125 Jahre Kesselbergstraße:Motorradlust und Anwohnerfrust

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125 Jahre Kesselbergstraße: Von ihrem Balkon aus haben Zeno Öttl und seine Frau einen Traumblick auf den Walchensee - und auf die Kehren der Kesselbergstraße nach Urfeld hinab. Die rasenden Motorrad- und Sportwagenfahrer nerven das Paar.

Von ihrem Balkon aus haben Zeno Öttl und seine Frau einen Traumblick auf den Walchensee - und auf die Kehren der Kesselbergstraße nach Urfeld hinab. Die rasenden Motorrad- und Sportwagenfahrer nerven das Paar.

(Foto: Manfred Neubauer)

Die landschaftlich reizvolle Lage und die Bergrennen-Historie haben den Kesselberg überregional bekannt gemacht. Anwohner fühlen sich von den Rasern zunehmend belästigt und fordern Gegenmaßnahmen.

Von Benjamin Engel

Landschaftlich reizvoll ist der Kesselberg durch seine Lage als Eingangstor zum Karwendel zwischen Kochel- und Walchensee. Zudem ist die Straßenstrecke motorsportgeschichtlich interessant. Ende der 1920er- bis Mitte der 1930er-Jahre fuhren bei den Kesselbergrennen damalige Sportgrößen wie Hans Stuck oder Rudolf Caracciola um den Sieg. Beide Aspekte zusammen ziehen bis heute vor allem die Motorradfahrer auf die weitgehend dem natürlichen Geländeverlauf folgende Trasse. "Die Bergstrecke schlechthin" mit 16 unterschiedlichen Kurven und perfekten Radien nennt sie der Motorradclub D.O.C. München auf seiner Homepage.

125 Jahre Kesselbergstraße: Auf der Kesselbergstraße haben Motorradfahrer 2021 gegen das Fahrverbot für Motorräder an Wochenenden und Feiertagen demonstriert.

Auf der Kesselbergstraße haben Motorradfahrer 2021 gegen das Fahrverbot für Motorräder an Wochenenden und Feiertagen demonstriert.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

"Die Kurvenführung ist reizvoll", sagt auch Gábor Kovács, Vorsitzender im gemeinnützigen Verein "Blue Peers", der Opfer nach schweren Motorradunfällen betreut und sich für Unfallprävention und -vermeidung einsetzt. "Es sind sehr enge Kurven, in denen sich das Motorrad richtig in die Kurve drücken lässt. Das genießt der Motorradfahrer." Nur könne man eben ganz normal und vorschriftsmäßig unterwegs sein so wie 98 Prozent von ihnen - oder es übertreiben.

Damit ist die Problematik am Kesselberg beschrieben. Für Anwohner wie Zeno Öttl ist der Lärm kaum auszuhalten, wenn einige wenige Motorradfahrer am Berg möglichst schnell hinauf- und hinunterrasen, den Gashebel aufdrehen und Fehlzündungen verursachen - und das sogar mehrmals direkt hintereinander. Das Haus des Walchenseers und seiner Frau steht unterhalb der Passscheitelhöhe direkt zwischen zwei Kehren nach Urfeld hinab. Vom Balkon kann er direkt auf die Straße sehen. "Viele sind einfach viel zu laut", sagt er. Außerdem gefährdeten die auf- und abrasenden Motorradfahrer durch risikoreiches Verhalten andere Menschenleben. In jüngster Zeit sei alles noch schlimmer geworden. "Das geht einfach nicht mehr", sagt Öttl.

Als Querulant sieht er sich aber nicht. "Der ganz normale Verkehr stört mich nicht", versichert er. "Ich bin kein Menschenhasser." Nur um die Auf- und Abraser - die Gas-Geber - gehe es ihm. An diesem Grundproblem hat sich für ihn jahrzehntelang kaum etwas geändert. Die Raser hielten sich weder an das geltende Tempo 60 noch an das Überholverbot oder das Rechtsfahrgebot. Das Resümee nach seinen vergeblichen Apellen an staatliche Behörden seit Mitte der 1980er-Jahre: "Man müsste mit den vorhandenen Mitteln besser kontrollieren."

Eines davon könnte das in Deutschland geltende Rechtsfahrgebot sein. Wer dagegen verstößt, erhält einen Punkt in der Flensburger Verkehrssünderdatei. Beim achten wird der Führerschein entzogen. Öttl hält das für ein probates Mittel, um effizienter zu kontrollieren. Wer als Motorradfahrer in der Mitte der Fahrbahn durch die Kurve rast - und das auch mit dem Knie knapp über dem Belag - gefährde sein eigenes und andere Menschenleben, sagt Öttl, der eine konsequente Haftung der Fahrzeughalter bei Verstößen fordert.

125 Jahre Kesselbergstraße: Fahrbahnteiler sollen riskante Überholmanöver am Kesselberg unterbinden.

Fahrbahnteiler sollen riskante Überholmanöver am Kesselberg unterbinden.

(Foto: Manfred Neubauer)

Untätig geblieben sind die Behörden am Kesselberg allerdings nicht, um die Motorradfahrer auszubremsen. Nur eine Höchstgeschwindigkeit von 60 Stundenkilometern ist erlaubt. Das geltende Überholverbot soll zusätzlich durch Fahrbahnteiler mit Barken in den Kurven verhindert werden. An Wochenenden und Feiertagen dürfen Motorradfahrer auf der Strecke nicht bergauf unterwegs sein. An die Regeln hielten sich die Raser aber nicht, so Öttl. Diese Gruppe wisse genau, dass etwa die örtliche Polizeistation in Kochel am See abends nicht mehr besetzt sei. Nach 19 Uhr drehten diese dann bei schönem Wetter bis zum Sonnenuntergang ihre Runden auf der Kesselbergpassstraße. Auf der Strecke brauche es einfach mehr Polizisten, die öfter kontrollieren, fordert Öttl.

In den sozialen Medien braucht man nicht lange zu suchen, um auf zahlreiche Fotos und Videos von Motorradfahrern in extremer Schräglage mit sprühenden Funken zwischen Knie und Fahrbahnbelag der Kesselbergstraße zu stoßen. Von "einigen Voll-Bekloppten" spricht Gábor Kovács von der Organisation "Blue Peers". Solche Manöver haben für ihn nichts verloren auf der Straße - genau wie ein Wheelie, dem Fahren allein auf dem Hinterrad. "Wir sagen den Leuten, wenn sie Dampf ablassen wollen, sollen sie auf die Rennstrecke gehen." Vielfach handele es sich bei Rasern gerade um junge Leute in ihrer "Sturm- und Drangphase". Zu Unfällen komme es meist, weil auf den ersten ein zweiter Fahrfehler folge. Wer die Balance in einer Kurve falsch einschätze oder falsch bremse, versuche das zu korrigieren. "Dann war's das", so Kovács. Die "Blue Peers" haben ein spezielles Training entwickelt, um sicher durch die Kurven zu fahren.

Kovács ist aber strikt dagegen, allein Motorradfahrer für riskantes Fahrverhalten und Lärm verantwortlich zu machen. "Ich sage salopp, allgemein ist der Teilnehmer am Individualverkehr ein Egomane." Motorradfahrer seien genauso unvernünftig wie Autofahrer. Sportwagenfahrer machten dort noch viel mehr Lärm als Motorradfahrer. Und am Kesselberg ließen es selbst manche Rennradfahrer mit Tempo 80 abwärts laufen. Darüber hinaus sei der Ausflugsverkehr auf der Passstraße an schönen Tagen am Wochenende so stark, dass es sowieso keinen Spaß mehr mache, dort mit dem Motorrad zu fahren. Die halbseitige Sperrung sei daher sinnlos, findet Kovács. "Es liegt in der Hand der Politik, dass der Verkehr generell sauberer und leiser wird."

