Kampagne der Gesundheitsbehörden Zweifach impfen hält besser

Im Landkreis ist die Quote der Immunisierung gegen Masern zu niedrig

Von Benjamin Engel, Bad Tölz-Wolfratshausen

Im Landkreis sind deutlich weniger Kinder zweifach gegen Masern geimpft als im bayernweiten Durchschnitt: Laut dem Gesundheitsamt hatten im Einschulungsjahr 2015 nur maximal 82 Prozent aller Fünf- bis Sechsjährigen den von der Ständigen Impfkommission geforderten Schutz vor einer Erkrankung. Bayernweit waren es laut bayerischem Gesundheitsministeriums rund 91 Prozent - immerhin um die 47 Prozentpunkte mehr als noch vor elf Jahren. In einer Informationskampagne zum Start des neuen Kindergartenjahrs am Freitag, 1. September, werben das bayerische Staats- und das Familienministerium in den Einrichtungen für Schutzimpfungen.

Von der niedrigen Impfquote im wirtschaftlich prosperierenden Landkreis ist die Geretsrieder Kinderärztin Kathrin Steins wenig überrascht. Die Skepsis gegen Schutzimpfungen bei Kindern sei ein Problem sozial besser gestellter Kreise, sagt sie. "Gerade unter Akademikern ist das verbreitet." Impfkritiker stießen im Internet leicht auf entsprechende Seiten. Wer sich gegen eine Impfung entscheidende, handele meist aus der Emotion heraus, lasse sich dagegen von wissenschaftlich begründeten Erkenntnissen weniger leiten.

Obwohl Steins für Schutzimpfungen eintritt, kann sie Bedenken nachvollziehen. Deshalb berät sie in der Gemeinschaftspraxis des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin Oberland die Eltern eingehend. In ihrer jahrzehntelangen Praxistätigkeit habe sie aber noch nie erlebt, dass ein Kind durch eine Impfung ernstlich Schaden davongetragen habe außer Fieber, sagt sie. Impfschäden gebe es zwar. "Das sind aber extremste Einzelfälle." Von 1000 an Masern Erkrankten dagegen stürben ein bis zwei Personen. Es könne zu Gehirnentzündungen kommen. Besonders gefährdet seien derzeit auch junge Erwachsene, die nie geimpft worden seien.

Mit Impfgegnern sah sich Steins selbst schon konfrontiert: "Wenn die sagen, sie beten das dann weg, brauche ich mit denen gar nicht mehr zu diskutieren." Nicht geimpfte Kinder behandle sie nicht. In ihre Praxis kämen auch immungeschwächte Kinder etwa mit Leukämie. Sie könne kein Risiko eingehen. "Es gibt eine Verpflichtung anderen gegenüber", sagt Steins.

Epidemiologen gehen erst ab einer Impfquote von 95 Prozent von der sogenannten Herdenimmunität aus, wonach auch einzelne ungeimpfte Kinder durch die Impfung aller anderen gut vor einer Ansteckung durch Masern und andere Infektionskrankheiten wie Röteln oder Mumps geschützt sind. Dass diese Quote im Landkreis etwa bei Masern weit verfehlt wird, bewertet das Gesundheitsamt kritisch. Daher unterstützt die Behörde die ministerielle Kampagne aus dem Freistaat. Bisherige Bemühungen des Gesundheitsamts, dass Kinderbetreuungseinrichtungen melden sollten, wenn sie nicht geimpfte Kinder aufnähmen, seien gescheitert. Die Leiter hätten sich darauf berufen, solche Informationen wegen Datenschutzes nicht weitergeben zu können.

In der Wolfratshauser Kindertagesstätte Auf der Haid der katholischen Pfarrei Sankt Andreas setzt Leiterin Katharina Strobl auf Aufklärung. "Wir kontrollieren, ob die Eltern für die Impfbelehrung beim Arzt gewesen sind", sagt sie. Außerdem mache sie darauf aufmerksam, dass die Ansteckungsgefahr in einer Gemeinschaftseinrichtung höher sei. Allerdings weise sie nicht geimpfte Kinder nicht ab. Schließlich gebe es keine Impfpflicht. Ähnlich geht auch Elisabeth Leidl, Leiterin der Eurasburger Kindertagesstätte "Hand in Hand", vor. Sie lasse sich zwar bei der Anmeldung das Impfbuch zeigen, weise aber niemanden ab. Von 25 neu angemeldeten Kindern sei gewöhnlich eines ohne Impfschutz. Impfungen halte sie für sinnvoll, sagt sie. "Mit meiner persönlichen Meinung halte ich mich aber zurück."