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"Kleines Glück":Kiosk-Uschi und das echte Leben

Kiosk - Serie

Bei Daniela David bekommt man nicht nur Zeitungen und Zigaretten, die 38-Jährige erteilt bei Bedarf auch lebenserleichternde Ratschläge.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Am Stand von Daniela David am Wolfratshauser Bahnhof kann es passieren, dass Anwälte und Obdachlose nebeneinander in der Warteschlange stehen.

Wenn man so vor ihm steht, kommen nostalgische Gefühle auf. Mit dem Mini-Häuschen, dem kleinen Fenster und der von Zeitungsständern eingerahmten Fassade kommt der Kiosk am S-Bahnhof in Wolfratshausen sehr klassisch daher. Erinnerungen an die eigene Kindheit werden wach, in der so ein Kiosk die erste und natürliche Anlaufstelle war, um das Taschengeld in Süßigkeiten umzuwandeln, das geliebte Comicheftchen zu erstehen oder auch die heiß begehrten Fußballsticker für das Sammelalbum.

Es war eine Zeit, in der hat man ein Telefon nur daheim gehabt und nicht ständig in der Tasche mit dabei. Die Zeitung hat man noch gedruckt gelesen und nicht etwa auf dem Tablet. Beim Imbiss gab's einfach einen Kaffee und keinen Latte Macchiato. Und Kioske wie den am Wolfratshauser Bahnhof, die gab es noch fast an jeder Ecke.

Heute wirkt dieser Kiosk auf angenehme Weise etwas aus der Zeit gefallen. Daniela David betreibt einen Kiosk, wie man ihn von früher her kennt: ein kleines Häuschen mit einem halb geöffneten Fensterchen in der Mitte, die Mauer säumen Zeitungen und Magazine. Es sieht aus wie im berühmten anno dazumal, dabei hat David viel am Kiosk verändert, seit sie ihn vor zwei Jahren von ihrer Vorgängerin übernommen hat. Eine ihrer ersten Amtshandlungen bestand darin, das Zeitschriftengeschäft zu reduzieren. Sie hat heute nur noch ein Drittel des Angebots an Zeitschriften ihrer Vorgängerin. Steht man in ihrem Kiosk und betrachtet die mit Magazinen ausgelegten Wände kommt einem das Angebot allerdings noch immer immens vor. "Ich orientiere mich bei den Magazinen jetzt mehr an der Nachfrage", erklärt David. "So hab ich wegen der große kroatischen und türkischen Gemeinde in Wolfratshausen auch fremdsprachige Tageszeitungen und Frauenzeitschriften im Sortiment." Außerdem hat sie das Geschäft mit Tabakwaren ausgebaut, hat begonnen Brotzeiten, Getränke und Kaffee anzubieten und hat neben dem Kiosk eine kleine Sitzecke eingerichtet.

Es war eine ganz zufällige Entscheidung der gelernten Tierarzthelferin, Kiosk-Betreiberin zu werden. Obwohl seit der Übernahme inzwischen fast zwei Jahre vergangenen sind, kann sich David noch genau erinnern. "Es war ein Samstagnachmittag, als eine Freundin mir eröffnete, ihre Mutter wolle den Kiosk aufgeben." Die alte Betreiberin führte den Kiosk fast 30 Jahre lang. "Sie meinte, er würde nichts mehr abwerfen und da konnte ich nicht anders und habe gesagt, ich nehme ihn", erzählt David.

Für sie war es ein glücklicher Zeitpunkt. David war da gerade auf der Suche nach einer Alternative zu ihrer vorherigen Arbeit im Getränkemarkt. Für die gebürtige und sich mit der Stadt verbunden fühlende Wolfratshauserin hatte die Entscheidung auch nostalgische Gründe. "Ich bin in Wolfratshausen zur Schule gegangen, habe die Ausbildung hier gemacht - und der Kiosk gehört für mich zur Stadt einfach dazu. Ich kann mir das Leben hier gar nicht ohne ihn vorstellen", erzählt sie.

