Japanische Verse am Gymnasium:Poesie in 17 Silben

Geretsrieder Schüler lernen in einem Workshop mit Ingo Cesaro, was ein Haiku ausmacht. Ihre eigenen Gedichte dürfen sie auch gleich setzen und drucken.

Von Anja Brandstäter

Die Formel lautet 5, 7, 5. So viele Silben dürfen die drei Zeilen haben, aus denen ein Haiku besteht. In den ersten Stunden des zweitägigen Workshops am Geretsrieder Gymnasium ist daher Kopfarbeit gefragt. Um 8 Uhr hat Deutschlehrerin Anna Schwarz ihre Wortkarten ausgepackt. Zwei Zeilen sind bereits vorgegeben. Die dritte muss ergänzt werden. Ziel ist es, ein Gefühl für die traditionelle japanische Gedichtform zu bekommen. Ein paar Stunden später liegen die ersten Ergebnisse auf dem Tisch, zum Beispiel:

Schule gefällt mir/

Man lernt etwas Neues. Toll/

Sie bringt mir viel Spaß

Der Workshop findet im Rahmen des Pluskurses "Kreatives Schreiben" statt, den Schwarz im dritten Jahr in der Unterstufe leitet. 40 Schüler dürfen daran teilnehmen. Die Lehrer haben dafür die besten Schreiber ausgewählt. Die Kinder sind zwei Tage lang vom regulären Unterricht befreit. Ein reizvolles Angebot - auch weil Schwarz den Schriftsteller Ingo Cesaro aus Kronach für das Projekt engagiert hat.

Der mit zahlreichen literarischen Auszeichnungen geehrte Künstler ist einer der bekanntesten Haiku-Publizisten im deutschsprachigen Raum. Cesaro bietet regelmäßig Literatur-Werkstätten für Schüler an und bringt dazu eine mobile Handpresse mit, die wie zu Gutenbergs Zeiten mit einzelnen Bleilettern bestückt wird. Die Gedichte können also sofort gedruckt werden. Die geschieht auf Plakaten, Stoff und Papier. Zudem entsteht in diesem Workshop ein Kalender, der am Jahresende an der Schule verkauft werden soll. Damit soll ein Teil der Kosten des Kurses gedeckt werden. Den anderen Teil übernimmt der Verein "Freunde des Gymnasiums Geretsried". Auch die Eltern zahlen einen Unkostenbeitrag in Höhe von 10 Euro.

Am Nachmittag des ersten Tages ist es mucksmäuschenstill im Klassenzimmer: Die Kinder schreiben ihre ersten eigenen Haikus. Im Nu sind ganze Seiten gefüllt. "Jeder darf jetzt einen seiner Haikus vortragen", leitet Ingo Cesaro sie an. Die Mädchen und Buben stehen der Reihe nach auf und lesen ihr Werk laut vor. Caroline hat in Mundart gedichtet:

Endlich Sommerzeit/

und i moch an gscheidn Hecht/

ins koide Wasser

Der zehnjährige Jakob hat sich das Thema Zeit vorgenommen:

Man hat nichts von ihr/

sie vergeht stets wie im Flug/

das ist sie! Die Zeit

So geht es der Reihe nach um. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Für den Kalender, der am Jahresende erscheinen soll, schneidet anschließend jeder Schüler geometrische Figuren aus schwarzem Tonpapier aus und klebt sie in der Anordnung seiner Wahl auf weißes Papier. Später wird Cesaro einige aussuchen und die schönsten Haikus mit den Namen der Verfasser anordnen. Ein langer, intensiver Tag geht zu Ende. Die Schüler räumen das Klassenzimmer auf und bereiten es für den nächsten Arbeitstag vor. Tische werden zusammengestellt und mit Zeitungspapier abgeklebt.

Am nächsten Morgen erscheinen die Kinder in Klamotten, die schmutzig werden dürfen, denn heute ist Handarbeit angesagt: Die Haikus werden mittels einzelner Bleilettern gesetzt und mit der Handpresse gedruckt. Hierfür bereiten die Schüler die Druckplatten vor. Die einzelnen Buchstaben müssen spiegelverkehrt angeordnet werden. Das ist gar nicht leicht: Schnell verwechselt man ein "d" mit einem "b". Auch Leerzeichen müssen berücksichtigt werden, was seine Zeit benötigt.

Cesaro trägt Druckerschwärze auf die gesetzten Wörter auf und druckt die Haikus auf Buntpapier im Format A3 und auf bunte Stoffe. Schon bald ist das Klassenzimmer mit den Werken der Schüler dekoriert. "Die Kinder haben gleich ein Erfolgserlebnis", sagt Cesaro. "Ihre Literatur wird sofort gesetzt und veröffentlicht."

Die Schüler sind begeistert. Beide Tage seien "toll" gewesen, sagen viele. Eva räumt gerade die einzelnen Buchstaben nach dem Alphabet zurück in den Holzkasten. Ihr hat "das Legen der Buchstaben und das Drucken am besten gefallen". Johanna hilft ihr und sagt: "Ich schreibe lieber Haikus".

Christine Kolbeck, die stellvertretende Direktorin des Gymnasiums Geretsried, freut sich darüber, "dass wir so viele sprachbegabte Schüler haben". Auch sie hat das Haiku-Dichten schon ausprobiert - an einem Elternabend, bei dem Anna Schwarz ihr Projekt vorgestellt hat.

Schwarz trifft sich alle zwei Wochen nachmittags mit begabten Schülern zum "Kreativen Schreiben". Geübt werden verschiedene Techniken, etwa das assoziative oder das freie Schreiben. Das kreative Schreiben leiste einen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung, sagt Schwarz: "Es ist eine Entdeckungsreise zu sich selbst."

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