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Unterstützung für Familien:Wo jedes Kind ermutigt wird

Zehn Jahre Frühförderstelle

In der Frühförderstelle Bad Tölz dürfen Kinder "so sein, wie sie wollen", sollen aber zugleich lernen, ihren Alltag zu meistern, um mit ihren Besonderheiten in der Gesellschaft zurechtzukommen.

Die Interdisziplinäre Frühförderstelle in Bad Tölz feiert ihr zehnjähriges Bestehen. Für die Angebote der Einrichtung steigt der Bedarf stetig, denn die Leistungsgesellschaft macht auch vor den Kleinen nicht Halt

Von Stefanie Haas, Bad Tölz

Immerzu müde oder hyperaktiv, zurückgezogen oder zu extrovertiert - was bei manchen Kindern normal und von kurzer Dauer ist, kann anderen Kindern den Alltag wiederum sehr erschweren. Früher hieß es dazu oft: Das Kind muss an die frische Luft. Heute weiß man: So einfach ist es nicht. Bei der Interdisziplinäre Frühförderstelle (FFS) in Bad Tölz nimmt man sich solchen Kindern an.

Das Team von Anja Rohde, seit 2017 in Elternzeitvertretung die Leiterin der FFS, setzt sich zusammen aus Expertinnen und Experten verschiedener Fachrichtungen: Psychologie, Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie und Heilpädagogik. Gemeinsam sollen sie alle an einem Strang ziehen. Gefördert werden in der FFS Kinder ab dem ersten Lebensjahr bis zur Einschulung, dann greifen andere Träger oder spezialisierte Praxen. Das Klientel der Förderstelle ist sehr divers: Dazu gehören Kinder mit klassischen Einschränkungen wie Trisomie 21, Autismus oder anderen genetischen Dispositionen. Aber auch Frühgeborene mit Startschwierigkeiten zählen zu den Betreuten, ebenso wie Kinder mit Entwicklungsverzögerungen. Das sind beispielsweise Kinder, die wenig oder gar nicht sprechen oder sich zurückziehen.

Die Förderstelle in Bad Tölz gibt es seit zehn Jahren. Übernommen und erweitert wurde das Unterstützungsangebot von der Lebenshilfe. Damals existierte bereits eine ähnliche Einrichtung in Murnau, auf die der Bezirk Oberbayern schließlich herantrat, um das Tölzer Angebot beizubehalten. "Wir haben uns ein gutes Netzwerk hier im Landkreis geschaffen", resümiert Rohde. Durch das Angebot in der Einrichtung und die enge Zusammenarbeit mit Kindergärten, Ärzten, dem Jugendamt und der frühen Hilfe habe man sich zu einem guten Ansprechpartner entwickelt.

Zehn Jahre Frühförderstelle

Anja Rohde leitet seit 2017 das Team aus Expertinnen und Experten verschiedener Fachrichtungen.

Seitdem betreut das Team der FFS durchschnittlich 230 Kinder pro Jahr, aktuell sind es knapp 170. Der Leitgedanke der Einrichtung: Kinder dürften "so sein, wie sie wollen" und sollen lernen, ihren Alltag zu meistern, um mit ihren Besonderheiten in der Gesellschaft zurechtzukommen. "Wir fangen bei dem Satz 'Was kann das Kind?' an", erklärt Rohde. Zu diesem Zweck verfolge man ein ganzheitliches Förderkonzept, bei dem alle Kinder mindestens zweimal, manchmal drei- bis viermal pro Woche Therapien besuchen. Welche Therapieformen infrage kommen, ist abhängig vom Schwerpunkt des Kindes: "Es greifen immer zwei Therapien ineinander. Wir sprechen uns da mit den Eltern und den Kinderärzten ab: Was genau soll sich jetzt verändern?", sagt Rohde. Ein Kind, das beispielsweise sehr aktiv ist und Probleme hat, sich zu konzentrieren, könnte eine Therapie in Anspruch nehmen, bei der es durch positive Verstärkung ermutigt wird, sich länger mit einer Aktivität zu beschäftigen.

Für die Eltern, erklärt Rohde, sei der Umgang mit den Defiziten ihrer Kinder oft schwierig, gerade weil eine Ursache nicht immer eindeutig ist. Um die Unsicherheiten der Eltern aufzufangen, gäbe es auch ein umfangreiches Elternangebot wie etwa Beratungsgespräche oder Kurse sowie Hausbesuche. Rohde möchte damit den Eltern mitgeben, Unterschiede zu akzeptieren und zufrieden zu sein. "Es geht darum, Kinder zu fördern und ihnen den Umgang mit etwas beizubringen, nicht etwas abzulegen", erklärt die Leiterin. Eindrücke von vielen Seiten, die nur zeigten, was Kinder nicht könnten, versperrten den Weg hin zu etwas Positivem.

Für die Angebote der Einrichtung gäbe es einen steigenden Bedarf: Familiäre Systeme seien im Wandel, auch die Leistungsgesellschaft mache vor den Kindern nicht Halt. Heutzutage gäbe es enorme Unterschiede zu dem, was Kinder früher bei der Einschulung vorweisen mussten. Das zeige sich auch am Zusatzprogramm, das viele Kinder absolvierten, beispielsweise Sprachunterricht oder Sportangebote. Viele Eltern, sagt Rohde, ziehen Vergleiche und sind sich unsicher, was man dem Kind bieten sollte, um mitzuhalten. Oft komme auch ein schlechtes Gewissen hinzu, wenn sich eine Familie etwa bestimmte Dinge nicht leisten könnte. Auch hier versucht die Förderstelle anzusetzen, um den Eltern das Grundvertrauen in ihre Arbeit zurückzugeben.

Für die Zukunft hoffen Rohde und ihr Team darauf, wieder das volle Programm anbieten zu dürfen. Aktuell laufe alles coronabedingt unter strengen Auflagen: Mindestabstände, begrenzte Personenzahl und eine FFP2-Maskenpflicht. "Wir würden uns wünschen, dass wir bald wieder Gruppenarbeit machen können", sagt Rohde. Die Leiterin wünscht sich außerdem, dass der Wert der Frühförderung auf politischer Ebene mehr Anerkennung erfährt: Die Finanzierung in diesem Bereich sei immer ein Problem. Mehr Wertschätzung dahingehend wäre also erstrebenswert, zumal "der Bedarf sehr hoch ist." Rohde ist sich aber bewusst, dass dies ein langfristiges Ziel ist. "Wir sind froh, dass trotz der Pandemie unsere Arbeit möglich ist."

© SZ vom 04.05.2021
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