bedeckt München 18°

Jonglieren und predigen:Der jonglierende Pfarrer

In seiner Christuskirche in Bad Heilbrunn kommen meistens nur um die 20 Leute in den Gottesdienst. Bei Youtube erreicht Johannes Schultheiß als jonglierender Pfarrer ein viel größeres Publikum.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

In kurzen Videos führt Johannes Schultheiß kleine Kunststückchen vor und hält dabei Zwei-Minuten-Predigten. In der Corona-Krise will der Heilbrunner Geistliche seinem Publikum auf diese Weise Mut machen

Von Marie Heßlinger, Bad Heilbrunn

Der Pfarrer setzt eine rote Jonglierkeule auf seine Nasenspitze. "Der Herr ist mein Hirte." Drei Keulen fliegen in die Luft. "Mir wird nichts mangeln." Er wirbelt sie hinter seinem Rücken herum, als er sagt: "Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück." Johannes Schultheiß trägt den Psalm 23 vor und führt dabei Kunststücken vor.

Schultheiß jongliert, balanciert, fährt Einrad - und gleichzeitig spricht er über den Glauben. Zur Passionszeit ist das nun einmal täglich in seinen zweiminütigen Youtube-Videos zu sehen. Die Resonanz ist erstaunlich: Während Schultheiß bei einem gewöhnlichen Sonntagsgottesdienst in der evangelischen Christuskirche in Bad Heilbrunn um die 20 Besucher zuhören, wurde allein sein erstes Video schon mehr als 300 mal geklickt.

Den Menschen Mut zu machen, das war sein Ansporn, als Schultheiß in der Woche nach Beginn der Ausgangsbeschränkungen zum ersten Mal zur Handykamera griff. Mit rund 200 Kirchenmitgliedern hatte der Pfarrer zu diesem Zeitpunkt schon telefoniert. Viele seien zwar traurig, dass Freizeiten ausfielen, die meisten seien aber grundsätzlich noch guten Mutes. Schultheiß befürchtet, dass sich das jedoch bald ändern könnte: "Wenn man die ersten Todesfälle kennt", sagt er, "das kratzt an unserem Glauben."

Warum das Coronavirus die Menschheit jetzt heimsucht? "Das ist eine wissenschaftliche Frage", sagt Schultheiß. Als Gottes Strafe interpretiert er die Pandemie nicht. "Viele Katastrophen haben mit der menschlichen Freiheit zu tun, da ist Gott weniger verantwortlich", sagt er.

Schultheiß sitzt in seinem Arbeitszimmer im Pfarrhaus, er trägt schwarzes Hemd und schwarze Hose. Hinter ihm hängt ein Kruzifix aus Holz, grau-weiß gefleckt, dem Jesus fehlt ein Arm. "Ich habe es erst aufgehängt als der Arm abgebrochen war, dann fand ich es interessant", sagt Schultheiß. Die Botschaft Jesu dabei sei: "Ich habe keine anderen Hände als eure. Ich wirke durch euch." Schultheiß sagt: "Dieses Kreuz erinnert mich daran, dass wir alle aufeinander angewiesen sind." So wie eben jetzt in der Corona-Krise.

"Beim Jonglieren fühle ich mich Gott näher. Da kommen mir immer die besten Ideen für meine Predigten", sagt Schultheiß.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

"Beim Jonglieren fühle ich mich Gott näher. Da kommen mir immer die besten Ideen für meine Predigten."

Schultheiß schlägt im Gespräch einen Bogen zur Klimakrise. "Warum hören wir nicht auch da auf die Wissenschaft?", fragt er. "Wenn die Politik auf die Menschen wartet und die Menschen auf die Politik, dann warten wir zu lange." Er kritisiert die Kohleverstromung und plädiert für Windenergie: "Wir sind gut in dem, was wir nicht wollen, aber wir müssen auch mal sagen, was wir wollen!" Als Christ sei er automatisch auch ein kritischer Mensch, sagt Schultheiß. Christen wollten schließlich nicht nur beten, "wir wollen auch die Welt verändern".

Bevor der 40-Jährige sein erstes Video gedreht hat, war er unsicher: Was die Leute wohl denken? "Dass ich den ganzen Tag jongliere? Oder, dass ich mich ins Rampenlicht stellen möchte? Überhaupt nicht!" Über das Jonglieren sagt er: "Es ist Meditation, es ist Sport, es ist Gehirnjogging, es ist Kunst, es ist Theater - und: Es ist völlig sinnlos." Der Mensch brauche sinnlose Räume, um Kraft zu tanken. "Ich fühle mich beim Jonglieren Gott näher", sagt der akrobatische Pfarrer. "Beim Jonglieren kommen mir die besten Ideen für meine Predigten", so Schultheiß.

Der Sohn zweier Landwirte wuchs in einem fränkischen 180-Einwohner-Dorf auf, "da war wenig los natürlich". Als Zwölfjähriger widmete er sich der Akrobatik. Eines Tages mit sieben Bällen zu jonglieren, "das war so mein Lebenstraum". Er sei sich nie sicher gewesen, ob er es körperlich schaffen werde. "Das Jonglieren bringt einen an seine Grenzen, psychisch und physisch." Nach 20 Jahren Übung ging sein Traum in Erfüllung. Mit dem Glauben verhielt es sich jedoch nicht weniger herausfordernd.

"Ich bin aufgewachsen in einer ganz bodenständigen Frömmigkeit", sagt Schultheiß. Mit Beginn seines 15. Lebensjahres begann er, sich radikal für die Umwelt einzusetzen. Er fuhr nur noch mit dem Fahrrad, vermied Plastik - und er distanzierte sich von der Kirche: "Ich habe gedacht: Mensch, in der Kirche, die reden immer nur und tun nichts." Womöglich hätte sich Schultheiß vom Glauben abgewandt, hätte ein Ereignis ihn nicht für immer geprägt.

Als er 17 war, erkrankte seine Mutter an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Woche für Woche wurde sie magerer. "Das Beeindruckende war, dass meine Mutter nicht geklagt, nicht gejammert hat, sondern dass sie die Kraft hatte, uns zu trösten." Als sie starb, hinterließ sie vier Kinder. "Insofern habe ich Gott nicht als Superman erlebt, sondern als Gott, der im Leiden ist", sagt Schultheiß. "Durch den Tod meiner Mutter kam es dazu, dass ich Gott nicht losgelassen habe, sondern mich weiter mit dem Glauben beschäftigt habe."

Schultheiß begann, Theologie zu studieren. "Ich wollte viele Fragen klären", sagt er. Der Tod seiner Mutter, sagt Schultheiß, habe ihn darüber hinaus noch in anderer Weise beeinflusst: "Als Jugendlicher hätte ich gesagt: Mensch, hier kommt Johannes Schultheiß, der neue Martin Luther." Er lacht. "Ich glaube, dass mich dieser Tod auch barmherziger gemacht hat, weil ich davor ziemlich radikal war." Nun wisse er: "Beständigkeit hat auch etwas Gutes."

Die Keulen, die Schultheiß in seinem Video in die Luft schleudert, werden immer mehr. Am Ende sind es fünf. "Und ich werde bleiben im Hause des Herrn", sagt er, "immerdar - Amen."

© SZ vom 04.04.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema