Klaus Wittmann über Ludwig Thoma:"Als Vorbild taugt er nicht"

Lesezeit: 4 min

Ludwig Thoma ist umstritten wie nie. Klaus Wittmann hat zu seinem 100. Todestag dennoch eine Retrospektive vorbereitet

Interview von S. Schwaderer, Bad Tölz

Ludwig Thoma ist einer der berühmtesten bayerischen Schriftsteller - und einer der umstrittensten. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er in einem Forsthaus in Vorderriß, seine letzten "Auf der Tuften" in Tegernsee, wo er 1920 und 1921 nationalistische und antisemitische Hetzartikel verfasste, die er überwiegend anonym im Miesbacher Anzeiger veröffentlichte. An diesem Donnerstag, 26. August, jährt sich sein Todestag zum hundertsten Mal. Klaus Wittmann, Thoma-Kenner aus Bad Tölz, hat zu diesem Anlass eine Retrospektive vorbereitet.

SZ: Herr Wittmann, in München prüft derzeit ein Expertengremium, ob die Ludwig-Thoma-Straße umbenannt werden soll ...

Klaus Wittmann: Nicht nur das, es wird auch geprüft, ob sein Haus Auf der Tuften am Tegernsee überhaupt noch als Kulturstätte betrieben werden darf und und und ...

Und wie sehen Sie das?

Ich hab' natürlich eine Meinung dazu, und ich hole mir die Meinungen von fundierten Thoma-Kennern ein, denen man Vertrauen schenken kann. Es gibt nichts zu beschönigen an den Artikeln, die er zuletzt für den Miesbacher Anzeiger verfasst hat. Was er da geschrieben hat, ist eine absolute Katastrophe. Aber dass seit Jahren nur noch negativ über ihn berichtet wird, dass er nur noch auf dieses schreckliche letzte Jahr reduziert wird, das geht mir zu weit. Dagegen kämpfe ich mit meinen Mitteln an. Mir geht es darum, seine Werke wieder unter die Leute zu bringen, weil er meines Erachtens der beste bayerische Schriftsteller war, den es je gab.

Sie haben in den vergangenen 30 Jahren mehr als 150 Mal allein seine Heilige Nacht gelesen. Wenn Sie das tun, blenden Sie dann den antisemitischen Hetzer aus?

Ausblenden tu ich gar nichts. Und ich will auch nichts unter den Tisch kehren. Aber man muss die Miesbacher Artikel schon in seine Vita einordnen, so wie es auch die wichtigsten Thoma-Kenner tun.

An wen denken Sie da?

An Professor Bernhard Gajek, Literaturwissenschaftler in Regensburg, und seine einstige Mitarbeiterin Gertrud Maria Rösch, die jetzt Professorin in Heidelberg ist. Die beiden wissen, wovon sie reden. Sie beschönigen auch nichts. Aber Professor Gajek weist zum Beispiel darauf hin, dass diese kläglichen 167 Artikel kaum in Fülle gelesen werden. Bis 1989 hat kein Mensch von ihnen gesprochen. Bis dahin hat auch die Stadt München jährlich ihre Ludwig-Thoma-Medaille an Künstler verliehen. Frau Professor Rösch beschreibt die Umstände, unter denen sie entstanden sind. Die politische Lage in Deutschland nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg war hoffnungslos. Damals gab es kein Fernsehen und kein Internet, man wusste nicht, was in Berlin vor sich geht. Die Leute in Bayern hatten schlichtweg Angst, auch Ludwig Thoma. Das soll keine Entschuldigung sein, aber die Zeit war eine andere. Diese Hintergründe werde ich am Donnerstag bei meinem Einführungsvortrag ausführlich beleuchten.

100. Todestag von Ludwig Thoma

Mann mit vielen Gesichtern: Ludwig Thoma starb am 26. August 1921.

(Foto: dpa)

Ihrer Ansicht nach könnte man also einen zeitlichen Trennstrich ziehen: Es gab einen linksliberalen Thoma bis zum Ersten Weltkrieg und dann den von Angst getriebenen rechten Hetzer?

