Süddeutsche Zeitung

Energiewende 2025:Optik contra Klimaschutz

Lesezeit: 6 min

Die Zahl der Balkonkraftwerke steigt im Landkreis und in Penzberg stetig. Allerdings sind die Mini-Solaranlagen nicht überall gern gesehen, in Lenggries tobt darüber eine heftige Auseinandersetzung. Vor allem kleine Gemeinden sehen ihr Ortsbild in Gefahr, in den Städten fördert man solche Projekte hingegen.

Von Yannik Achternbosch, Petra Schneider und Alexandra Vecchiato

Zwölf Jahre noch, dann will der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen unabhängig von fossilen Energieträgern sein. Die Uhr tickt, aber um diese große Aufgabe zu meistern, gibt es noch eine Menge zu tun - und jeder Beitrag dürfte benötigt werden, um die Energiewende zu erreichen. Dazu zählen auch Balkonkraftwerke. Die Zahl dieser Mini-Solaranlagen steigt im Landkreis rasant, derzeit sind 173 bei der Bundesnetzagentur registriert. In einigen Kommunen rufen sie allerdings Konflikte hervor, weil sie der Ortsgestaltungssatzung widersprechen. Sie verschandelten das Ortsbild, heißt es.

Ein heftiger Streit tobt derzeit in Lenggries. Dort hat eine Familie im September 2022 ein Balkonkraftwerk installiert. Was den Ärger verursacht, ist die Ortsgestaltungssatzung der Gemeinde aus dem Jahr 2018, die Photovoltaikanlagen nur auf Dächern, aber nicht an Balkonen zulässt. Davon habe er nichts gewusst, sagt der Lenggrieser, der die kleine Anlage betreibt und nicht namentlich genannt werden möchte. Auch nicht, dass man solche Balkonkraftwerke bei der Gemeinde melden müsse. Wie vorgeschrieben habe man den Netzbetreiber informiert und alles beim Markstammdatenregister der Bundesnetzagentur (BNA) angemeldet. Die Vermieterin sei einverstanden gewesen, so der Lenggrieser. Die zwei Photovoltaik-Module wurden am Balkon eingehängt, alles sei zugelassen und geprüft. Ein Viertel der Stromgrundlast, die seine Familie verbraucht, etwa für Router oder Kühlschrank, produziert das kleine 600-Watt-Kraftwerk am Balkon. Klimaneutral, regenerativ, autark. 960 Euro hat die Anlage gekostet, inzwischen seien die Preise gefallen, sagt der Lenggrieser. Ihm gehe es aber vor allem darum, "einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz zu leisten".

Wenig begeistert ist man darob im Rathaus. Mit Verweis auf die Ortsgestaltungssatzung schickte das Bauamt eine schriftliche Anordnung, das Balkonkraftwerk zu entfernen. Ob das rechtlich überhaupt haltbar sei, sei noch zu prüfen, sagt der Lenggrieser Betreiber. Grundsätzlich ist es so, dass solche Anlagen bei einer auf 600 Watt begrenzten Leistung genehmigungsfrei sind. Seit 1. Januar 2023 werden sie zudem vom Bund gefördert. Verfahrensfrei bedeute aber nicht, dass nicht zumindest eine Anzeige bei der Gemeinde nötig sei, erklärte Bauamtsleiter Ronny Bousseljot im Gemeinderat. Denn sobald sich dadurch etwas an der Außenansicht ändere, befinde man sich im Bereich der Ortsgestaltungssatzung. Diverse Anfragen zu Balkonkraftwerken habe man deshalb bereits abgelehnt. Einen Kompromiss, der Ausnahmen "in begründeten Einzelfällen" und "bei überzeugender Einbindung in die Architektur des Gebäudes" und die Landschaft zulässt, lehnten die Lenggrieser Räte jetzt mit 16 zu fünf Stimmen ab. Auf Vorschlag von Sabine Gerg (SPD) will man sich bei einer Klausur nochmals mit dem Thema befassen.

Die Gründe für das Nein waren vielfältig. Balkonkraftwerke verschandelten das Ortsbild und erzeugten nur eine geringe Leistung, hieß es. Die Ortsgestaltungssatzung sei erarbeitet worden, "damit das Erscheinungsbild von Lenggries erhalten bleibt", sagte Peter Gascha (FWG). Wenn womöglich an jedem Balkon so ein Kraftwerk hänge, dann sei das "greislig ohne Ende". Anton Leeb (CSU) sprach von "Augenwischerei", denn die Leistung dieser kleinen Kraftwerke sei sehr gering.

