Süddeutsche Zeitung

Kloster Schlehdorf:In der Schwebe

Wo einst Nonnen lebten, lassen sich nun Kreative und Künstler inspirieren. Unklar ist, ob das Projekt Zukunft hat.

Es ist ein schmaler, relativ hoher Raum, der den Besucher umfängt. Ein weit oben angesetztes Fenster lässt an diesem sonnigen Tag nur wenig Licht herein, die Zahl der Exponate ist begrenzt, zwölf bis fünfzehn werden es wohl sein, die Eva Kiss nach der Vernissage am Ostersamstag jetzt noch für wenige Tage im Kloster Schlehdorf zeigt. Nichts auf den ersten Blick sehr Spektakuläres, Großformatiges ist dabei. Man wird in diesem geschlossenen Ambiente nicht abgelenkt, muss sich konzentrieren, nah herantreten, um Details zu erkennen, um die Schriftzüge zu entziffern, mit denen die Künstlerin ihre Objekte verbal umfriedet.

Es sind kryptische Sätze und Wörter, die ein Spannungsverhältnis herstellen zwischen dem nur emotional zu erahnenden Hintergrund und der rein formalen Aussage ihrer Werke. Und sie verlangen nicht weniger als die Bereitschaft, in der Betrachtung ebenso kreativ zu sein, wie die Münchner Künstlerin selbst, die sich in ihrer Aussage auf einen sehr allgemeinen, diffusen Deutungsrahmen beschränkt. Der kann sich je nach Blickwinkel so oder so gestalten. "Was Kunst ist, liegt im Auge des Betrachters", sagt Kiss, "ich setze mich mit Innen- und Außenräumen auseinander, mit Ideen und Zusammenhängen". Und mit der Frage: "Bin ich wirklich?"

Die Zusammenhänge: Das sind mitunter biographische Reflexe, aber auch auf die verhängnisvolle deutsche Geschichte abzielende Textfragmente, die unvermittelt, schlagwortartig und düster auf weißen, an Bügeln aufgehängten, feinen Taufkleidern sowie auf sorgfältig bestickten, auf einem Tisch drapierten weißen Kissen auftauchen: "Todesmarsch" liest man da, "mutterseelenallein", "Totenstille", und "Niemandskind" - letzteres wohl ein chiffrierter Hinweis auf ihren familiären Hintergrund als Tochter einer deutschen Mutter und einem aus Budapest stammenden Vater, der während der NS-Zeit im Widerstand engagiert war. Einen Schritt weiter: Zu einem archaisch wirkenden, auf dem Kopf stehenden hingekritzelten Text stellen sich sehr eigene Assoziationen ein, ebenso zu Objekten mit poetisch-bildhaften Wendungen, etwa zu einem mit schwarzem Tüll zusammengehaltenen Haarschopf. Er ist mit einem rätselhaft enthobenen Satz überschrieben: "Im stillen Haus der Eidechse habe ich sonderbar sanfte Beklemmungen." Eidechsen, das sind für Kiss hochsensible Tiere, die jedes kleinste Zittern des Bodens wahrnehmen.

Eva Kiss beleuchtet das Individuum in seiner Widersprüchlichkeit

Im Zentrum ihrer künstlerischen Arbeit sieht Eva Kiss das Individuum in seiner Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit. Sie verortet den Menschen "in der Gleichzeitigkeit des Gegensätzlichen", ein inneres Anliegen, das sie, abseits jeglicher Schablonen und Kategorisierungen, mit verschiedensten Materialien und Bildträgern umsetzt: auf Textilien, Glas, chinesischem Reispapier, Leinwand und Holz. Inhaltlich sind dies alles letztlich Andeutungen, die eigene Interpretationen nicht nur erlauben, sondern sogar verlangen. Auf einer mit verschiedenen Bildelementen gestaltete hölzerne Stele etwa sind drei quadratische Flächen freigehalten, die der Betrachter assoziativ selbst füllen soll. An dessen Vorstellungskraft appellieren auch ein hoch oben an der Wand installiertes Gewirr aus Schnüren und Seilen und eine vergoldete Holzkiste - letztere auch eine Referenz an das Handwerkliche. Denn das Vergolden sei eine aufwendige Arbeit, die man erst erlernen müsse.

