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Alternatives Leben:Mitbewohner für Kloster-WG gesucht

Die Münchner Wohngenossenschaft Wogeno sammelt in Schlehdorf Bewerbungen für ein alternatives Wohnprojekt ein. Auch kreative Gewerbetreibende können mitmachen.

Von Marie Heßlinger

In den Gemäuern des Schlehdorfer Klosters sollen von Herbst an Wohngemeinschaften und Gewerberäume für Kreative entstehen. Nachdem die 27 Missions-Dominikanerinnen im April 2018 in einen kleineren, barrierefreien Neubau gezogen sind, haben sie den alten Klosterbau an die Münchner Wohngenossenschaft Wogeno verkauft. Bis zum 15. August sucht diese nun noch Bewerber für 23 Wohn- und neun Gewerberäume in dem sogenannten "Cohaus".

"Dieses Co, das zieht sich wie ein roter Faden durch alle Räume", sagt Johannes Hochholzer, Leiter des neuen Wohnmodells im Kloster Schlehdorf. Co, diese Silbe stehe für gemeinschaftliches Teilen. "Wer nicht teilen kann, dem bleiben hier manche Räume versperrt", so Hochholzer. Denn der Rosengarten im Innenhof, die Großküche für Veranstaltungen, der Garten mit seinen Apfelbäumen, der Festsaal mit Blick auf den Herzogstand, die Arbeitszimmer, die Gänge mit ihren mächtigen Holzschränken und das Treppenhaus aus dem Jahr 1780 - all das sollen sich die künftigen Klosterbewohner teilen. Dazu kommen Angebote wie Carsharing-Autos, Leihräder und E-Ladestationen.

In sechs Wohngemeinschaften werden sich die künftigen Bewohner jeweils eine Gemeinschaftsküche und ein Wohnzimmer teilen. Ein kleines Bad oder Waschbecken hat jeder in seinem Zimmer. "Clusterwohnen" nennt sich diese etwas luxuriösere Form des WG-Lebens. Zudem vermietet die Wogeno Räume für Gewerbetreibende.

Von den sechs Clusterwohnungen haben zwei schon ihre Mieter gefunden, eine weitere wird gerade umgebaut. Drei sind noch frei. Da ist zum Beispiel die Clusterwohnung im zweiten Obergeschoss, deren Fenster zum Kochelsee zeigen. Der Gemeinschaftsraum ist immens. Stühle stehen in einem großen Kreis, im Eck Paletten für ein Sofa. Ein Klavier, Gitarren, Trommeln. Fünf Wohneinheiten sollen sich den Raum teilen, gerne auch Paare oder Familien.

"Das ist der Wahnsinn", sagt einer der Interessierten bei einem Rundgang und zeigt sich beeindruckt von der Größe und Helligkeit des Raums. Konkrete Pläne, nach Schlehdorf zu ziehen, hat der 40-Jährige nicht. Er ist Job-Coach und wohnt in München alleine. Als Mitglied der Wogeno habe er sich das Kloster einfach aus Interesse mal anschauen wollen. Aber: "In diesen Raum habe ich mich ein bisschen verliebt", schwärmt er hinterher.

Deutlich kleiner ist der Gemeinschaftsraum ein Stockwerk höher. Das Dachfenster zeigt zum Klostervorhof. Auch die zwölf dazugehörigen Zimmer sind klein, in der Hälfte von ihnen gibt es nur ein Waschbecken statt einem Bad. Die Flächen seien sehr vielfältig - eben entsprechend der unterschiedlichen Bedürfnisse, sagt Hochholzer. Menschen, die viel Zeit im Garten verbringen, entspreche diese Form des Wohnens vielleicht. Die Zimmer, zwischen elf und 40 Quadratmeter groß, wird die Wogeno für 260 bis 960 Euro vermieten - einschließlich Nebenkosten.