Ja, sicherlich könnte man das so sagen. Vor allem sein letztes Lebensjahr 1920/21 muss man gesondert betrachten. Was er da geschrieben hat, ist auch geprägt von seiner Krankheit. Er hatte Magenkrebs, war innerlich zerfressen, und hatte zudem große Schwierigkeiten mit Maidi von Liebermann, die ihm ständig einen Korb gab.

Und Jüdin war.

Ja, sie kam aus einer großen jüdischen Familie. Er schreibt noch im April 1920 in einem Brief an sie: "Ich bin wirklich kein Antisemit, so sehr ich die ostjüdische Kulturfeindlichkeit hasse. Außerdem habe ich ja der jüdischen Rasse mein Liebstes zu verdanken."

Sehr zwiespältig.

Absolut zwiespältig. Aber mir ist es wichtig, dass die Literatur, die er uns hinterlassen hat, distanziert von seinem letzten Lebensjahr gesehen wird.

Der Journalist Martin A. Klaus, der eine viel beachtete Ludwig-Thoma-Biografie verfasst hat, vertritt die These, dass sich der Antisemitismus durch sein ganzes Werk zieht.

Diese Meinung teile ich nicht. Man kann jedes Werk bis ins Detail zerlegen und dann etwas herausfinden. In Ludwig Thomas berühmten Romanen, Geschichten und Dramen finde ich keinerlei antisemitische Hinweise.

Sie halten ihm die Stange?

Nicht ihm, seinem literarischen Werk. Ich weiß nicht, ob ich ihm als Menschen gerne begegnet wäre. Und die Schmähartikel sind schlimm. Aber sie gehören auch zu seinem Leben. Bei Richard Strauss oder Richard Wagner oder Thomas Mann gibt es auch Indizien, dass sie zeitweise antisemitisch waren und gehetzt haben. Aber bei ihnen legt man offenbar andere Maßstäbe an als bei Thoma. Nur weil er zuletzt am Ende seiner geistigen und körperlichen Kräfte war, kann ich doch nicht sein Lebenswerk totschweigen.

SERVICE

Klaus Wittmann, 1969 in München geboren, hat sich in Bad Tölz als bairischer Sprecher einen Namen gemacht. Neben Ludwig Thomas "Heiliger Nacht" liest er seit einigen Jahren bevorzugt die bairischen Werke Carl Orffs.

(Foto: oh)

Taugt er denn Ihrer Ansicht nach als Vorbild? Sollten Schulen nach ihm benannt sein?

Als Vorbild taugt er nicht. Aber er hat bedeutende bayerische Literatur geschrieben.

Welche Werke haben Sie für Ihre Retrospektive ausgesucht?

Texte, die ich zum einen nicht kürzen muss und die zum anderen entweder in Vergessenheit geraten oder noch gar nicht bekannt sind. Da gehört "Der heilige Hies" dazu, eine köstliche hintersinnige Komödie, und die Filser-Briefe, reinste Satire. Und die "Heilige Nacht" muss auch sein, die hat in Tölz Kultstatus.

Klaus Wittmann beginnt seine Retrospektive am Donnerstag, 26. August, mit dem Vortrag "Ludwig Thoma - ein eigener Mensch". Der Abend im historischen Sitzungssaal im Tölzer Stadtmuseum wird von der Wackersberger Zithermusi begleitet und ist bereits ausverkauft. Alle weiteren Abende finden an Donnerstagen im Tölzer Marionettentheater statt: "Der heilige Hies" (23. September), "Jozef Filsers Briefwexel" mit dem Duo Sepp Kloiber & Hannes Janßen (14. Oktober), "Agricola" - Bauerngeschichten (11. November) und die Inszenierung "Heilige Nacht" mit dem Trio Ossiander-Darchinger (23. Dezember). Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr. Reservierungen nimmt die Tölzer Tourist-Info unter Telefon 08041/786 70 entgegen.

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