Für ihre Arbeit sucht Eva Kiss die Abgeschiedenheit, wie sie ein Kloster und eine in sich ruhende, alte Basilika bieten können. Dies bedeutet für sie keine Affinität zur Kirche als Institution, wohl aber zu einer spirituellen Atmosphäre. In Schlehdorf bieten sich für entspantes Arbeiten ideale Bedingungen, Grund genug, sich hier einzurichten im Gästehaus, wo Eva Kiss zeitweise wohnt und ein Atelier unterhält.

Sie ist nicht die einzige, die in diesem Umfeld die idealen Bedingungen findet, um kreativ zu sein. Denn das sogenannte "Cohaus" des Klosters, in dem früher die Missions-Dominikanerinnen lebten und arbeiteten, ist zu einem Ort der Kreativität geworden. Die Schwestern sind vom vormaligen, längst zu groß gewordenen Wohntrakt in einen kleineren Flügel des Klosters umgezogen und gehen nun neue Wege - in Kooperation mit der Münchner Baugenossenschaft Wogeno verfolgen sie ein einzigartiges Konzept. Es soll eine zwanglose Mischung aus Wohnen, Arbeiten, Bildung, Seminarbetrieb und Freizeit entstehen. Seit Juni 2018 sind die Bestrebungen im Gange, im hellen und geräumigen Ambiente ein gemeinschaftliches Umfeld aus Natur, Kultur, aus Vergangenheit und Zukunft, aus Ruhe und Anregung zu schaffen.

In trockenen Tüchern ist das Projekt noch nicht. Es sei derzeit noch vieles in der Schwebe, erklärt Caroline Munkert, die für das Haus- und Gästemanagement zuständig ist. Der aktuelle Probebetrieb läuft nur noch bis 30. Juni, dann ist ein nächster, wichtiger Schritt fällig: Für die geplante Umnutzung sind behördliche Genehmigungen den Brand- und Denkmalschutz betreffend nötig, das Konzept und die gegebenenfalls anfallenden baulichen Änderungen müssen amtlich abgesegnet werden. Und die Wogeno muss sich dazu entscheiden, den Trakt zu erwerben und den Kauf vor den Genossenschaftsmitgliedern zu rechtfertigen.

Dazu muss das Projekt wiederum wirtschaftlich vermittelbar sein. Bis jetzt jedenfalls sind Lesungen, Seminare, kreative Werkstätten und ein im weitesten Wortsinn "kluges Nachdenken über das Wohnen, Arbeiten und Leben im 21. Jahrhundert" möglich, wie es die Genossenschaft formuliert. Auch einfache Übernachtungsgäste sind willkommen, Reservierungen werden noch für das ganze laufende Jahr entgegengenommen, wie Munkert versichert. Sogar ein Gastronom wird schon gesucht, der größere Feste bewirten kann.

Die meisten hier wohnenden, künstlerisch engagierten Gäste sind am Tag der Vernissage gerade ausgeflogen. Anzutreffen und gesprächsbereit ist immerhin ein junges Paar, das sich in Schlehdorf gut eingelebt hat und sich auch im landschaftlichen Umfeld, dem "Blauen Land" zwischen Murnau und Kochel, überaus wohlfühlt. Jennifer und Singhi Vanith Wallace sind vor knapp einem Jahr in das Community-Haus eingezogen und haben sich das ehemalige Nähzimmer der Klosterschwestern behaglich hergerichtet - Studentengemütlichkeit mit Hochbett, allerlei zwanglos herumliegenden Kunstutensilien und drei ordentlich in einem Regal aufgereihten Polizei-Dienstmützen.

Vom Fenster aus ein traumhafter Bergblick. An diesem herrlichen, heißen Frühlingstag haben die Beiden das Studio in den Klostergarten verlegt, Singhi Vanith, ein freundlicher junger Mann mit thailändischem Familienhintergrund, arbeitet gerade an einer amüsanten Druckgrafik: einem "Bierzelt-Buddha". Bayerisch-asiatische Folklore sei das, findet Singhi. Demnächst soll sie bei Ateliertagen im Community-Haus gezeigt werden.

Eva Kiss zeigt ihre Installation im Kloster Schlehdorf bis Freitag, 26. April, nach telefonischer Vereinbarung (0170/4 87 19 08) und am Samstag, 27. April, von 11 bis 16 Uhr

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4418904
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 24.04.2019
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.