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Kabarett:Ohne Söder, aber mit Leberkäs

Stephan Zinner Raritäten

Unterhaltungstalent mit sängerischen Fähigkeiten und einer Vergangenheit als Schiebertänzer: Stephan Zinner gibt im ausverkauften Tölzer Kurhaus dem Affen ordentlich Zucker.

(Foto: Manfred Neubauer)

Stephan Zinner trifft im Tölzer Kurhaus auf ein äußerst begeisterungsfähiges Publikum. Am Ende gibt's auf offener Bühne eine filmbekannte Brotzeit

Er hat ihn nicht gegeben, den Söder: Stephan Zinner, 1,84 Zentimeter groß, 93 Kilogramm schwer und als Katze von Eglsee eine Rarität in der Welt der Schiebertänzer. Damals, als pummeliger, bei Frauen erfolgloser Pubertierender in Trostberg. Zwar kann er noch immer prima "schieben" wie er mit geschmeidigen tänzerischen Einlagen zeigt. Aber in seine Paraderolle Markus Söder im Singspiel beim Politikerderblecken auf dem Nockherberg muss er am Freitag bei seinem Gastspiel im fast ausverkauften Kurhaus in Bad Tölz nicht mehr hineinschlüpfen. Damit sich alle ausschütten vor Lachen genügt es, sich einfach den typischen Haarschnitt des jetzigen Ministerpräsidenten via Perücke über den glatt polierten Schädel zu stülpen und recht forsch in die Gegend zu schauen.

Aber auch wenn's aus dem Publikum schallt "Söder, Söder", der Zinner hat in der Kiste seines neuen Programms eben eine erkleckliche Menge echter "Raritäten". Und bei der Entwicklung seiner Bilder und Szenen ist es vollkommen egal, was er von sich gibt an Skurrilem, Abgefahrenem, vielleicht selbst Erlebtem oder gut Beobachtetem - das überwiegend jüngere Publikum lacht sich nach fast jedem Satz schlapp.

Dabei redet Stephan Zinner niemandem nach dem Munde, wohl aber weiß er, mit welchen Themen er ankommt beim äußerst gut gelaunten Publikum. Und er weiß, warum das Lachen der Frauen so überwiegt, weil die Partner sie lediglich begleiten. Zu Weihnachten hat sich ein Mann Karten für ein Spiel des FC Bayern gewünscht. Weil seine Frau aber keine Connections hat, gab's keine mehr. So dachte sie, Kultur wird ihm guttun: Eintrittskarten für Stephans Zinners Raritäten-Programm. Der Mann fragt lediglich: "Wen hams denn do jetza eikauft, die Bayern?"

Zinner spricht rasend schnell und sehr tief Boarisch, so dass nur Eingeweihte jedes Wort verstehen können. Nämlich jene, die immer dann lachen, wenn andere noch in der Reflektierphase sind. Die Versteher schütten sich aus, wenn er ankündigt, dass seine Vorstellung zweimal eine dreiviertel Stunde dauert mit halbstündiger Pause und mit Verlängerung nach Neigung und es so kommentiert. "Des kenna die Männer."

Und was sind nun die Themen, über die gefeixt, geprustet und gewiehert wird? So Schwänke halt, gut erdachte aus seiner frühen Lebensphase, als er mit der Gitarre auf den Altar drosch beim Auftritt der Kirchenband, wie weiland Pete Townshend von The Who. Schließlich wollte Jung-Zinner mit dieser Performance ein Rockstar werden, den die Frauen ankreischen. Heute muss er keine seiner akustischen oder elektrischen Gitarren zertrümmern: Er ist ein Rockstar mit einer variablen Stimme, die schmusig sein kann oder rau bis hin zu einer geschmetterten Opernarie in Bariton-Lage. Und zünftig Gitarre spielen kann Zinner sowieso. Damit der Sound aber so richtig knallt, hat er Peter Pichler mitgebracht. Der Multiinstrumentalist, der unter anderem das Tasteninstrument Trautonium beherrscht, fixiert zwar finster und übellaunig stets einen Punkt in der Ferne. Doch er ist ein prima Teamplayer im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Themen sind der E-Bike- SUV-, Bio-, Selbstfahrauto- sowie Home-Roboter-Alexa-Wahnsinn zum Beispiel. Aber da ist immer ein inneres Lächeln dabei, wenn er abrechnet: "Der Mensch als Fahrer hat sich nicht bewährt." Und um einen hippen, veganen Gastgeber mit so blanker Küche wie bei einem Serienmörder zu beschreiben, braucht Zinner nur ein Wort: Sommerschalträger, und das Publikum fällt fast vom Stuhl vor lachen. Er muss auch nicht ausformulieren, was passiert, wenn der Bub im Auto das Netz aufschneidet, das den Christbaum im Zaum hält.

Zinner kann sich auf der Bühne richtig ausleben als Schauspieler, Rocker, Tänzer, Kabarettist und Liedermacher. Denn so manches schöne Lied ertönt wie der Song über den Winter, der nicht so richtig will, oder "Gloria tanzt". Und dann gibt's in seiner Raritätenkiste natürlich noch - Leberkäs! Alle Fans wissen, wieso das bayerische Nationalgericht nicht fehlen darf. Spielt der Zinner doch den Metzger Simmerl in den umjubelten Eberhofer-Krimis nach Romanen von Rita Falk.

Gegen Schluss bereitet Zinner auf offener Bühne eine Leberkäs-Brotzeit zu mit einem extra entwickelten Gewürz à la Schubeck, "aber ausdrücklich ohne Ingwer", und huscht geschwind von der Bühne, damit seine Fans die Sache verkosten können. Hat jemand Söder vermisst? Naa: Stephan Zinner war ja da.

© SZ vom 20.01.2020
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