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Klettersport:"Ich habe mir immer die schwerste Route am Felsen gesucht"

Staub und Dreck haben sich am Felsen abgelagert - das ist beim Klettern unter den Fingern porös.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Toni Lamprecht hat sich in der Kletterszene als "Stier von Kochel" einen Namen gemacht. Im Lauf der Jahre hat er gelernt: Es gibt Wichtigeres als Wettkämpfe.

Am Berg erkennt Toni Lamprecht Mitte der 1980er-Jahre - er ist im Teenageralter - zwei Gruppen: Die einen in Kniebundhosen und karierten Hemden sind aus seiner Sicht konservative Spießer. Und dann gibt es da noch diese langhaarigen Typen in engen Leggings. Wie Hippies wirken sie auf Lamprecht.

Dass sie in steilen Felswänden hängen und sich mit einem Finger nach oben ziehen, fasziniert den Jugendlichen. Ihnen möchte er nacheifern. "Das war für mich der Inbegriff von Freiheit", erzählt er. Als "Stier von Kochel" macht er sich in der Kletterszene schnell einen Namen. Später reist er für seinen Sport um die Welt. "Ich habe mir immer die schwerste Route am Felsen gesucht." Und wenn er es nicht schafft, kommt er das nächste Jahr eben wieder. Solange, bis es klappt.

Berchtesgadener Alpen

Klettern mit Königsblick

Mehr als 30 Jahre später steht der inzwischen 46-jährige Toni Lamprecht unterhalb der "versteckten Wand" am Kochelsee. Der Fön hat den Himmel blitzblank geputzt und die Temperaturen nach oben getrieben. Der nach Südosten exponierte Fels ist trocken genug, um klettern zu können. Lamprecht ist zum Bouldern - so heißt das Klettern an Wänden oder Blöcken in Absprunghöhe ohne Seil und Gurt - von München aus herausgefahren. "Ich brauche die 300 Meter breite orangefarbene Sandsteinwand nicht mehr ", sagt er. "Ich kann die Herausforderung an einem drei Mal drei Meter großen Klapfen genauso finden."

Akribisch begutachtet Lamprecht die Wand etwa 100 Meter über dem Höhenweg nach Schlehdorf. Direkt gegenüber ragt das Gipfelkreuz des verschneiten Herzogstands in die Höhe. Der Sonderpädagoge greift am Fels hierhin und dorthin, um zu sehen, ob Finger und Füße irgendwo Halt finden. Dann greift er zur Zahnbürste und poliert mit Magnesium eine dunkle Stelle. Staub und Dreck haben sich abgelagert - das ist beim Klettern unter den Fingern porös. Deshalb entfernt Lamprecht sie mit der Bürste. Nur so hat er später die optimale Haftung.

Mit dem Kochler Klettergebiet ist Lamprecht eng verbunden. Als Jugendlicher haben seine Eltern - beide selbst Bergbegeisterte - ihn und seine Freunde auf dem Weg zu ihren Touren frühmorgens beim Parkplatz Altjoch abgesetzt und abends wieder abgeholt. Da war er 15, 16 Jahre alt. Ab Ende der 1980er-Jahre bohrte er in dem Kalkstein-Gebiet zahlreiche Routen ein. Mittlerweile hat er einen eigenen Kletterführer über das Gebiet herausgebracht. Gerade eben ist die vierte, detailversessene Auflage erschienen (Kochel. Kettern und Bouldern am Kochelsee, Panico Alpinverlag 2017).

Keine Angst vor den schweren Strecken

Mehr als hundert Routen hat Lamprecht bis zu den höchsten Schwierigkeitsstufen im zehnten und elften Grad an den Wänden in Seenähe geklettert. Mehr als 300 Boulder-Erstbegehungen kamen bis heute hinzu. Zu deren schwierigsten zählt "Bokassa's Fridge - Assassin, Monkey and Man" mit der zweithöchsten 8c+-Stufe auf der Fontainbleau-Skala, die beim Bouldern am meisten verwendet wird. Mit Seil hat Lamprecht etwa "Beat it" oder "Jaws" (beide XI-/XI) geklettert. Die anspruchsvollste Route von Lamprecht im Kochler Klettergebiet ist die Marsupilami (XI). Die bisher schwerste Route war aber "Die Welle" (XI) am Leonhardstein bei Kreuth im Tegernseer Tal.

Als Jugendlicher war Lamprecht viel im Altmühltal unterwegs, trainierte im legendären Felsengarten in Buchenhain. In Kochel am See hatte er bald alle Routen seines Idols Sepp Gschwendtner abgeklettert. Der hatte begonnen das Gebiet zu erschließen. Dann suchte er die nächste Herausforderung. "Mit 17 Jahren habe ich meinen ersten Wettkampf in Deutschland gewonnen", berichtet er.

Unter den Kletterern hieß er bald nur noch "Stier von Kochel". Für einen Süddeutschen mit breitem Kreuz habe die Assoziation mit der starken Figur des "Schmied von Kochel" nahegelegen, sagt er. Außerdem seien damals die Rocky-Filme mit Sylvester Stallone als Boxer populär gewesen. Die Assoziation zwischen dem Beinamen "italienischer Hengst" für die Filmfigur und dem "Stier" habe nahegelegen. "Der hat die meiste Power", sagt Lamprecht.