Er möchte sich als Motorradfahrer nicht generell vom Kesselberg aussperren lassen. "Das ist ein wunderschönes Gebiet", so der "Blue Peers"-Leiter. "Ich nutze das gerne als Ausfahrt in die Eng." Seine Stammstrecke führe über die Kreut-Alm, den Kesselberg und weiter über Vorderriß bis in die Eng und zum Ahornboden. "Das ist eine wunderbare Tour." Statistisch fielen Motorradfahrer auch nicht mehr auf als andere Verkehrsteilnehmer. Den jungen Leuten müsse vermittelt werden, auch Spaß haben zu können, wenn man angepasst unterwegs sei.

Erst vor wenigen Wochen ist allerdings die neue Bürgerinitiative "Lärm stoppen jetzt!" online gegangen. Deren Ziel ist es, mit Hilfe teils drastisch klingender Maßnahmen im Zwei-Seen-Land rund um Kochel- und Walchensee den Verkehr leiser zu machen und das ungestörte Naturerlebnis zu schützen, heißt es auf der Internetseite. Die Forderungen: Am Kesselberg und in Kochel am See soll generell Tempo 30 gelten. Das Limit soll ganzjährig lückenlos kontrolliert werden - durch stationäre Blitzer und stichprobenartige Standkontrollen. Sollte das nicht fruchten, fordert die Initiative als Ultima Ratio ein generelles Fahrverbot für sogenannte "Krachmacher" in der Region. Auf der Homepage wirbt sie dafür, eine entsprechende Petition für die Maßnahmen zu unterzeichnen.

Öttl, direkter, lärmgeplagter Anwohner an der Kesselbergstraße, findet manches an der Petition unrealistisch. Unterzeichnen wird er sie trotzdem, sagt er. Erst kürzlich hat er wieder ein unbefriedigendes Antwortschreiben des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann erhalten. "Beim Kesselberg handelt es sich um die mit Abstand am meisten kontrollierte Motorradstrecke im Bereich des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd", heißt es darin. Die Kontrollen seien in ihrer aktuellen Häufigkeit und Intensität angemessen. Eine größere Szene von sogenannten "Autoposern" gebe es am Kesselberg nicht.

Diese Einschätzung untermauert das Innenministerium mit Statistiken. Zwischen 2018 und 2021 war die Motorradkontrollgruppe demnach zwischen 49 und 60 Mal im Jahr am Kesselberg im Einsatz. Die meisten Fahrzeuge wurden 2020 kontrolliert - und zwar 1359. In diesem Jahr gab es 24 Vergehen, 167 angezeigte Verkehrsordnungswidrigkeiten und 429 Verwarnungen. Zum Vergleich: Im Jahr 2018 waren es insgesamt 746 kontrollierte Fahrzeuge, 38 Vergehen, 113 Verkehrsordnungswidrigkeiten und 146 Verwarnungen.

Laut der Pressestelle des Polizeipräsidiums Oberbayern haben die Motorradunfälle im zehnjährigen Vergleich jüngst tendenziell leicht zugenommen. Die Zahl schwankte allerdings stark zwischen 15 und 30 Unfällen pro Jahr. "Die Kesselbergstrecke dürfte aber aufgrund der Unfallzahlen bei den Motorradstrecken in Bayern weiterhin zu den Hotspots zählen", schreibt das Polizeipräsidium. Durchschnittlich stelle die Polizei pro Jahr um die 500 Verstöße fest. Das schließe Straftaten wie das Fahren ohne Führerschein oder Kennzeichenmissbrauch genauso ein wie Verkehrsordnungswidrigkeiten wie verbotswidriges Überholen oder zu schnelles Tempo. Im Zuständigkeitsbereich sei die Kesselbergstrecke die mit Abstand am intensivsten überwachte Motorradstrecke.

Trotzdem bleibt dies für Öttl unbefriedigend. Vom Kochler Bürgermeister Thomas Holz (CSU) erwartet er mehr Einsatz für die Belange der lärmgeplagten Anwohner. Der Rathauschef dürfe sich nicht darauf zurückziehen, dass es sich um eine Bundesstraße handelt und er deshalb kommunalpolitisch nicht handlungsfähig ist. Öttl verlangt, den Rasern den Spaß an der Freude zu nehmen. "Es ist lebensbedrohlich, wenn man da fährt."

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