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Kammermusik in der Tenne:Schubert vom Feinsten

Holzhauser Musiktage 2021

Mit grandioser Souveränität interpretierte das Eliot Quartett die Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy und Franz Schubert.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Alfred Brendel und das Eliot Quartett begeistern das Publikum bei den Holzhauser Musiktagen.

Von Ulrich Möller-Arnsberg

Die Tremoli zu Beginn ziehen unmittelbar hinein in ein Stück voller Dramatik: das Streichquartett op. 80 von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Es ist das letzte Werk, das der Komponist 1847 vor dem Hintergrund des Todes seiner Schwester Fanny Hensel schrieb. In der Tenne in der Lothgasse, die als Regenausweichquartier für die Holzhauser Musiktage dient, lauschen die Zuhörer mucksmäuschenstill dem Spiel des Eliot Quartetts aus Frankfurt. Und dann schnalzt es einmal kräftig, als Maryana Osipova, der ersten Geigerin, eine Saite reißt. Kurze Pause, entscheidet Cellist Michael Preuss. Danach geht es noch mal von vorn los. Spätestens jetzt ist jedem Zuhörer klar, einem besonderen Abend beizuwohnen, den der Star-Pianist Alfred Brendel mit einem kleinen geistreichen Vortrag über Schubert veredelt.

Eröffnet hatte den Abend Gemeinderat Mathias Richter-Turtur. Ein kleines Bonmot an die Veranstalter muss schon sein, wenn die Holzhauser Musiktage ihr 40-jähriges Bestehen feiern. Vor allem, wenn es nach mehr als einjähriger Corona-Pause wieder losgeht. Aber dann spricht Mendelsohns Musik. Seit 2014 spielen die vier Musiker des Eliot-Quartetts zusammen. Neben dem gebürtigen Leipziger Preuss und der Russin Osipova gehören noch ihr Landsmann, der Bratscher Dmitry Hahalin und der kanadische Geiger Alexander Sachs zur Besetzung. Dem Ruf, den die Frankfurter genießen, werden sie mit diesem Konzert vollends gerecht. Sie verstehen es, Mendelssohns Musik zwischen dunklem Timbre und hellem Aufblitzen souverän auszuloten, eine Interpretation, markant und federnd leicht zugleich.

Einen besonderen Höhepunkt setzt der 80-jährige Alfred Brendel, bevor das Eliot Quartett mit Schuberts Streichquartett Nr. 15 in G-Dur fortfährt. Der österreichische Pianist ist als Vortragender ein wahres Erlebnis. Ungemein gescheit führt er in seinen Erläuterungen Joseph Haydn als "Vater des Streichquartetts" ein, nennt dessen op. 76 einen Glanzpunkt der klassischen Streichquartettgeschichte, zu gleicher Zeit habe Beethoven seine ebenso genialen Jugendquartette op. 18 geschrieben. Dann stellt er noch Beethovens späte Quartette aus den 1820-er Jahren den gleichzeitigen von Schubert gegenüber und ist bei jenem in G-Dur angelangt. Stringenter, schlackenloser und spannender kann man es musikwissenschaftlich kaum machen.

Das Beste aber kommt noch: Brendel beginnt mit einer der Besonderheiten des Schubert-Werkes, mit dem raffinierten Wechsel von Dur und Moll. Und das Eliot Quartett spielt auf seinen Wink einzelne Auszüge daraus. Das ist schon sehr exklusiv, so einen Vortrag live und ohne Musik aus der Konserve zu erleben. Brendel und die Eliots werden zur Pause gefeiert. Es gibt muntere Gespräche vor der Tenne, die im Übrigen eine Akustik hergibt, die sich Eröffnungsredner Richter-Turtur für das zukünftige Bürgerhaus wünscht.

Zurück auf den Plätzen bekommen die Zuhörer Schubert vom Feinsten zu hören. Die vier Streicher des Eliot Quartetts spielen die zerbrechliche wie transparente Musik des Wieners mit grandioser Souveränität. Schlanke, eindringliche Melodielinien und abgestimmte, akkordische Begleitung sorgen für perfekten Hörgenuss. Ein erfrischendes Musizieren, geprägt durch spontanes Aufeinanderhören und -gestalten. Es ist dieser dabei entstehende Atem der Musik, den kein Online-Livestream ersetzen kann und der das Konzerterlebnis so einzigartig macht. Das Eliot Quartett versteht es sowohl, Schuberts Musik durch die Akzente und kraftvollen Akkorde auf der Erde zu halten, als auch, die Musik mit wienerischer Leichtigkeit und Gesanglichkeit davonschweben zu lassen. Ein Abend der Holzhauser Musiktage mit lang anhaltendem Beifall. Und die bis auf den letzten Platz besetzte Tenne lässt das Gefühl aufkommen, einem Konzertabend beigewohnt zu haben, bei dem die Veranstalter die Erfahrungen der Pandemie kennen, sich aber nicht unnötig davon ängstigen lassen.

© SZ vom 19.07.2021/aip
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