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Geschichte:Eine Zeitreise zum Urkloster

Kloster Benediktbeuern historische Mauern

Architekt Knut Prill, Archäologin Ines Gerhardt und Pater Claudius Amann (v.li.) untersuchen die historischen Mauerreste.

Die Sanierungsarbeiten am Südarkadentrakt in Benediktbeuern fördern historische Mauerreste zutage. In der Ausgrabungsstelle untersucht Archäologin Ines Gerhardt einen romanischen Torbogen aus dem 10. oder 11. Jahrhundert, Keramikscherben und Tierknochen

Von Petra Schneider

Die Ausgrabungsstelle im Innenhof des Klosters Benediktbeuern zieht sich wie eine offene Wunde am Südarkadentrakt entlang. Seit einem Monat ist die Pöckinger Archäologin Ines Gerhardt damit beschäftigt, die historischen Mauerreste und Funde zu sichten und zu dokumentieren, die bei den Sanierungsarbeiten Ende April entdeckt wurden. "Wir haben ein Mäuerle gefunden", erzählt Pater Claudius Amann, "aber dass das dann so umfangreich sein würde, hätten wir nicht gedacht."

Fund Nummer 153 zum Beispiel: Dabei handelt es sich um einen romanischen Torbogen aus dem 10. oder 11. Jahrhundert, der vermutlich baufällig gewesen und als Mauerfundament verwendet worden sei - "wie überhaupt wieder verwendet wurde, was irgendwie ging", sagt Gerhardt. Denn der Aufwand für die Arbeiter sei früher unglaublich gewesen: Die Steine, die vermutlich im 13. Jahrhundert für die Klostermauern verwendet wurden, hatte man aus dem Lainbach entnommen; oft mächtige Blöcke, die mit Pferdefuhrwerken transportiert und nur mit Hammer und Meißel bearbeitet wurden.

Nach den Steinen, die mit Kalkmörtel verbunden waren, seien Ziegel verwendet worden, erklärt Gerhardt und zeigt auf Überreste, in der sich die unterschiedliche Bauweise durch die Jahrhunderte gut erkennen lässt. Viel Interessantes kann die Archäologin aus den Funden herauslesen. Die Keramikscherben mit Wellenlinien zum Beispiel, die darauf hindeuten, dass sie mit einer Töpferscheibe gedreht wurden und deshalb wohl frühestens aus dem 13. Jahrhundert stammen. Oder der Holzpfahl, der entweder in einem Brunnen oder einer Latrine verbaut war. Gerhardt hat eine Probe an ein Labor geschickt; dann könne man das Fälldatum des Baumes auf das Jahr genau angeben.

Kloster Benediktbeuern historische Mauern

Auf die Fundamente des Urklosters stieß man Ende April bei den Sanierungsarbeiten am Südarkadentrakts im Kloster Benediktbeuern.

In dem aufgerissenen Graben, der gut einen Meter unter dem jetzigem Fundament liegt, haben sich auch Tierknochen erhalten: ein Kiefer- und ein Beinknochen, vermutlich von einem Wildschwein. Essensabfälle, die sich häufig fänden, "denn eine Müllabfuhr gab es ja nicht", sagt Gerhardt. Auch Zeugnisse der großen Brände, die das Kloster in den Jahren 955, 1248 und 1490 zerstört haben, hat die Archäologin gefunden: einen Stein, der durch seine orangefarbene Färbung auffällt - gebrannter Lehm sowie Holzkohle, die vermutlich vom letzten Brand stammen. Das Mittelalter sei ihre liebste Epoche, sagt Gerhardt. Eine Zeit vieler Schrecknisse, "denken Sie nur an die Pest". Aber auch großer Neuerungen, die maßgeblich von den Klöstern ausgingen. Weltberühmt sind die "Carmina Burana", die "Beurer Lieder": eine Sammlung von Vagantenliedern aus dem 12. Jahrhundert, die 1803 in der Klosterbibliothek entdeckt und vom berühmten Komponisten Carl Orff neu vertont wurden.

