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Corona-Alltag in Bad Tölz-Wolfratshausen:Ungewisse Kinder-Zukunft

Schuhe Kindertagesstätte

Auch heuer bangen viele Eltern wieder darum, ob auch für die Gummistiefel ihrer Kinder Platz in der Kita ist.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Wegen der Pandemie können derzeit keine Kita-Besichtigungen stattfinden - das sorgt für Unmut bei den Eltern und wesentlich mehr Aufwand bei den Kitaleitungen

Von Felix Haselsteiner und Konstantin Kaip, Bad Tölz-Wolfratshausen

"Normalerweise", sagt Petra Götzenberger, "würden wir die Eltern durch die Kitas führen und ihnen alles in Ruhe zeigen." Normal ist allerdings aktuell gar nichts, nicht einmal bei den jüngsten Mitgliedern der Gesellschaft. Die Tage der offenen Tür, die Informationen, das Kennenlernen, all das muss in diesem Jahr bei der Auswahl der zukünftigen Kindertagesstätte verschoben werden - oder digital stattfinden, so wie bei den Einrichtungen des Trägers Kinderland Weyarn. "Wir versuchen es mit virtuellen Rundgängen durch die Einrichtungen", sagt Geschäftsführerin Götzenberger. Darauf sollen dann Bewerbungen folgen und schließlich Einzelgespräche. Bei insgesamt 562 Kitaplätzen und etwa 30 bis 80 Bewerbungen pro Einrichtung dürfte das ein ganz schöner Aufwand werden.

Das fehlende Kennenlernen ist insbesondere für die Eltern eine Herausforderung: Andrea Seiler etwa sucht für ihren älteren Sohn, der im März drei Jahre alt wird, einen Kindergartenplatz für September in Wolfratshausen. Dass sie nicht wie üblich in den Kitas vorstellig werden kann, macht die 30-Jährige nervös. Nicht nur, weil sie weder die Räume noch die Mitarbeiter sehen und ein Gefühl für die Einrichtung bekommen könne, sagt sie. Sondern auch, weil sie fürchtet, ohne ein persönliches Kennenlernen leichter abgelehnt zu werden. "Es ist immer verbindlicher, wenn man sich kennt und schon einmal miteinander gesprochen hat", sagt Seiler.

Schon vor zwei Jahren, erzählt sie, habe sie sich an drei Kitas um einen Krippenplatz für ihren Sohn beworben - und sei leer ausgegangen. Weil sie kurz darauf ihren zweiten Sohn bekam und ohnehin zuhause bleiben musste, suchte sie im vergangenen Jahr nicht mehr.

Nun aber soll ihr Ältester in den Kindergarten. "Nachdem man nichts anschauen kann, muss man sich blind anmelden", sagt Seiler. Fünf Einrichtungen in Wolfratshausen habe sie bereits angeschrieben, eine positive Rückmeldung habe sie noch nicht erhalten. Nur von der Kita Kolibri im Gewerbegebiet habe sie eine E-Mail erhalten, dass es dort schwierig werde. Die freien Plätze würden erst an Kinder vergeben, die aus der eigenen Krippe kommen, dann an Geschwisterkinder. Externe kämen als letzte an die Reihe. "An sich verstehe ich das", sagt die junge Mutter. "Aber wir wollen nicht wieder die Gelackmeierten sein. Ich wäre einfach froh, wenn ich einen Platz in Wolfratshausen kriegen würde."

Martin Melf, der als Leiter des Referats "Bildung und Soziales" bei der Stadt für die Kitas zuständig ist, kann sie beruhigen. "Das müsste heuer eigentlich funktionieren", sagt er zu Seilers Wunsch. Schließlich bemühe sich die Stadt mit den Kitas Jahr um Jahr erfolgreich darum, allen Kindern einen Platz anzubieten. Nur im vergangenen Jahr hätten einzelne Eltern etwas länger warten müssen - wegen der hohen Zahl der sogenannten "Korridorkinder". Melf spricht von der "Piazolo-Spitze", weil es durch eine Neuregelung des Kultusministers nun den Eltern überlassen ist, ob sie ihre sechsjährigen Kinder einschulen oder nicht. Wie viele noch ein Jahr im Kindergarten bleiben, wisse man erst nach den Schuleinschreibungen. 2020 seien in Wolfratshausen es mehr als 30 gewesen, deren Plätze gewissermaßen blockiert waren. Da diese aber heuer zwangsläufig eingeschult werden müssten und die Zahl der potenziellen "Korridorkinder" geringer sei, ist Melf zuversichtlich, dass niemand leer ausgehen muss.

Die Anmeldung in Wolfratshausen läuft gerade erst an. Das Vorgehen angesichts der Sondersituation mit Corona spreche er derzeit mit den Trägern der Kitas ab, sagt Melf. Ziel sei es, dass alle Häuser, die drei städtischen und die anderer Träger, auf ihrer Homepage ein Anmeldeformular zur Verfügung stellen. Eltern sollten am besten ihre drei Wunsch-Einrichtungen mit der jeweiligen Priorität anschreiben, empfiehlt Melf. Das erleichtere den Abgleich nach Anmeldeschluss Mitte März mit den Kitas. In der Regel gelinge es, einen Platz in einer der gewünschten Häuser zu finden.

In Geretsried erfolgt die Anmeldung seit 2016 zentral über die elektronische Plattform "Little Bird": Dort können sich Eltern auf einer Prioritätenliste für drei Wunscheinrichtungen bewerben - online oder per Formular, das im Rathaus erhältlich ist. Wie der Pressesprecher der Stadt, Thomas Loibl, erklärt, werden die Listen dann im März gemeinsam vom städtischen Fachbereich Familie nach Rückmeldung der Kitas "bereinigt". Aussagekräftige Zahlen zu Bedarf und Angebot könne er daher derzeit noch nicht liefern.

Anders als Wolfratshausen hatte Geretsried in den vergangenen Jahren einen deutlichen Mangel an Kita-Plätzen zu beklagen. Noch im November 2019 fehlten circa 50 Kindergartenplätze in der Stadt. Die Kommune arbeitet aber fleißig am Ausbau der Betreuungskapazitäten. So wurde etwa die "Blechkiste" der Caritas im vergangenen Jahr um eine Gruppe vergrößert. Das hilft zumindest ein bisschen, genauso wie die Förderung des Freistaats, der die Beiträge von Alleinerziehenden aktuell übernimmt. Und neben all dem Verwaltungsaufwand für die Zukunft steht derzeit vor allem eines im Fokus: Dass die Kinder, die schon einen Platz haben, endlich wieder in ihre Kitas zurückkehren dürfen.

© SZ vom 02.02.2021
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