bedeckt München 22°
vgwortpixel

Kino-Eröffnung:Zurück in die Zukunft

Alte Leuchter, Nierentischchen, plüschige Sessel: Im Tölzer Capitol beginnt der Film schon beim Betreten des Kinos. Nach der Sanierung lebt das Flair der Fünfziger wieder auf. Künftig gibt es vor allem Arthouse, Originalfassungen und Klassiker.

Wo jetzt wieder magische Momente in der Luft liegen, wo der Alltag aufhört und fremde Welten beginnen, brauchte es am Donnerstagnachmittag noch einmal kurz Teppichkleber und Werkzeuge, um die Grenzen des Möglichen zu erweitern. Nur wenige Stunden später aber waren die letzten Feinarbeiten beendet. Das Tölzer Kino am Amortplatz ist nach genau vier Wochen fertig saniert und sein einzigartiges Flair der 1950er-Jahre erstrahlt in neuem Licht.

Mit seinen 300 Plätzen ist das Capitol in Bad Tölz wohl einer der größten Kinosäle außerhalb von München.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

"In diesem Haus ist der Geist der Glanzzeiten Hollywoods noch vorhanden, und wir wollten es authentisch zurückversetzen", erklärt der Heidelberger Ausstatter Dirk Heckmann. Er zeichnete im Rahmen der Renovierung insbesondere für das neue Lichtkonzept verantwortlich. "Ich halte es für einen Glücksfall, dass so ein Haus mit seinen Stilelementen noch existiert, dass es seit seiner Gründerzeit nicht kaputt renoviert wurde oder gar zweckentfremdet, so wie viele andere", sagt er. Deshalb sei das oberste Ziel der Renovierung gewesen, "dass wieder möglichst viele Tölzer sagen, dort haben wir viel erlebt und tun es noch, das ist unser Kino." Am Donnerstagabend konnte die Neueröffnung mit dem Oscar-prämierten Film "Moonlight" gefeiert werden und zahlreiche Besucher überzeugten sich von ihrem neuen, alten Lichtspielhaus.

Im Kino sind die Möbel aus den 1950er Jahren renoviert worden.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Natürlich sei das Kinosterben ein stetes Thema, sagt der Betreiber Roland Wolf. Auch er hatte einst überlegt, ob er die Säle am Amortplatz nicht besser schließen sollte, als das Isar-Kinocenter am Moraltpark gebaut wurde. "Aber irgendwie hängt mein Herz dran", sagt er mit einem breiten Lächeln, während er zwischen den plüschigen Sesseln steht. Deshalb jetzt auch die Investition, um das Haus nicht nur zukunftsfähig zu machen, sondern vor allem seinem Charme Rechnung zu tragen - und um es weiter parallel zu betreiben. Während am Moraltpark Blockbuster laufen, fokussiert das Capitol künftig auf Arthouse, Originalfassungen und Klassiker.

Die Betreiber Michael Spiegel (links) und Roland Wolf haben den Kinosaal mit viel Liebe zum Detail saniert.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Begann früher die Magie, wenn es dunkel wurde im Saal, ist nun schon der Besuch des Hauses an sich ein Erlebnis. Angefangen von der Eingangstüre, die stilechte Griffe aufweist, über sogenannte Raketenlampen, die das Foyer beleuchten hin zur Karten-Theke, neben der nun Stahlrohr-Stühle an einem Nierentischchen auf Besucher warten. Der Aufgang erhielt einen eleganten roten Teppich. Eine gläserne Vitrine birgt Fundstücke aus dem Haus wie etwa alte Eintrittskarten, Filmrollen, Projektor und Fotos aus dem Tölzer Stadtarchiv: Sie zeigen das Gebäude, das einst das Bruck-Bräu war. 1952 wurde es als Kino mit Mehrzweckfunktion eröffnet und fungiert seit 1956 ganz als Lichtspielhaus.

Renovierung Filmtheater Capitol Kino Tölz Amortplatz

In der Vitrine stellen die Betreiber Fundstücke aus dem Haus wie etwa den alten Projektor, Eintrittskarten und Filmrollen aus.

(Foto: Claudia Koestler)

Die augenfälligste Veränderung hat der große Capitol-Saal erfahren, das Herzstück des Tölzer Filmtheaters und einer der größten Kinosäle außerhalb Münchens. Die zuvor von Wasserschäden gekennzeichnete Decke ist saniert, die früher gelb-grünliche und zerschlissene Wandbespannung ist einem teils glatten, teils gerafften Stoff gewichen. Nur wie sich die Farbe beschreiben lässt, braucht Expertenrat: "Ist das Brombeere?", fragt Wolf. Doch Raumausstatter Peter Waldherr korrigiert: "Mauve, zu deutsch: Malve". Wie auch immer, warm und elegant wirkt der Saal nun. Ausgestattet ist er obendrein mit einer neuen Leinwand, die extra aus Frankreich angeliefert wurde. "Die alte war vergilbt und verschmutzt. Mit dieser Leinwand erreichen wir jetzt eine ganz andere Qualität, eine ganz andere Leuchtkraft und Brillanz der Bilder", freut sich Wolf.

1600 Kinos

gibt es nach Auskunft der Filmförderungsanstalt (FFA) in Deutschland, die meisten davon in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Im Jahr 2016 lösten 121 Millionen Besucher eine Kinokarte, etwa 13 Prozent weniger als noch 2015. Die Stadt Bad Tölz bietet mit seinem Angebot eine ungewöhnliche Vielfalt: Filmfreunde können in der 18 000-Einwohner-Stadt aus acht Kinosälen verteilt auf zwei Lichtspielhäuser wählen. Das Haus am Amortplatz bietet allein in seinem größten Saal, dem Capitol, 300 Sitzplätze.

Eine besondere Herausforderung stellten die Lampen dar, die nun das Capitol erleuchten: Plafonniers. Zu kaufen gibt es diese stilechten Wandleuchten längst nicht mehr, weshalb es über vier Monate dauerte, bis Filmexperte Michael Spiegel, der für die Sanierung verantwortlich zeichnete, genügend passende Einzelstücke auftreiben konnte. "So etwas findet man in ganz Deutschland nicht mehr", sagt er.

Dass sich in diesem Saal schon Generationen in Filmwelten verloren haben, in den Geschichten, den Bildern und der Musik, ist nicht nur eine Annahme. "Uns haben viele, viele Helfer stolz erzählt, dass sie hier ihren ersten Film gesehen haben oder frühe Erinnerungen mit dem Haus verbinden", sagt Spiegel. So wie Waldherr, der am Donnerstag noch die letzten von insgesamt 300 Meter Stoffbahnen montierte. "Für mich schließt sich ein Bogen, denn ich habe früher hier als Filmvorführer gejobbt", verrät er. "Deshalb hat die Arbeit enorm Spaß gemacht. Jahre später kann ich nun mithelfen, dem Ort meiner Jugend eine Zukunft zu geben", freut er sich.

Wolf jedenfalls ist mit dem Ergebnis der Renovierung sehr zufrieden: "Es gefällt mir richtig gut." Für die Stadt sei das eine tolle Sache, dass beide Kinos - das moderne am Moraltpark und das nostalgische am Amortplatz - weiter bespielt bleiben: Jetzt liege es am Publikum, einzutauchen, in klassische Filmwelten wie in das nostalgische Ambiente des Hauses.

© SZ vom 08.04.2017
Zur SZ-Startseite