Klimademo:"Wir brauchen eine Mitmachwende"

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Klimademo: Der "Globale Klimastreik" in Wolfratshausen startete am Marienplatz und stand im Zeichen des Krieges in der Ukraine.

Der "Globale Klimastreik" in Wolfratshausen startete am Marienplatz und stand im Zeichen des Krieges in der Ukraine.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Am "Globalen Klimastreik" laufen am Freitagnachmittag 130 Menschen durch Wolfratshausen. Sie fordern ein Embargo für Energieträger aus Russland, Frieden und mehr Klimaschutz.

Von Tobias Bug

"Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wäre nur deine Schuld, wenn sie so bleibt", tönt es aus der Musikbox, die der Mann mit der hellbraunen Kappe auf dem Kinderwagen vor sich herschiebt. Vor, hinter und neben ihm laufen Menschen, eine bunte Mischung aus Jung und Alt. Hier ein Vater mit Baby vor dem Bauch, dort ein älteres Ehepaar, am Anfang des Zuges tragen zwei junge Mädchen ein großes Banner mit der Aufschrift "Globaler Klimastreik". Am Ende gehen zwei Mädchen, deren Banner die Aufschrift "Kohle verbrennt unsere Zukunft" trägt.

Die Nachmittagssonne wärmt die Gesichter der Menschen, die am Freitagnachmittag durch die Wolfratshauser Altstadt ziehen, um fürs Klima und den Frieden zu demonstrieren. Gerade hat die Gruppe die Loisach überquert, da ruft der Mann mit der hellbraunen Kappe auf Englisch: "Was wollen wir?" Die Menge antwortet laut: "Klimagerechtigkeit!" Er fragt: "Wann wollen wir das?" "Jetzt", rufen die anderen. Am Floßkanal unterbricht der Mann die Musik, um sich an die Menge zu wenden: "Super, dass ihr alle hier seid. Wir sind heute richtig viele - nicht nur in Wolfratshausen, sondern auf der ganzen Welt!" Für den "Globalen Klimastreik" sind am Freitag weltweit Millionen von Menschen auf die Straße gegangen, in Wolfratshausen haben sich knapp 130 von ihnen versammelt.

Die Forderung: Energieembargo für den Frieden und das Klima

"Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut", skandiert die Menge, als sie in die Bahnhofstraße einbiegt. "Sie wollen uns nicht hören, doch wir werden laut sein, sie wollen uns ignorieren, doch wir werden dastehen", klang zuvor ein Lied aus den Boxen. Mitten in der Menge reckt ein Mann in schwarzem Pullover ein Pappschild in die Höhe, darauf steht: "Gas, Öl, Kohle finanziert Krieg und Unrecht". Mit dem Protestzug wollen sie am Freitag auch ein Zeichen gegen den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine setzen.

Dass dieser Krieg und die Klimakrise eng miteinander verwoben sind, erklärt der Mann mit der braunen Kappe, als die Menge am Marienplatz angekommen ist. David von Westphalen hält in der einen Hand sein Manuskript, in der anderen das Mikrofon und redet zu den versammelten Menschen. Der "fossile Krieg" müsse ein Ende haben, ruft er. "Wenn man über Wolfratshausen schaut, sieht man überall Schornsteine, in denen das russische Erdgas verbrannt wird." Dabei gebe es schon lange alternative, erneuerbare Energiequellen. "Solange wir russisches Erdgas kaufen, finanzieren wir den Krieg in der Ukraine mit." Er fordert mehr Windkrafträder in der Region - auch "als Zeichen für unsere Unabhängigkeit von russischem Gas".

Klimademo: Die Demonstranten forderten ein Ende des russischen Krieges in der Ukraine.

Die Demonstranten forderten ein Ende des russischen Krieges in der Ukraine.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der Redner schimpft noch ein wenig auf die Politik und einzelne Politiker, nennt deren Handeln "unverantwortlich", fuchtelt dabei mit seinem Manuskript und mahnt: "Das Pariser Klimaabkommen mit dem 1,5-Grad-Ziel muss eingehalten werden." Die Umstehenden applaudieren. Von Westphalen ist laut geworden, er müsse "Wut ablassen", sagt er. Ihre Wut müssten sie alle gemeinsam nutzen, schreit er ins Mikrofon, um für den Klimaschutz zu kämpfen. Dann übergibt er es an den Mann im schwarzen Pullover.

Jan Reiners redet deutlich ruhiger, analytischer. "Wir sind in Bayern zu 90 Prozent abhängig von russischem Gas. Das ist noch mehr als im Rest von Deutschland." Seitdem der Stadtrat im Jahr 2019 wie viele andere Kommunen den Klimanotstand ausgerufen habe, habe sich viel zu wenig getan, sagt Reiners. Es fehle an der Umsetzung des Klimaschutzes. "Wir brauchen einen Klimarat für Wolfratshausen."

"Warum sind die anderen nicht wütend?"

Denn die Klimakrise, erklärt Reiners nach seiner Rede, müsse man auch im Lokalen lösen. Mit der Demonstration, die von Westphalen und er mit dem Bündnis "Wolfratshausen for Future" organisiert haben, wollen sie ein Zeichen setzen. Als Wissenschaftler habe er sich lange mit den Auswirkungen der Klimakrise beschäftigt. "Auch bei uns in Wolfratshausen könnte es bald Überflutungen wie im Ahrtal geben", sagt er. Solche Naturkatstrophen würden in Zukunft häufiger. "Noch haben wir die Chance, was zu ändern", sagt Reiners. Sein Bündnis fordert von der Politik, die Bekämpfung der Klimakrise zu priorisieren, konkret Photovoltaik, Wasserkraft, Windenergie und Geothermie zu fördern und die Mobilitätswende anzugehen.

Bei jeder Stadtratssitzung, sagt David von Westphalen, stehen Aktivisten des Bündnisses vor der Loisachhalle. "Fast alle Politiker laufen an uns vorbei. Man fühlt sich ignoriert." Das mache wütend. Eine Frau nähert sich, sie heißt Margarete Moulin, ist bei der Demonstration mitgelaufen und auch Mitglied von "WOR for Future". "Was ich nicht verstehe: Warum sind die anderen nicht wütend?" Sie würde sich in diesen Zeiten mehr Teilnehmer an Demonstrationen fürs Klima wünschen. Beim vorigen Protestmarsch im September 2021 waren mit 240 Menschen noch fast doppelt so viele gekommen. "Es lohnt sich zu demonstrieren", sagt Moulin. "Ich verstehe diese staatsbürgerliche Apathie nicht."

Gerade auf dem Land seien die Menschen mit den Auswirkungen des Klimawandels konfrontiert, sähen den Borkenkäfer, spürten die Wasserknappheit. "Der trockene März trifft den Landwirt, trifft den Förster." Die Energiewende, erklärt Moulin, müsse dezentral gelöst werden, gerade bei der Mobilitätswende. "Das findet doch nicht im Bund statt, sondern im Lokalen. Wir brauchen eine Mitmachwende", fordert Moulin, um die Klimakrise zu bewältigen. Die Sonne steht nun tief über der Stadtpfarrkirche St. Andreas, die letzten Demonstranten haben sich auf den Heimweg gemacht. In ihren Ohren klingt ein Lied: "Es wäre nur deine Schuld, wenn die Welt so bleibt."

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