Kochel am See:Befreiende Verfremdung

Kochel am See: Mit den flüchtigen Klängen von "Wie der Wind es trägt" des italienischen Komponisten Stefano Scodanibbio illustrieren Thomas Hofer (Geige), Klaus-Peter Werani (Bratsche) und Hanno Simons (Cello) ein Gemälde von Anselm Kiefer, das an eine wogende Sommerwiese erinnert.

Mit den flüchtigen Klängen von "Wie der Wind es trägt" des italienischen Komponisten Stefano Scodanibbio illustrieren Thomas Hofer (Geige), Klaus-Peter Werani (Bratsche) und Hanno Simons (Cello) ein Gemälde von Anselm Kiefer, das an eine wogende Sommerwiese erinnert.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Musik sehen, Kunst hören: Zum Auftakt des Code-Modern-Festivals für Neue Musik eröffnet das Trio Coriolis im Franz-Marc-Museum einen Beziehungsraum, der an keinem anderen Ort so möglich wäre

Von Paul Schäufele, Kochel am See

Klang-Farben und Farb-Töne: Musik und bildende Kunst sind Geschwister. Das merkt, wer versucht, sich den Disziplinen sprachlich zu nähern. Auf einem Gemälde treten Farben zu einem Grün-Gelb-Blau-Akkord zusammen, während eines Konzerts tupfen die Bläser Akzente. Dass sich die beiden Künste wirklich treffen, kommt dagegen selten vor. Umso passender, dass für die Eröffnungsveranstaltung des frisch kreierten Code-Modern-Festivals für Neue Musik ein solch musikalisch-künstlerisches Tête-à-tête in den Räumen des Franz-Marc-Museums stattfinden kann. Vor den Farborgien des Blauen Reiters spielt das vorzügliche Trio Coriolis Musik der vergangenen hundert Jahre.

Musik und Bild treten also in einen Dialog. Das ist zwar nicht schlecht, an sich aber noch nichts Brisantes. Bestimmt wurden schon oft Streichquartette in Pinakotheken geschickt, um vor Caspar David Friedrichs Gemälden Mendelssohn zu spielen. Was die Eröffnung dieses Festivals interessant macht, ist die Dramaturgie, die Kombination aus genau diesen Kunstwerken und genau dieser Musik, wie Shoshana Liessmann in ihrer Moderation deutlich werden lässt.

Bildende Kunst und Musik sind für die Revolutionäre des Blauen Reiters eben nicht nur kopräsent, sondern zwei Seiten einer Medaille. Wassily Kandinskys abstrakte Gemälde markieren die Versuche, Klang in Pinselstrich zu übersetzen: Farbmusik. Für Kandinsky, der sein Rot gerne auch als trompetenhaft beschrieben hat, verband das mit mystischen Ideen, nicht zuletzt in seiner Bühnenkomposition "Der gelbe Klang". Wenn also im Blauen Land vor den Werken des Blauen Reiters Avantgarde-Musik erklingt, eröffnet sich damit ein Beziehungsraum, der an keinem anderen Ort so möglich wäre.

Mit den flüchtigen Klängen von "Wie der Wind es trägt" des italienischen Komponisten und Kontrabassisten Stefano Scodanibbio geben Thomas Hofer (Geige), Klaus-Peter Werani (Bratsche) und Hanno Simons (Cello) einen ersten Blick frei in diesen Raum künstlerischer Möglichkeiten. Hier werden Spieltechniken erprobt, etwa indem man auf dem Steg kratzt oder flötenhafte, piepsend sirrende Töne mittels Flageolett erzeugt. Das ist eine Herausforderung für das Publikum, weil hier Dinge anders gemacht werden. Die Saiten werden eben nicht nur gestrichen, sondern auf alle möglichen Arten bearbeitet und das auf eine zufällig erscheinende Weise, so wie der Wind Blütenpollen ohne erkennbare Ordnung verbreitet. Die akustische Verfremdung des Stücks von 2002 wird parallel geführt zu der Verfremdung, die wohl die Betrachter empfunden haben, als sie zum ersten Mal ein blaues und ein rotes Pferd auf der Leinwand gesehen haben. Eine weitere Bedeutungsebene gibt das großformatige Gemälde von Anselm Kiefer frei, das den Raum im Obergeschoss des Museums beherrscht - eine vom Wind bewegte Sommerwiese.

Denn wie den Pionieren der Neuen Musik ging es auch den Künstlern des Blauen Reiters um die Erweiterung künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten und das Aufbrechen alter Wahrnehmungsmuster. Nicht ohne Grund haben Marc und Kandinsky in ihren legendären Almanach von 1912, der eine Art Manifest der Bewegung werden sollte, auch Partituren der Zweiten Wiener Schule eingefügt, Lieder von Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton von Webern.

Eine geradezu subversive Idee ist es dann, nicht ein Opus dieser Komponistentrias spielen zu lassen, sondern die 1914 entstandene "Zwölftondauer-Musik" des jüdischen Komponisten und Malers Jefim Golyscheff. Der in der Ukraine geborene Universalkünstler erkundete in diesem Stück das Potenzial zwölftonigen Komponierens, bei dem alle zwölf Töne einer Oktave erklingen müssen, ehe sie wiederkehren dürfen - Jahre vor Schönberg und dessen Schülern. Das Werk Golyscheffs fiel jedoch einer radikalen damnatio memoriae durch die Nationalsozialisten zum Opfer. Das Trio mit seinen expressiven Strukturen, den fragenden, schattenhaften Linien, ist das einzige erhaltene Werk. Welcher Verlust hier zu beklagen ist, wird in der Interpretation des Trio Coriolis, plastisch und dennoch transparent, besonders fühlbar. Zumal im Bilder-Umfeld des Selbstbildnisses als Clown von August Macke, etwa zur selben Zeit entstanden wie das Trio. Golyscheff, der auch Kontakte zu den Berliner Dadaisten pflegte, suchte wie Macke durch seine karikierende Selbstdarstellung die Außenseiterposition, von der aus sich treffender über die Zeit reflektieren lässt.

So ergeben sich ganze Netzwerke aus Verweisen, auch beim ersten Streichtrio von Roman Haubenstock-Ramati, stark von den Kompositionen des Schönberg-Kreises geprägt, aber auch als bildender Künstler tätig. Oder bei der zeitgenössischen Komponistin Daniela Terranova und ihrem "Rainbow Dust in the Sky" von 2018, einer Art Spektralanalyse von Klang. Das Trio Coriolis schafft es, durch feinstes Abtasten des Materials eine Vielzahl an klingenden Farben zu erzeugen, die mit den Werken an den Museumswänden korrespondieren.

"Es ist wahnsinnig schwer, seinen Zeitgenossen geistige Geschenke zu machen", schreibt Franz Marc 1912 im Almanach "Der Blaue Reiter". Im Fall der Code-Modern-Eröffnung scheint es dagegen ganz leicht. Musik, Bild und Natur gehen Hand in Hand, und ein Publikum ist begeistert.

Weitere Infos unter code-modern-festival.de

© SZ vom 06.07.2021
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