Am 6. Juli 1959 ist Bärbl geboren worden. Ihre Mutter hieß Pulla und ihr Vater Kronprinz. Bärbl hatte Kinder mit Pio, Kuno, Wotan, Harald und Theo. Viel mehr wissen wir von ihr nicht, nur wie viel Milch sie gegeben hat – im Spitzenjahr 1968 fast 5000 Liter. Im Jahr 1972 verliert sich ihre Spur. Der Lebenslauf einer Kuh im landwirtschaftlichen Betrieb des Klosters Benediktbeuern ist aufgezeichnet im Herdenbuch, das Pater Karl Geißinger für seine Recherche genutzt hat. Der ehemalige Direktor des Zentrums für Umwelt und Kultur (ZUK) macht so auf einer Führung übers Gelände die Geschichte des Klosterlandes als Kulturlandschaft lebendig.
„Wie können wir eine intakte Natur erleben? Wie den Menschen die Natur näherbringen?“ Die Fragen, die den Salesianer-Pater umtreiben, führen zu weiteren Fragen: „Wie können wir diese Landschaft weiterentwickeln als landwirtschaftliche Fläche? Was war in der Vergangenheit ein gutes Modell der landwirtschaftlichen Nutzung? Was ist heute anders und wo wollen wir wieder hin?“ Pater Geißinger stellt diese Fragen mit der Ruhe eines Experten, der seine Kenntnisse in jahrzehntelanger Naturerkundung und im Gespräch mit den Leuten vor Ort erworben hat. Die Fragen-Kaskade ist daher auch kein Zeichen von Ratlosigkeit, sondern von Einsicht in die Komplexität des Themas.

Denn die Geschichte des Klosterlands ist wechselhaft. 1300 Jahre lang wurde das Gebiet agrikulturell genutzt, teils vorbildlich nachhaltig, teils ohne Gespür für die natürlichen Gegebenheiten. Beides prägte die Flächen, wie Pater Geißinger anhand historischer Stiche erklärt. Der Weidebetrieb stand dabei im Vordergrund, auch wenn alte Obstsorten wie der Apfel mit dem klangvollen Namen „Benediktbeurer Wachsrenette“ die Fruchtproduktion dokumentieren. Anfang des 19. Jahrhunderts standen in den Ställen des Klosters an die 500 Kühe, dazu Mäh- und Strohochsen und Kleinvieh. Einen „Palast für die Kühe“ habe man den Maierhof damals genannt. Auch 95 Pferde sind im Jahr 1802, unmittelbar vor der Säkularisation des Klosters, verzeichnet, von denen mindestens eines immer Bereitschaft hatte. Es konnte ja sein, dass mitten in der Nacht ein Geistlicher zu einem Sterbenden gerufen wurde. Entsprechend wichtig waren Knechte und Mägde. Im heutigen Hauptgebäude des Maierhofs hatten sie ihre Zimmer, heizbar, mit fließendem Wasser und komfortabler als die Mönchszellen. Die Nutzung des Gebiets war so umfangreich, dass sich weitere Betriebe ansiedelten, Wagner und Böttcher etwa. „Man hat eine große Landwirtschaft gebraucht, weil man ein großes Bildungszentrum war“, so Geißinger. Zwar lebten nur rund 30 Mönche im Kloster Benediktbeuern, doch das Gymnasium und die Theologische Hochschule hatten überregionale Ausstrahlung.
Den Moorwald machten Zuchthäusler urbar
Als die Salesianer das Kloster 1930 kauften, standen rund 350 Hektar Fläche zur Verfügung. Manches davon war zuvor Moorwald, der durch harte Arbeit urbar gemacht wurde. Geißinger zeigt Bilder der Männer, die trotz der Stechmücken-Schwärme und der Gefahren des wässrigen Grunds nicht von der Arbeit abließen. Etwas anderes blieb ihnen auch nicht übrig, sie waren Insassen des Zuchthauses, das auch Teil der Ortsgeschichte ist. „Da haben manche ihr Leben gelassen“, sagt Geißinger.

Der Pater geht über den Maierhof, auf die Wiesen hinter dem Parkplatz des Klosters zu. Fragen nach der Situation der Storch-Brut beantwortet er ohne zu zögern, en passant stellt er die Stängel der Wilden Karde vor, die Färberkamille, zeigt ein Biotop für Gelbbauchunken und deutet auf eine Wilde Möhre: „Man muss ein bisschen graben, aber die schmeckt sehr gut.“ Doch als intaktes Naturparadies bezeichnet er die Wiesen nicht. Überdüngt seien sie, an den zahllosen Brennnessel-Büschen könne man das sehen. Und der Hagelschaden habe nicht nur das Kloster verwundet. An einer jungen Linde wachsen weiße Pilze. „In zwei, drei Jahren bricht sie ab“, weiß der Pater. Lösungen für die ökologischen Fragen hat er, nur schnell geht nichts. Man müsse der Natur Zeit lassen und kluge, extensive Landwirtschaft betreiben. Weg vom radikalen Mähen der Wiesen etwa, zurück zur Weidewirtschaft, die die Biodiversität der Fläche erhält. „Wir spielen den Faktor Zeit voll aus“, sagt Geißinger mit Blick aufs Klosterland.
Das geht nur, wenn auch nachfolgende Generationen sich fürs Thema begeistern. Dazu kippt der Pater schon einmal einen Becher Apfelsaft in einen Bach. Biber schnüffeln sich an der Spur entlang, bis sie im Kloster-Tümpel landen und dort beobachtet werden können. „Man muss Sympathie in den Kindern wecken“, sagt Geißinger. „Und mit allen Sinnen die Natur erfahren.“ Er selbst habe das als Kind auf der Schwäbischen Alb mitgegeben bekommen. Auf einem Ausflug mit Freunden habe Geißingers Vater die Jungen auf einen Felsen klettern lassen. Der spätere Pater war der erste auf der Spitze. „Aber hinterher hat mein Vater gesagt: Gewonnen hat der, der mir am meisten Dinge aufzählen kann, die er gesehen hat“, sagt Geißinger. „Ich weiß nicht, ob mein Vater ‚Pädagogik‘ schreiben konnte, aber das war geschickt.“
Heute geben Geißinger und das ZUK die Leidenschaft und die Kenntnisse weiter, in Führungen durchs Klosterland, in Tümpel-Safaris, aber auch in Beratungen für die Landwirte, deren Sorgen und Nöte man gut kennt. Und für einen Moment nach Geißingers Erklärungen wirkt es einfach, scheinen die Probleme nicht ganz so drückend. Man muss sich nur besinnen, einen Blick in die Vergangenheit werfen und daraus lernen.