Gegründet wurde das Kloster am Fuße der Benediktenwand im Jahr 739 von den Benediktinern. Erst danach entwickelte sich der Ort Benediktbeuern, der ursprünglich Laingruben hieß. Die Klosteranlage in ihrer heutigen Form stammt aus der Zeit zwischen 1650 und 1750. Dass bei den Bauarbeiten historische Mauerfragmente und Objekte wie eine Münze oder geschmiedete Nägel zu Tage getreten sind, ist für Knut Prill keine große Überraschung. "Die Sanierung eines denkmalgeschützten Gebäudes ist immer eine spannende Reise", sagt der Schongauer Architekt.

Verzögert haben die archäologischen Forschungen die Bauarbeiten nicht, und über Geld möchte er eigentlich nicht reden. Das Budget von 20 Millionen Euro sei gesetzt, sagt Prill. Finanziert wird das Mammutprojekt unter anderem aus Mitteln des Landesamts für Denkmalpflege, von der Städtebauförderung des Bundes, dem Orden der Salesianer und privaten Förderern. Prill ist seit 22 Jahren mit Bauarbeiten an dem historischen Gebäude beschäftigt, er sei quasi der "Klosterbaumeister", sagt er und schmunzelt.

Die Schäden, die am Südarkadentrakt entstanden sind, haben eine lange Geschichte: Jahrhundertelang war Wasser in das Kellergewölbe gesickert, auch vom Mühlbach, der unter dem Gebäude in die Klostermühle geleitet wurde, die es nicht mehr gibt. Die Wände des Gewölbekellers, die vier Meter in den Untergrund reichen, wurden feucht. Die Pfeiler sackten im Lauf der Zeit drei bis vier Zentimeter ab. Im Gewölbe bildeten sich Risse, und sogar die Holzbalkendecke im Dachstuhl sei durch das Absenken der Pfeiler in Mitleidenschaft gezogen worden, erklärt Architekt Prill. Jahrelang habe man diese Entwicklung über ein Monitoring verfolgt. Im vergangenen Jahr sei schließlich der "Break Even" erreicht gewesen. Die 28 Pfeiler wurden leicht angehoben und aufgerichtet. Jeweils vier Mikropfeiler, die bis 18 Meter tief in den Felsengrund reichen und mit einer Betonsuspension abgedichtet sind, wurden mit den großen Pfeilern verspannt.

Kloster Benediktbeuern historische Mauern

Architekt Knut Prill demonstriert, wie der Unterbau des Klosters aussieht.

Diese statische Sanierung ist inzwischen abgeschlossen, aber die Arbeiten laufen noch bis 2023 weiter. Denn im Erdgeschoss entsteht eine große Kochküche mit neuester Technik. Im Obergeschoss müssen in den Seminarräumen die Holzbalken saniert und neue Böden verlegt werden. Außerdem werden zwei Aufzüge eingebaut, die das Landesamt für Denkmalpflege genehmigt hat, um das historische Gebäude "fit für die Zukunft zu machen".

Das Kloster Benediktbeuern sei ein Kulturdenkmal, das immer wieder renoviert werden müsse, "damit es auch in 100 Jahren noch steht", sagt Pater Claudius Amann. Für die Salesianer Don Boscos, die das Kloster im Jahr 1930 übernommen haben, sei es aber vor allem ein Ort, an dem junge Menschen zusammenkommen sollen. Vermutlich wären in einem größeren Umgriff weitere historische Überreste zu finden. Aus finanziellen Gründen beschränken sich die Ausgrabungen aber auf den Bereich, der wegen der Sanierungsarbeiten und der Verlegung neuer Leitungen ohnehin aufgerissen werden musste.

Archäologin Gerhardt hat ihre Arbeit auf dem Gelände bereits abgeschlossen. Mit dem Ende der Bauarbeiten werden die Zeugnisse der Vergangenheit dann wieder im Boden verschlossen.

© SZ vom 14.07.2021
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