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"Kleines Glück":Von der sardischen Küste an den Isarkai

Kiosk Busbahnhof

Giordano Congiu mit seiner Frau Silvia Pusceddu und den Kindern Franceso und Giorgia vermissen zwar das Meer, aber immerhin fließt gleich hinter ihrem Kiosk am Tölzer Busbahnhof die Isar. Nach wechselvoller Geschichte haben sie das Häuschen als klassischen Kiosk mit kulinarischen Spezialitäten etabliert.

(Foto: Manfred_Neubauer)

Klassiker und original italienische Pizzen zum kleinen Preis in gemütlichem Ambiente zeichnen den Kiosk am Tölzer Busbahnhof aus. Seit etwa zwei Jahren betreibt ihn Giordano Congiu mit seiner Familie. Er hat sich längst ein treues Stammpublikum erarbeitet, auch außerhalb der Busklientel.

Der Tölzer Busbahnhof am Isarkai ist ein lebhafter Ort: Leute warten auf ihren Bus, Touristen flanieren an der Isar entlang, Jugendliche treffen sich dort mit Freunden. Inmitten des Treibens steht ein schmuckes blaues Häuschen, der "Kiosk am Isarkai". Es gibt Zeitungen, Zigaretten und Süßigkeiten, Pizza, Burger und Currywurst - ein klassischer Kiosk mit Imbiss. Zwei Handwerker genehmigen sich an einem der Stehtische ihr Feierabend-Bier, sie sind Stammkunden. "Hier kennst jeden, triffst jeden und kannst in Ruhe rauchen", sagt einer, der seinen Namen nicht verraten will. Um die Gemütlichkeit sei es nämlich gar nicht gut bestellt, Stammtische gebe es überhaupt keine mehr. "Wo willst in Tölz noch hingehen, wenn jede zweite Wirtschaft zumacht", schimpft er. Der Kiosk am Isarkai ist für ihn eine feste Anlaufstelle. Alle zwei, drei Tage schaut er beim Giordano vorbei, "der total geile Pizzen macht", wie er findet.

Der Giordano ist ein waschechter Italiener aus Sardinien und gelernter Pizzabäcker. Ein ruhiger, freundlicher Mann, der mit seiner Frau vor sechs Jahren aus einem sardischen Bergdorf nach Bad Tölz gezogen ist, weil es in seiner Heimat keine Arbeit gibt. Er spricht recht gut Deutsch, das habe er "auf der Straße gelernt", sagt er. Drei Jahre hat er in einer Pizzeria in Lenggries gearbeitet. Als die Stadt für den Kiosk am Isarkai vor zwei Jahren einen neuen Pächter gesucht hat, hat er sich beworben. "Einfach probieren" wollte er es, sagt Giordano Congiu, auch wenn das nicht leicht sei. Denn alles sei teuer in Deutschland und dann die vielen Auflagen - "sie lassen die Leute nicht in Ruhe arbeiten", findet der 31-Jährige. Momentan laufe es ganz gut, auch wenn die Leute bei ihm nicht gerade Schlange stünden. Im Kiosk macht er alles alleine, seine Frau, die in einer Tölzer Bäckerei arbeitet, hilft manchmal mit. Die zweijährige Giorgia und ihr zwei Jahre älterer Bruder Francesco leisten dem Papa Gesellschaft, wenn die Mama arbeitet. Von 7 bis 17 Uhr steht Congiu in dem knapp 40 Quadratmeter kleinen Kiosk, am Samstag ist Ruhetag, am Sonntag nur vormittags geöffnet. Die Küche mit Burgergrill und Pizza-Steinofen hat er dem Vormieter abgekauft, die Pacht zahle er an die Stadt.

Ferienzeit ist für den Kiosk am Isarkai Saure-Gurken-Zeit. Denn zwar sind viele Touristen in der Stadt, aber die Schüler haben Ferien. Schüler und Busfahrer - das seien seine wichtigsten Kunden, sagt Congiu. Nicht die Touristen. Manchmal hielten zehn Busse an einem Tag am Isarkai. An Bord "oft ältere Leute, die ihre Brotzeit von zuhause mitbringen". Eine Runde durch die Marktstraße, rauf zum Kalvarienberg, zurück zum Bus und weg sind sie wieder. Zeit für einen Kaffee im Isarkiosk hätten sie meist gar nicht. Einige Wandlungen hat das blaue Häuschen in den vergangenen Jahren erlebt: Von klassisch über Döner-Laden bis Currywurstbude. Congiu setzt auf Pizza. Schon mit zwölf Jahren habe er in der Pizzeria seines Dorfes gelernt, wie man eine Holzofenpizza backt, erzählt er. Im Kiosk am Isarkai bietet er eine "kleine, aber feine Speisekarte", wie in einer der durchweg sehr guten Bewertungen im Internet zu lesen ist. Pizzen in verschiedenen Sorten, Burger in Varianten, neuerdings auch einen Veggie-Burger, Currywurst, Hot-Dog. "Alles klar bei dir?", begrüßt Congiu einen Busfahrer. Einen Burger, wie immer? Er macht den Grill an, es wird heiß in der kleinen Küche, der Duft nach Gegrilltem und schmelzendem Käse kitzelt die Nase. In der Trattoria "Al Ponte" auf der anderen Straßenseite räumt jemand die Stühle von der Terrasse. Seit voriger Woche ist dort Schluss, die Pächter haben nach zehn Jahren aufgegeben. Wäre ein richtiges Pizzarestaurant eine Option? "Nein, nicht für mich", sagt Congiu. Die Ladenmieten seien "eine Katastrophe", die Personalkosten hoch. "Besser klein, dann schaff ich das alleine", sagt er. So könnten auch die Preise günstig bleiben. Das ist ihm wichtig, "für die kleinen Leute". Ein Pizzastück kostet bei ihm zwischen 3 und 4,50 Euro, ein Burger 3,50 Euro.

Am Nachmittag, wenn weniger los ist, bleiben die Leute oft bei einem Kaffee vorne am Tresen stehen. Erzählen ihm von ihren kleinen und großen Sorgen, vom Ärger in der Arbeit, mit dem Ehepartner. "In den Kiosk kommen die Leute zum Reden", sagt Congiu. Er hört gerne zu, "ich mag das". An die orange gestrichene Wand hat er ein Poster gehängt: Ein Fenster, das sich zu einem Traumstrand öffnet. Das Meer vermisse er sehr, sagt Congiu, der 500 Meter entfernt vom Strand an der Ostküste Sardiniens aufgewachsen ist. Überhaupt seine Heimat und die Leute dort. Aber Tölz sei gut, mehr Arbeit, bessere Schulen. Und immerhin fließt vor dem Kiosk die Isar.