Süddeutsche Zeitung

Klangwelt Klassik:Streicherflirren mit Glockenläuten

Das "Aris Quartett" gibt in Icking eine mitreißende Matinee unter außergewöhnlichen Bedingungen

Von Ulrich Möller-Arnsberg, Icking

"Wissen Sie, wo es reingeht?", fragt eine Frau am Parkplatz des Rainer-Maria-Rilke-Gymnasiums. Das ist bei diesem Matinee-Konzert von Klangwelt Klassik mit dem Aris Quartett tatsächlich die Frage. Denn nichts ist in diesen Zeiten der Lockerung nach der Corona-Pandemie wie sonst. Die Antwort gibt das sonnige Wetter. Drinnen findet nichts statt. Es bleibt beim geplanten Open-Air-Auftritt im Innenhof der Schule. Pfeile am Boden weisen die Strecke zum Sonderzugang aus. Für den Platz im Innenhof hat Hermann Weidner, Vorstandsmitglied des Vereins Klangwelt Klassik, das vom Landratsamt abgesegnete Hygiene-Konzept am Computer ausgerechnet. Stuhlreihen, Doppelsitze und Einzelplätze hat der Schachliebhaber nach einem ausgeklügelten System für 120 Zuschauer angeordnet. Wie das geht, das könnte eine Klausuraufgabe in Geometrie sein.

Für die Streicher des Aris Quartetts, Profis aus Frankfurt, die 2016 den zweiten Preisträger beim ARD-Musikwettbewerb belegten, ist das Konzert in Icking ein lang ersehnter Auftritt nach der Zwangspause - und zugleich eine Herausforderung. Denn der Resonanzraum ist der freie Himmel. Für die Klänge und Töne braucht es Gespür wie für rohe Eier. Das wird gleich verlangt im Eröffnungssatz von Haydns "Sonnenquartett" op. 20/4. Resolut geht die Primgeigerin Anna Wildermuth ihre Kantilene an. Die zweite Geigerin Noémi Zipperling, Bratschist Caspar Vinzens und Lukas Sieber folgen ihr souverän. Doch erst im langsamen Satz ist das Zusammenspiel in völlig gelöster Stimmung angekommen. Die Musiker werfen sich die Motive wie Bälle zu. Und im anschließenden "Menuetto alla Zingarese" musizieren sie mit Verve und Temperament.

Auch für die Zuhörer ist dieser Samstagvormittag eine ungewohnte Herausforderung. Die Mittagssonne knallt herunter in den Hof. Wer ohne Sonnenhut gekommen ist, muss sich etwas einfallen lassen. Ein umfunktionierter Regenschirm geht jedenfalls nicht - "Entschuldigung, ich sehe nichts mehr", mahnt eine Dame augenblicklich mit unmissverständlicher Stimme an. Aber es geht doch ums Hören, möchte man antworten. Das macht beim Aris Quartett jedenfalls großen Spaß. Mit galantem Ton schweben die Musiker nach dem markanten ungarischen Menuett durchs Trio, am Ende folgt noch ein flirrender Rausch durchs Finale Presto.

Vor den fünf Stücken für Streichquartett von dem klassischen Modernisten Erwin Schulhoff schiebt sich eine Wolke vor die Sonne. Ein atmosphärischer Wechsel, der perfekt zu der Musik von 1923 passt, als sich Klassik, Jazz und Tango erstmals einander begegneten und durchdrangen. Jahrzehnte vor den Avantgardisten John Cage und Helmut Lachenmann hat sich Schulhoff mit neuen musikalischen Formen und Techniken beschäftigt. Mit der Bogenstange tippen die Musiker von Aris auf die Saiten, oder streichen am Steg einen metallisch geheimnisvollen Ton an. Diese expressionistische Sprache gefällt den Zuhörern. Sie schmunzeln immer wieder zwischendurch über die hier dargebotenen musikalischen Genres, wie "alla Valse viennese", "alla Tango milonga" oder "alla Tarantella". Und das Aris-Quartett zeigt, dass es sich neben dem Klassiker Haydn bestens auf die Vielfalt der Farben des Modernisten Schulhoff versteht.

Eine Konzertpause gibt es nicht. Aber als die Musiker nach kurzem Verschnaufen aus dem Künstlerzimmer zurückkommen, hat das Mittagsläuten der nahen Kirche begonnen. "Weiß jemand, wielange das dauert?", fragt Bratschist Caspar Vinzens zum Amusement des Publikums. Nach vier Minuten klingt das letzte Glöckchen aus.

Den grandiosen Abschluss setzen die vier Streicher dann mit dem Quartett Nr. 2 des jungen Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Unglaublich facettenreich, zwingend und mit großem dramaturgischen Gestaltungssinn loten sie das eröffnende Adagio aus; werfen sich mit Furor in das folgende Allegro. Sie zelebrieren die anschließende Fuge mit großer Ruhe und das wiederum völlig anders anmutende Zwischenspiel mit Lied-Thema. Ein höchst ungewöhnliches Werk, dessen Finale mit einem Rezitativo der ersten Violine beginnt, dann rasant Fahrt aufnimmt, um im Adagio zu enden, wie es begonnen hat.

Langer Applaus folgt von den begeisterten Zuhörern. Passend zum Anlass und Wetter gibt es Sonnenblumen von den Veranstaltern. Und als Zugabe und Dankeschön folgt der erste Kontrapunkt aus Johann Sebastian Bachs Kunst der Fuge. Eine großartige Matinee.

Die neue Saison eröffnet am 3. Oktober das Lux-Trio, alle Infos unter https://klangwelt-klassik.de

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SZ vom 27.07.2020
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