Kabarett Wo bleibt die Pointe?

Beatrix Doderer bewältigt bei ihrem Auftritt im Vereineheim Dorfen große Textmengen, ein roter Faden jedoch fehlt ihrem Programm.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Beatrix Doderer ermüdet ihr Publikum im Vereineheim Dorfen

Von Susanne Hauck, Icking

Beatrix Doderer lässt die Zuschauer ratlos zurück. Was war das jetzt? Ein Ausflug in ein Uni-Proseminar "Feministische Literaturkritik"? Eine Fingerübung aus der Schauspielschule? Jedenfalls nicht das, was man von einem Kabarettabend erwartet, der "Vor der Hochzeit und schon Witwe" heißt. Eine blonde Strahlefrau betritt am Sonntag die Bühne des Vereineheims Dorfen. Doderers Alter Ego ist Nika, eine Schauspielerin auf Umschulung. Nach 25 Jahren hat sie die Nase voll von all den "schlechtriechenden, rollkragenpullovertragenden Regisseuren" und will jetzt den Schritt in die Selbständigkeit wagen. Dafür soll sie sich selbst optimieren.

"Mach doch mal auf Pointe", habe ihr der Berater beim Arbeitsamt geraten. Wenn es ihr heute nicht gelinge, das Publikum zum Lachen zu bringen, verliere sie ihren Zuschuss und müsse "in der Wolfratshauser Fußgängerzone auf der Blockflöte peruanische Melodien spielen". Dabei ist ihr geheimer Lebenstraum doch, Witwe zu werden. Doderer holt aus. Die Witwe Bolte, Meike Kohl-Richter, die Aljona Iwanowna bei Dostojewski, die Frau Marthe bei Goethe, die lustige Witwe bei Lehar.

Doderer, im kleinen Schwarzen, die schlanken Beine in silbernen Stiefeletten, die sie gern mal auf dem Tisch sitzend baumelnd in Szene setzt, hat durchaus Esprit und Mundwerk. Klar, es geht irgendwie um Frauenrechte, um Freiheit, um weibliche Solidarität. Heute wird eine Quote gefordert, Virginia Woolf brauchte vor hundert Jahren nur ein eigenes Zimmer, um sich selbst zu verwirklichen. Noch sind die Zuschauer bereit, sich auf diesen kulturgeschichtlichen Exkurs einzulassen. Aber nicht mehr lange. Spätestens als sich Doderer die Brille auf die Nase setzt, um eine Passage von der britischen Schriftstellerin vorzulesen, schnauft und ächzt es hörbar im Saal und eine weitere Viertelstunde später werden bei einigen die Lider schwer. Querbeet geht es weiter: Erst sinniert sie über die Annika aus Pippi Langstrumpf als Rollenmodell, dann inszeniert sie ein imaginäres Hörspiel, und schwuppdiwupp ist sie bei Brechts "Johanna der Schlachthöfe".

Die Zuschauer haben da schon längst den roten Faden verloren, und so ist es keine große Überraschung, dass sie in der Pause reihenweise dem Parkplatz zuströmen und im zweiten Teil ein Drittel der Stühle leer bleibt. Mit den skurrilen Begegnungen geht es genauso weiter: Tante Aniechen und ihre Blasenentzündung sind genauso Thema wie Johanna die Wahnsinnige. Sekunden später thront Doderer als Nixe auf dem Tisch und paddelt mit vollem Einsatz mit den Beinen, dann erinnert sie das Geräusch der Klospülung an den Gesang der Wale. Wäre doch nur der fiktive Tubabläser Hans wirklich gekommen, den ihr das Arbeitsamt als musikalische Begleitung zur Seite gestellt hat und auf den Doderer alias Umschülerin Nika die ganze Zeit sehnsüchtig wartet. So mancher Zuschauer wünscht sich das insgeheim, hätten ein paar Takte Musik den Abend vielleicht gerettet.

Dass Doderer reichlich Bühnenerfahrung hat, steht außer Frage, auch dass sie eine gestandene Schauspielerin ist. Es ist auch eine große Leistung, diese Textmenge auswendig zu lernen. Hie und da sind gute Gedanken dabei, und den hessischen Dialekt ihrer "Muddi" kann sie herrlich nachahmen. Aber für einen zweistündigen Kabarett-Abend reicht dieses Programm nicht. Sicher muss sich nicht eine Pointe an die andere reihen, aber einigermaßen unterhaltsam sollte es für den Zuschauer schon sein. Diese Nabelschau wirkt jedoch belehrend und reichlich ermüdend. Kurz keimt noch der Verdacht auf, dass sich Beatrix Doderer am Ende einen großen Spaß daraus macht, ihr Publikum an der Nase herumzuführen. Wir wissen es nicht. Nur eines: Von diesem Programm bleibt nicht viel hängen.