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Klimaschutz in Wolfratshausen:Digitaler Austausch für eine naturnahe Stadt

Kommunalwahl 2020

Hans Schmidt ist der Umweltreferent der Stadt Wolfratshausen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Umweltreferent Hans Schmidt erläutert im Livestream sein Programm und diskutiert mit Natur- und Klimaschützern

Von Wolfgang Schäl, Wolfratshausen

Moderne Technik im Dienst der Umwelt: Mit Livestream-Schaltungen aus dem Geltinger Hinterhalt versucht der Wolfratshauser Ortsverband der Grünen, zu Pandemiezeiten die dringende Notwendigkeit schneller und einschneidender ökologischer Veränderungen plausibel zu machen. "Corona hat uns ein anderes Veranstaltungsformat diktiert", kommentierte Assunta Tammelleo, Grünen-Stadträtin und Chefin des Kulturvereins Isar-Loisach (KIL), das neue Kommunikationsmittel. Angetreten zu einer Diskussion war jetzt Umweltreferent Hans Schmidt, der sein Programm für die nächsten sechs Jahre erläuterte, und dazu mit zwei Gästen vor der Kamera diskutierte: mit Emmi Fröhner von "Fridays-for-Future Wolfratshausen" und der Ortsvorsitzenden des Bundes Naturschutz, Sigrid Bender.

In seinem Referat rief Schmidt den Stadtratsbeschluss in Erinnerung, für Wolfratshausen den Klimanotstand auszurufen. Der Pariser Klimaschutzvertrag müsse auf die lokale Ebene heruntergebrochen werden. Dazu verbleiben Schmidt zufolge nur zehn Jahre, deshalb müsse man sich "wahnsinnig anstrengen". Die Stadt habe auch einen ehrgeizigen Energienutzungsplan beschlossen, der bis 2022 erfüllt werden sollte. Dies aber sei schon jetzt nicht mehr möglich. Als wichtigste Aufgabe bezeichnete es Schmidt, die Menschen zu Verhaltensänderungen zu bewegen. Jeder kenne den Begriff "Erdüberlastungstag", der heuer bereits am 3. Mai erreicht worden sei. Vorrangig seien deshalb folgende Ziele: eine Verringerung des Individualverkehrs, eine Förderung alternativer Fortbewegungsmöglichkeiten wie Carsharing und E-Bikes, Fahrradschutzstreifen sowie ein verbessertes Stadtbusangebot. Mit Münsing, Icking und Berg wolle er Kontakte aufnehmen, um Chancen für Windkraft auszuloten. Unterstützt werden müssten schließlich auch die Photovoltaik und die Solarthermie. Die Temperaturentwicklung im Stadtgebiet gelte es zu begrenzen. Dazu sollten auch Unternehmen beitragen.

Zweiter Schwerpunkt ist auf Schmidts Agenda der Erhalt der Artenvielfalt, mögliche Aktivitäten seien Wettbewerbe für naturnahe Gärten, Gemüseanbau in der Stadt und der Erhalt von Grünflächen. Auch wenn dies in der Stadt ein "No-Go- Wort" sei, plädiere er für eine Baumschutzverordnung. Die Wirtschaftsweise müsse insgesamt "enkeltauglich" gemacht werden - ein Stichwort für Fröhner. Sie wandte sich an Schmidt mit der Frage, welche Möglichkeiten er sehe, junge Menschen besser ins politische Geschehen einzubinden. Fröhner könnte sich eine Art "Bürgerrat vorstellen", an dem sich Jugendliche beteiligen. Eine weitere Frage der Aktivistin richtete sich auf das jetzt verabschiedete Kohleausstiegsgesetz - ob Schmidt die Chance sehe, die letzten Kohlekraftwerke schon vor 2038 abzuschalten? Der war sich da ganz sicher: "Der Ausstieg wird vor 2038 kommen, denn bei der nächsten Regierung werden die Grünen dabei sein". Weitere Frage Fröhners: Ob es denn möglich sei, dass Bürger sich finanziell an Windkraftprojekten beteiligten? Dies sei sinnvoll, argumentierte Schmidt. Eine Beteiligungsgesellschaft habe er auch in Kooperation mit den Stadtwerken im Kopf. Auf Fröhners Frage, bis wann die Stadt denn energieautark werden könne, stellte Schmidt fest, dass dies überhaupt nicht möglich sei. Denn es gebe hier keine Flächen für Windenergie.

Einig waren sich Fröhner und Bender, dass es besserer Informationen zum Thema Klimanotstand geben müsse. Entsprechende Veranstaltungen würden von den Grünen schon angeboten, so Schmidt. Bei Schulen aber komme es immer auch auf Haltung der Lehrer an, die solche Angebote auch annehmen müssten. Weitere Probleme und Anregungen Fröhners: die "Elterntaxis", die für chaotische Zustände vor den Schulen sorgten, der Verleih von Lasten-E-Bikes, der Bau von Radwegestreifen und die Einrichtung eines Bürgerhauses für alle Generationen. Für Bender steht der Arten- und Naturschutz an erster Stelle. Denn das Artensterben sei nach dem Klimawandel die zweite große Bedrohung der Menschheit. Man müsse deshalb in Wolfratshausen "schauen, was man kleinteilig erreichen kann". Hauptziel sei viel naturnahes Grün. So könnten sich auch Bürger, die nur einen kleinen Garten oder einen Balkon haben, überlegen, was man dort gestalten könnte. Das Wissen darüber, was die Natur leistet, sei leider schon weitgehend verloren gegangen. Jeder müsse in seinem Bereich dennoch etwas tun.

Eine Anfrage aus der zugeschalteten Zuhörerschaft richtete sich auf die Schäden, die durch alternative Energieformen in der Natur angerichtet werden könnten, beispielsweise durch Windräder oder Wasserkraftwerke. Dieser Konflikt bestehe durchaus, räumte Bender ein. Trotzdem werde man an erneuerbarer Energie nicht vorbeikommen.

© SZ vom 06.07.2020

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