Vor allem die Grünen sahen das anders. Balkonkraftwerke böten die Möglichkeit, aktiv etwas für den Klimaschutz zu tun, sagte Roman Haehl. Und was die Optik angehe: Wenn Leute ihre Unterhosen auf dem Balkon aufhängten, sei das auch nicht schön. Haehl schlug vor, Bereiche wie die Marktstraße aus Gründen des Ensembleschutzes für Balkonkraftwerke auszuschließen. Die Satzung wurde trotzdem nicht geändert, die Lenggrieser Familie muss ihr Kraftwerk vom Balkon abhängen. Sie könnte es aber auf einer "Staffelei" auf dem Balkon aufstellen, "wenn es von außen nicht sichtbar ist", so Bauamtsleiter Bousseljot.

Im Landkreis haben Balkonkraftwerke voriges Jahr einen ungeahnten Boom erlebt, wie Zahlen der Bundesnetzagentur zeigen. Die kleinen Anlagen müssen dem Marktstammdatenregister der BNA gemeldet werden, wenn sie in Betrieb gehen. Bis Ende 2021 waren für den Landkreis 45 Balkonkraftwerke registriert, allein 2022 kam 114 neue Anlagen hinzu. Der Trend setzt sich 2023 ungebrochen fort, bis zum 26. Januar sind 14 neue Anlagen in Betrieb genommen worden. Die meisten der Mini-Stromerzeuger - 48 Stück - befinden sich in Wolfratshausen. In Lenggries, dem Ort der jüngsten Auseinandersetzung, sind zurzeit 18 Anlagen registriert. Deutlich mehr gibt es in Penzberg, dort meldet die BNA 52 Mini-PV-Anlagen.

Mit einem Balkonkraftwerk können auch Mieter mit wenig Aufwand Co2 und Geld sparen. Die Installierung ist einfach, die Module können an eine Außensteckdose angeschlossen werden. Ein Wechselrichter ist nötig, der Gleich- in Wechselstrom umwandelt. Außerdem muss der Stromzähler ausgetauscht werden. Der erzeugte Strom wird für den Eigenverbrauch verwendet, Überschüsse fließen in das Stromnetz, werden aber nicht vergütet. Die Leistung der kleinen 600-Watt-Kraftwerke ist jedoch überschaubar. Sie decken etwa zehn bis 25 Prozent des Bedarfs eines Haushalts.

In den Kommunen ist das Thema relativ neu. Oftmals stehen - wie in Lenggries - die jeweiligen Ortsgestaltungssatzungen oder Vorgaben in Bebauungsplänen solchen Projekten zur Solarstromerzeugung entgegen. So wurde in Kochel unlängst ein Antrag auf einen "Solarzaun" beim Bahnhof abgelehnt, weil dies der Einfriedungssatzung des dort geltenden Bebauungsplans widersprochen hätte. In Dietramszell wurde die Ortsgestaltungssatzung, die PV-Anlagen nur auf Dächern und nicht aufgeständert erlaubt, indes ergänzt. Seit Ende Dezember 2022 sind dort "Mini-PV-Anlagen bis zu einer Leistung von 600 Watt von dieser Regelung ausgeschlossen". Sie müssten allerdings so montiert werden, "dass sie das Erscheinungsbild des Gebäudes nur unwesentlich beeinflussen".

In den Städten ist man weniger streng. In Bad Tölz gibt es keine Ortsgestaltungssatzung, lediglich einen "Gestaltungsleitfaden". Bei denkmalgeschützten Gebäuden sei bei PV-Anlagen aber eine Einzelfallbetrachtung nötig, erklärt Stadtbaumeister Florian Ernst. Aktuell gibt es im Stadtgebiet neun Balkonkraftwerke, wie Martina Geisreiter von den Tölzer Stadtwerken erklärt. Sie erzeugen 6000 Kilowattstunden Strom pro Jahr; der Jahresverbrauch aller städtischen Haushalte liege bei 57 Millionen Kilowattstunden.