"Werden Staubsauger und Wischmopp auch geteilt?", fragt ein Mann mit Leinenjackett und Vollbart, als er aus einem der kleinen Zimmer tritt. "Das kommt auf die Bewohner an", sagt Hochholzer. Der Mann ist 50 und lebt mit seinem zehnjährigen Sohn in Schwabing-West. Er arbeitet primär als Berufsbetreuer fürs Gericht, will sich nun aber selbständig machen und sucht deshalb nach einem Raum. Und das Kloster sei beruhigend und heimelig. "Es hat eine ganz tolle Bausubstanz und eine besondere Atmosphäre." Die Idee des Zusammenlebens im Cohaus gefalle ihm. Er scherzt: "Vielleicht ist das die Midlife-Crisis."

Der dritte Gemeinschaftsraum im Dachgeschoss ist groß und gemütlich, mit Holzbalken und Teppichboden und zwei weiteren Zimmern, welche die 14 Bewohner nach ihren Bedürfnissen nutzen können, als Spielzimmer für die Kinder zum Beispiel, als Bibliothek oder als Büro. "Das Haus lebt von der Mitgestaltung der Menschen, die hier wohnen", sagt Hochholzer.

Genau diese Möglichkeit der Mitgestaltung ist es, die auch Bettina Schlembach an dem Projekt reizt. Schlembach wohnte zuletzt als Studentin in einer WG. Um reinzuspüren, ob das wieder vorstellbar ist "mit all den Kompromissen", wie sie sagt, wohnt sie für einen Monat zur Probe im Cohaus. Diese Möglichkeit besteht für Interessierte bis Mitte August. Die 49-Jährige ist Bergführerin und sucht am Kochelsee "die Nähe zur Natur." Bislang lebt sie in München alleine in der Nähe des Schlosses Nymphenburg. "Der Gemeinschaftsanschluss ist schon wichtig", nennt sie einen weiteren Grund, warum ihr das Cohaus gefällt. Und sie könne sich vorstellen, dass sich "berufliche Synergien" ergeben könnten, "zum Beispiel mit Yoga-Lehrerinnen".

Die Gewerberäumen sind teilweise schon belegt. Eine Künstlerin ist dort untergekommen, ein Holzschnitzer, eine Psychotherapeutin. Ein Zeichner, eine Illustratorin und eine Innenarchitektin teilen sich einen weiteren Raum. Eine der drei Großküchen soll als Produktionsküche dienen. "Man kann darin bis zu 3000 Essen am Tag produzieren. Wenn jemand einen kreativen Gastronomen kennt ...", sagt Hochholzer. Der größte noch freie Gewerberaum ist um die 73 Quadratmeter groß. "Hört man die Straße?", fragt eine Frau im blauen Kleid, als sie ihn sieht. Die 59-Jährige ist Physiotherapeutin. Zwischen 470 bis 1200 Euro sollen die neun Gewerberäume kosten.

Daneben sollen Co-Working-Spaces entstehen. Wlan, Tische und Drucker stehen darin bereit. Nutzen können soll sie jeder, auch Leute von außerhalb. "Die Idee ist, dass eine Dorfmitte entsteht", sagt Hochholzer. Das Kloster solle ein offenes Haus bleiben, "als Gelenkstelle, als Treffpunkt". Im Erdgeschoss soll ein Café eröffnen. Es soll drei Seminarräume für Tagungen geben, mit Übernachtungsmöglichkeiten für rund 15 Gäste.

Um die 60 Interessierte hätten sich das Cohaus schon angeschaut, sagt Hochholzer. Wer einziehen möchte, muss Wogeno-Mitglied werden. Das Wohnprojekt erfordere ein Umdenken. Man müsse seinen Hausstand reduzieren und sich auf ein Gemeinschaftsleben einlassen. Am 25. Juli ist der dritte Besichtigungstag. Die Interessierten sollen sich selbständig vernetzen und kennenlernen, ein Vergabeausschuss wird dann entscheiden, wer ins Cohaus ziehen wird - und mit wem.

Weitere Informationen unter: www.wohnungen.wogeno.de; Benutzername: cohausklosterschlehdorf; Passwort: kochelsee

© SZ vom 07.07.2020

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