprochen hat. Im Nachhinein habe ich das bewundert: dass er sich nicht einschmeicheln wollte und nicht versucht hat, etwas gutzumachen, was nicht gutzumachen war.

Es muss kein Einschmeicheln sein, wenn man die letzte Gelegenheit nutzt, sich zu öffnen.

Vielleicht ist das eine Unterstellung von mir. Ich habe halt in einer bestimmten Umgebung niemandem mehr geglaubt, das ist mein Problem. So wie ich irgendwann als Kind aufgehört habe zu weinen, habe ich irgendwann aufgehört, den Erwachsenen zu glauben. Es hatte einfach zu viele Lügen gegeben.

Im Mittelteil von „Schlupfwinkel“ wird aus dem Ich-Erzähler ein Georg. Warum?

Georg ist mein dritter Vorname nach Friedrich und Ali. Es ist die dritte Person, die Erfindung des Autors.

Straßenzug in Kochel.
Straßenzug in Kochel. Johannes Simon

Sie entdecken als Elfjähriger die Macht der Worte. Literatur wird zu Ihrem Schlupfwinkel. Ist der Schlupfwinkel das Tor zur Freiheit, hinaus aus Kochel und hinein ins Reich der Fantasie?

Ein Schlupfwinkel war für mich vor allem ein Versteck, ein Panic Room, wo ich in Sicherheit war, wenn ich wusste, ich komme eh nicht weg. Wo man sich duckt, weil etwas Unheimliches geschieht, und man wartet, dass es vorüberzieht. Und irgendwann schlüpft man wieder aus dem Schlupfwinkel hinaus.

Mit 18 haben Sie Kochel verlassen und sind nach München gezogen. Jetzt sind Sie 66 und können auf eine Reihe von Literatur-Preisen schauen. Was ist aus Ihrem Schlupfwinkel geworden?

Ein Wohnmobil. Ich fahre umher in meinem Leben, reise mit der Literatur, die ich lese und schreibe. Und habe so ein Zuhause.

In Kochel stellen Sie in Kürze Ihr Buch vor. Mit welchem Gefühl fahren Sie dorthin?

Ich fahre seit Langem einmal die Woche nach Kochel, um mit der Pflegerin meiner Mutter einkaufen zu gehen. Dadurch, dass ich oft da bin und alte Kontakte wieder aufgenommen habe, ist mir der Ort wieder sehr nahegekommen. Ich habe eine neue, freie Art von Zuneigung entwickelt.

Sie lesen auch bei Johanna Zantl, die lange die Buchhandlung Winzerer in Bad Tölz betrieben hat. War die auch ein Schlupfwinkel für Sie?

Auf jeden Fall. Die Buchhandlung Winzerer war für mich wichtiger als jede Kirche in meiner Jugend. Dort habe ich bewegende, wegweisende Bücher entdeckt, Frau Zantl hat sie mir empfohlen. Das war ein schöner, warmherziger Ort, wo ich gut Luft bekommen habe. Buchhandlungen können Leben retten.

Friedrich Ani liest aus „Schlupfwinkel. Fantasien über eine fremde Heimat“ am Freitag, 14. November, 19 Uhr, in der Vollmar-Akademie Kochel, Eintritt frei, um Anmeldung wird gebeten, und am Freitag, 21. November, bei Johanna Zantl im „Eichen-Grund“, Eichenstraße 1, in Bad Tölz, Anmeldung unter eichengrund2015@gmx.de

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