Auch in Geretsried gibt es keine Ortsgestaltungssatzung. Im dörflichen Stadtteil Gelting regelt allerdings ein Bebauungsplan recht konkret, wie PV-Anlagen auf Dächern aussehen müssen. Grundsätzlich seien im gesamten Stadtgebiet, auch in Gelting, Balkonkraftwerke möglich, sagt Rathaussprecher Thomas Loibl. "Aus unserer Sicht können sie verankert werden, wie Blumenkästen auch." In Wolfratshausen, das 2019 den Klimanotstand ausgerufen hat, will man die Installierung von Balkonkraftwerken sogar vorantreiben. Seit Oktober 2022 gibt es dort eine Richtlinie, wonach die Stadt 30 Prozent der Netto-Investitionskosten, bis maximal 200 Euro pro Anlage, übernimmt.

Auch im Nachbarlandkreis Weilheim-Schongau will man die Energiewende vorantreiben. Eine Pionierrolle kommt dabei der Stadt Penzberg zu. Der Stadtrat hatte 2021 beschlossen, Balkonkraftwerke und PV-Anlagen auf Dächern mit und ohne Speicher zu fördern. 30.000 Euro standen dafür von Januar 2022 an zur Verfügung. Nach drei Werktagen waren so viele Anträge im Rathaus eingegangen, dass der Topf ausgeschöpft war. Wer ein Modul mit 300 Watt Leistung am Balkon montierte, erhielt 75 Euro. Bei einer 600-Watt-Anlage gab es 100 Euro. Für zwölf Balkonkraftwerke, 23 PV-Anlagen mit Speicher und zwei ohne Speicher konnte die Stadt Zuschüsse gewähren. Für die großen PV-Anlagen gab es eine Förderung von maximal 1000 Euro.

Dieses Programm - eine freiwillige Leistung - legte Penzberg wegen der angespannten Haushaltslage dieses Jahr nicht erneut auf. Das bedeute aber nicht, dass für immer Schluss damit sei, sagt der Penzberger Klimaschutzmanager Carl-Christian Wippermann. Für die nächste Haushaltsberatung werde seine Abteilung die Förderung wieder anmelden. Dass das Programm mit 37 Anträgen derart erfolgreich gewesen sei, liege an der einfachen Antragstellung, erklärt Karl Schwarzbeck, stellvertretender Leiter der Abteilung Umwelt- und Klimaschutz. Das sei bei anderen Förderprogrammen im Solar-Bereich nicht der Fall. Ein Auszug aus dem Markstammregister, eine Bestätigung des Netzbetreibers und die Abschlussrechnung reichten als Nachweis.

Die 37 Anlagen erzeugten etwa 220.000 Kilowattstunden Strom, so Wippermann, was einem Jahresverbrauch von 55 Vier-Personen-Haushalten und einer Einsparung von gut 123 Tonnen Kohlendioxid entspreche - wenn die Verbraucher im Übrigen "Graustrom" nutzten. Die Stadt Penzberg vereinnahme diese Einsparung aber nicht für die eigene Klimabilanz; dafür würden nur städtische Liegenschaften herangezogen. Andere Kommunen nehmen sich das Penzberger Förderprogramm zum Vorbild. Es habe viele Anfragen aus Oberbayern gegeben, aber auch aus Nordrhein-Westfalen, sagt Wippermann. "Das hatte schon eine Zugwirkung im Oberland."

Welchen Beitrag die Mini-Anlagen insgesamt zur Energiewende leisten können, ist umstritten. Die meisten erzeugen eben nur eine geringe Menge Strom und sind durch ihre Größe deutlich weniger zuverlässig als größere Anlagen. Stefan Drexlmeier, Geschäftsführer der Bürgerstiftung Energiewende Oberland (EWO), sieht die Balkonkraftwerken aber trotzdem positiv: "Es ist super, dass jeder damit erleben kann, wie schwer Energie erzeugbar ist und wie viel wir eigentlich im Verhältnis brauchen." Dieses Bewusstmachen des eigenen Stromverbrauchs stellt für ihn einen wichtigen Aspekt dar. Die kleinen Wechselrichter der Balkonkraftwerke haben den Vorteil, dass der erzeugte und verbrauchte Strom oft über eine App einsehbar ist. Mit ein bisschen Experimentierfreude könnten die Betreiber von Balkonkraftwerken herausfinden, welche Geräte besonders viel Strom verbrauchen, so Drexlmeier. Bei guter Ausrichtung der Paneele und einer Optimierung der Stromverbraucher könne ein Balkonkraftwerk sich gerade in Zeiten deutlich steigender Energiepreise durchaus auf der nächsten Stromrechnung bemerkbar machen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5740248
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/sci/fam
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.