Jahresabschluss in Bad Tölz Bergwacht verzeichnet mehr Notfälle

Immer mehr Menschen am Berg überschätzen sich, sagt der Vorsitzende der Bergwacht Bayern, Otto Möslang, und müssen gerettet werden.

(Foto: oh)

Die Einsätze in den bayerischen Alpen nehmen speziell im Sommer stark zu. Der Grund ist der intensiver werdende Tourismus.

Von Veronika Ellecosta, Bad Tölz

In die Berge zieht es immer mehr Menschen. Zumindest im Winter halten sich die Rettungseinsätze durch die Bergwacht dennoch konstant, im Sommer steigen die Zahlen indes signifikant an. Das geht aus der Jahresbilanz hervor, die auf der Pressekonferenz der Bergwacht Bayern am Freitag im Zentrum für Sicherheit und Ausbildung in Bad Tölz vorgestellt wurde. Zusätzlich kristallisiert sich ein neuer Trend heraus, der wohl mit der steigenden Risikobereitschaft und Erwartungshaltung der Bergtouristen einhergeht: Immer öfter kommt es zu sogenannten Blockierungen. Blockierer werden im Fachjargon Menschen genannt, die am Berg ausharren, ohne sich in einer akuten Notsituation zu befinden, und trotzdem schnell zum Handy greifen und gerettet werden wollen. So schildert Wolfgang Wabel, Geschäftsbereichsleiter des Deutschen Alpenvereins, Ressort Bergsport, die Entwicklungen, und Otto Möslang, Vorsitzender der Bergwacht Bayern, bestätigt dies durch konkrete Zahlen: 362 Sondereinsätze, also Einsätze ohne primäre medizinische Indikation, konnte die Bergwacht 2006 im gesamten Freistaat vermerken, 519 waren es im vergangenen Jahr. "Immer mehr Menschen am Berg überschätzen sich und wollen ihre Grenzen ausreizen", sagt er.

Besonders im Sommer sind es außerdem zunehmend Mountainbiker, welche die Einsatzkräfte fordern. Seit 2006 gab es eine Steigerung der Einsatzzahlen um gar 269 Prozent, von 160 im Jahr 2006 auf aktuell 591. Im Trend befindet sich auch der Berglauf, hier gab es 2018 mit 51 Einsätzen eine neue Spitze. In den Wintermonaten lassen sich Schwankungen bei den Einsätzen eher auf wechselhafte Schneebedingungen zurückführen. Vor allem das Skitourengehen boomt: Etwa 500 000 Tourengehen haben im vergangenen Jahr die Bayerischen Alpen durchquert. Trotzdem, so Müslang, gebe es nicht häufiger Einsätze. Und während die Hoch-Zeiten des Snowboardens vorübergezogen sind, wird das Schneeschuhwandern den ehemaligen Trendsport wohl ablösen, wie die steigenden Einsatzzahlen mit verunglückten Schneeschuhwanderern zeigen. Bis 2011 wurde die Sportart nicht einmal in den Statistiken der Bergwacht geführt, 2018 waren es 20 Einsätze bayernweit. Und weil mehr Skigebiete neben Skipisten auch Rodelpisten führen, verletzen sich auch immer mehr Rodler. "Hier ist eine Bergung besonders schwierig. Wir können nicht mit unseren Fahrzeugen auf der Rodelpiste fahren, weil uns die Rodelfahrer entgegenrasen. Deshalb müssen wir oft extra Bahnen anfahren", so Möslang. Im Alpinskisport selbst bleiben die Einsatzzahlen hingegen konstant, obwohl immer mehr Leute auf der Piste sind. Klaus Schädler, Geschäftsführer der Bergwacht, fasst die Entwicklungen zusammen: "Bayern boomt, vor allem in den Bergen, Winter wie Sommer." Deshalb müsse die Bergwacht aktuelle Entwicklungen und Trendsportarten beobachten und den Ansprüchen der heutigen Zeit gerecht werden, um die Rettung von Menschen in Not gewährleisten zu können.

Der Wandel im Bergsport macht sich auch in der Bergführergemeinschaft bemerkbar, wie Michael Lentrodt erklärt. Er ist Präsident des Verbands Deutscher Berg- und Skiführer. Er beschreibt das heutige Klientel als viel internationaler aufgestellt und den Berg außerdem als Ganzjahresbeschäftigung. Interessant sei auch, dass immer mehr Menschen bei weniger Erfahrung in die Berge gingen. Kompensiert werde dies mit hochwertiger Ausrüstung.

Das Zentrum für Sicherheit und Ausbildungin Gaißach: Hier hat die Bergwacht ihre Jahresbilanz vorgestellt.

(Foto: Manfred_Neubauer)

Wer in die Berge geht, nimmt sich nach Lentrodt allgemein weniger Zeit für Bergerlebnisse und sagt auch Buchungen mit Bergführungen kurzfristig ab, wenn das Wetter nicht optimal wird. Zudem dominieren große Erlebnisansprüche und Social-Media-Druck bei den Kunden: "Alles wird fotografiert und gepostet. Man hat das Gefühl, ein Post ist das Wichtigste, wenn man am Montag wieder ins Büro kommt", sagt Lentrodt. Das steigere auch den psychischen Druck bei den Bergführern, den erhöhten Erwartungen gerecht zu werden. Auch die Folgen des Klimawandels seien immer deutlich spürbarer: Mit dem Rückgang von Permafrost verschiebe sich die Wintersaison nach hinten. Der ausgebildete Bergführer sagt dazu: "Jetzt gerade gibt es eigentlich perfekte Skitourenbedingungen, aber die Menschen sind schon im Frühjahrsmodus."