Die 38-Jährige ist eine resolute und gesprächige Frau. Sie weiß mit den Leuten umzugehen. Und hört man David länger zu und beobachtet sie bei ihrer Arbeit, wird einem auch schnell klar, dass sie diese Eigenschaften auch zwingend mitbringen muss. Sie fasst es selbst so zusammen. "Du brauchst ein offenes Ohr, gute Laune und ganz besonders ein dickes Fell." Und weiter erzählt sie: "Du erfährst von den Menschen so viel traurige Schicksale. Mit nach Hause nehmen darfst du das aber nicht, sonst macht dich das alles kaputt."

Ihre Kundschaft ist bunt gemischt, die Mehrheit davon sind Stammkunden, die kennt sie alle beim Namen. Vormittags sind es vor allem die Rentner, die ihre Zeitung, einen Kaffee oder Zigaretten haben möchten; mittags kommen die Handwerker, die eine schnelle Brotzeit möchten; und abends sind es oft die Taxler, die vorbeischauen. "Einer von denen hat hier sogar mal seinen Geburtstag gefeiert, da war meine kleine Sitzecke plötzlich voll mit zwölf Taxlern. Das war eine einmalige Stimmung", sagt David.

Gerade in den Ferien ist aber weniger los, denn zu Schulzeiten sind es oft die Kinder, die Süßigkeiten kaufen oder ihre Eltern bitten, das Kinderheftchen für sie zu besorgen. Was ihr wichtig ist: "In meiner Sitzecke nehmen Akademiker und Handwerker genauso Platz wie Obdachlose." Aber ganz gleich, wer einer ist und was er hat: "Jeder wird von mir mit Respekt behandelt." David hat Verständnis für die Schicksale der einzelnen Menschen. "Ich bin selbst schon durch harte Zeiten gegangen", sagt sie, "ich weiß, wie übel einem das Leben mitspielen kann."

Sie weiß, dass beim Einkaufen heute das Persönliche ein bisschen fehlt. David will deshalb auch für die vielen einsamen, vor allem älteren Menschen dasein, für die der Kiosk ein Ort ist, wo sie sich unterhalten können, sie gekannt werden und sich nicht fehl am Platz fühlen. "Es sind auch gescheiterte Existenzen hier bei mir am Kiosk, aber das sind deswegen keine unrechten Menschen", erklärt sie. Davids Kiosk ist ein Anlaufpunkt für Menschen, die zwar Ablenkung und Geselligkeit suchen, sich aber in den herausgeputzten Cafés und Restaurants fremd fühlen.

Sie leihe den Leuten gerne ihr Ohr für deren Sorgen. Und ihre Stimme gebe sie her für Ratschläge oder Späße, sagt David. "Einigen von ihnen reicht es schon, sich hinzusetzten und den Gesprächen zuzuhören", erzählt sie. Auch beim Besuch des Kiosks ist auf ihrer Sitzecke viel geboten. Ein paar Männer und Frauen sitzen auf den Bänken, während des Gesprächs wird draußen viel gelacht und geredet. Trotz seiner Spärlichkeit lädt der Ort zum Verweilen ein. David ist eine energische Frau. Parallel zum Interview bedient sie die Kundschaft, die meisten spricht sie mit Namen an, macht Späße und man spürt, dass die Gäste in der Sitzecke ihre Anwesenheit schon zu vermissen beginnen.

Ihr bisher kuriosestes Erlebnis: Sie sperrte ihren Kiosk morgens auf, als ihr auf der anderen Straßenseite ein Zwei-Meter-Riese in Zimmermannskluft auffiel. "Er war auf der Walz, kam aus Hamburg und wartete auf den Zug", erinnert David sich. Sie ging auf ihn zu und lud ihn in ihren Kiosk auf Kaffee und Brotzeit ein. "Wir verstanden uns super. Seitdem bin ich fixe Anlaufstation für viele Zimmerergesellen auf der Walz, sie nennen mich nur noch die Kiosk-Uschi", erzählt sie amüsiert.