"Klangwelt Klassik" Zwischen Schmerz und Scherz

Jung, risikofreudig, souverän: Das "Esmé Quartett" bei seinem gefeierten Auftritt in Icking.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die vier jungen Streicherinnen des "Esmé Quartetts" beweisen in Icking auf mitreißende Weise, dass musikalische Reife keine Frage des Alters ist

Von Paul Schäufele, Icking

Wer gezwungen wird, sich ein Streichquartett vorzustellen, sieht vermutlich das: vier weiße Herren besten Alters in schwarzem Frack. Man freut sich jedes Mal, wenn dieser Erwartungsrahmen gesprengt wird. Und wenn das so geschieht wie beim jungen Esmé Quartet, freut man sich doppelt. Die vier koreanischen Musikerinnen brillierten am Sonntagabend in der Aula des Ickinger Rilke-Gymnasiums.

Am Anfang der Abschied: Haydns G-Dur-Quartett Opus 33 Nummer 5 beginnt mit einer Schlusswendung. Es ist ein harmloser Spaß, der durch das hinreißende Understatement des Esmé Quartets umso reizvoller wirkt. Dass der Kopfsatz dabei betont klangschön und mit dichtem Legatospiel aufwartet, kann den einen oder anderen Puristen vor den Kopf stoßen. Dieser Haydn hat die Schlankheitskur der historischen Aufführungspraxis noch nicht mitgemacht. Diese Klangfülle führt im langsamen Satz zu einem interessanten Nebeneffekt. Wenn die Primaria über sensibel getröpfeltem g-Moll ihre Koloraturen zelebriert, bleibt die Frage: Ist das ernst gemeint, ein leidenschaftliches Arioso oder nicht doch eine Parodie auf die Schrullen damaliger Opernsänger?

Die vier Musikerinnen finden diese Balance zwischen Schmerz und Scherz vom ersten Takt an. Das folgende Scherzo ist dafür beinahe zu geschmackvoll musiziert; das Quartett wählt nicht die naheliegende Lösung, das schräg verschobene Metrum noch eigens zu betonen, verständlich, aber etwas vom Geist des Satzes geht dadurch verloren. Im finalen Variationensatz zu einem tänzerisch bewegten Thema spricht jede Note, bis dieses muntere Parlando durch eine funkensprühend musizierte Presto-Partie sein Ende findet.

Der Kontrast zum ersten Streichquartett von Sándor Veress, 1931 komponiert, könnte kaum größer sein. Nach einer Schmerzgeste in schneidenden Dissonanzen entspinnt sich ein melancholisches Gespräch in dunklen Klangfarben, immer wieder unterbrochen durch Tanzpartien in stampfenden Rhythmen und mit scharfen Akzenten. In diesen an ungarische Volksmusik angelehnten Teilen zeigt das Esmé Quartet, dass es auch vor schrillen Tönen nicht zurückschreckt. Doch am besten ist es im langsamen Satz, wo es aus einem Minimum an musikalischem Material (monotone, stockende Begleitung, darüber traurige Melodien in kleinen Schritten) ein Maximum an Wirkung erzielt. Das in keinem Moment überexpressive Spiel, die feinste dynamische Gestaltung im leisen Bereich erzeugen ein Gefühl von Erstarrung und Trostlosigkeit, das sich auch durch den rustikalen Finalsatz nicht vertreiben lässt.

Hier musizieren also vier junge, noch studierende Instrumentalistinnen mit Tiefe und Reife, die, auch dieses Klischee lässt sich damit vom Tisch fegen, nicht vom Alter abhängt. Und doch gilt später Beethoven immer als Risiko. Gerade das sechssätzige B-Dur-Quartett Opus 130 umgibt eine rätselhafte Aura, zumal die finale "Große Fuge". Was das Esmé Quartet daraus macht, spricht für sich.

An die 20 Mal wechseln im Kopfsatz Adagio- und Allegro-Teile, Vierviertel- und Dreivierteltakt. Gerade hier nimmt sich das Quartett zurück, gestaltet Kontraste maßvoll und lässt somit Raum für Steigerung. Als echten Gassenhauer interpretieren sie den zweiten Satz, ein Scherzo im eigentlichen Sinn, mit schnappatmigen Motiven, witzig chromatischen Linien und gelegentlichem beherzten Kratzen.

Weniger aggressiv, als eher heitere Plauderei kommt der folgende Variationensatz daher, in dem besonders eine Stelle aufhorchen lässt: Wenn die Außenstimmen-Pizzicati zusammen mit Triolen in der Mitte ins harmonische Nirgendwo führen, macht man als Hörer bei dieser Klangfarbengestaltung jeden Akkordwechsel mit. Auf den unschuldig schlichten Deutschen Tanz, zusammen mit dem Scherzo vom Komponisten als "Leckerbissen" kommentiert, folgt mit der Cavatina einer der kaum mit Worten zu beschreibenden Sätze der Quartettliteratur - letztlich nur ein Gesang der ersten Violine zu sparsamer Begleitung. Aber wenn er, wie hier, so schlicht und natürlich, mit dezentem Vibrato gespielt wird, begreift man, weshalb Beethoven selbst ihn zu seinen intensivsten, innigsten Kompositionen zählte.

Nicht weniger intensiv dann das Finale, die "Große Fuge", jener Schmelztiegel des klassischen Formeninventars. Schon die Eröffnung ein Kraftakt, darauf folgt das schroffe Fugenthema, physisch aktiv interpretiert und mit Feuer weitergeführt als Kämpfe um Solo- und Ensemblespiel. Eine berückend schön gesungene Ges-Dur-Enklave vereinigt die vier wieder, scherzoartige Durchführungsteile treiben sie auseinander... Dass der Satz nicht zerfällt, liegt am Facettenreichtum der Interpretation. Keine Sekunde lässt man sich ablenken.

Wie das Esmé Quartet es danach noch schafft, als Zugabe zwei Stücke des Argentiniers Astor Piazzolla zu musizieren, beide energiegeladen und inspiriert, bleibt ein Rätsel. Vielleicht lässt es sich bei weiteren Konzerten dieser Formation lösen. Und hoffentlich finden sie in Icking statt.