bedeckt München

Jagd auf "Agent X":Ein ganz reales Brettspiel

Das Handy verrät, wohin "Agent X" verschwunden ist (v.l.): Michael, Christian, Kevin, Tamara, Oliver, Lisa-Sophie und Andreas vor dem Spielstart.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Zwei Jugendliche rennen weg, andere verfolgen sie, alles gesteuert per Smartphone. Das Jugendzentrum Saftladen lädt zu "Scotland Yard" als Open-Air-Aktion - und ganz Geretsried wird zum Spielfeld

Von Thekla Krausseneck, Geretsried

Die Gruppe steht bereit: Acht Geheimagenten und Detektive haben sich Freitagabend vor dem Jugendzentrum Saftladen versammelt, um auf die Jagd zu gehen. Jeder hat ein Smartphone in der Hand, auf den Displays leuchtet ein Geretsrieder Stadtplan. Alle erhalten die gleiche Nachricht: Agent X habe zwei Minuten Zeit, sich aus dem Staub zu machen - die Zeit läuft. Andreas Erhard, zweiter Vorsitzender des Bürgernetzes Isar-Loisach, und Saftladen-Besucher Oliver Sachers rennen los, in Richtung Stadtwald überqueren sie die Adalbert-Stifter-Straße und sind bald zwischen den Bäumen verschwunden. Die übrigen sechs Teilnehmer, deren Aufgabe es ist, die beiden Agenten zu schnappen, warten den Countdown ab. Zwei Minuten können lang sein.

Eine Stunde haben die Detektive Zeit, die fliehenden Agenten zu schnappen: So legen es die Regeln des Spiels "Agent X" fest. Erschaffen hat dieses der Bonner Spieleentwickler Qeevee, das Konzept ähnelt dem Brettspiel Scotland Yard. Nur sitzen die Spieler bei "Agent X" nicht an einem Tisch. Zu Beginn laden sich alle Teilnehmer die kostenfreie App aufs Smartphone: Sobald die App auf allen Geräten läuft, lokalisiert diese über GPS den Standort der Benutzer. Der Geretsrieder Stadtplan taucht auf. Jetzt sieht jeder Spieler seinen Standort als bunten Button auf der Karte; die vielen anderen Punkte sind die übrigen Detektive, die beiden schwarzen X die Agenten. Ähnlich wie bei dem Brettspiel sind ihre Bewegungen aber nicht durchgehend sichtbar - ihr Standort aktualisiert sich nur alle zwei Minuten. Als der Countdown endlich abläuft, beginnt eine schweißtreibende Jagd quer durch Geretsried.

Die Detektive trennen sich. Ihr Ziel: die Agenten einzukesseln. Kevin Wodniok nimmt den direkten Weg in den Stadtwald hinein; noch ist es hell, doch in einer guten halben Stunde wird die Sonne untergehen. Auf seinem Handy kann Wodniok sehen, dass sich die beiden Agenten ebenfalls getrennt haben: Einer ist in Richtung des nördlichen Stadtteils Gartenberg gerannt, der andere durchquert den Wald. Die beiden Agenten schonen sich nicht. Sie rennen. Wodniok lässt es ein wenig ruhiger angehen: Ein flotter Schritt reicht vorerst, um die Fährte aufzunehmen. Seine Kraft könnte er noch brauchen, wenn er einem der Agenten nahe kommt.

Das Event findet nun zum zweiten Mal im Saftladen statt, schon im vergangenen Jahr war es bei den Besuchern gut angekommen. Die härtesten fünf Agenten hielten damals bis zwei Uhr nachts durch - und konnten sich danach zwei Tage lang nicht mehr rühren, erzählt Wodniok. Das hält ihn nicht davon ab, sich auch diesmal ins Zeug zu legen. Wer sich als Detektiv bei Agent X beweisen will, darf lange Strecken nicht scheuen: Wodniok steht mitten auf dem Radweg im Stadtwald, als er einsieht, dass Agent Sachers auf diesem Weg nicht zu kriegen ist. Inzwischen hat er die Adalbert-Stifter-Straße wieder überquert und sich durch den Waldfriedhof auf dem Weg in Richtung Isardamm gemacht. Wodniok kehrt um, zurück zum Saftladen. Er läuft über den Sportplatz, biegt in die Jahnstraße ein, treibt Sachers zurück zum Waldfriedhof, kommt ihm gefährlich nah - und kann ihn doch nicht fassen. Sachers läuft bereits wieder in den Stadtwald hinein. Es wird langsam finster.

So genannte Gadgets ermöglichen es den Spielern, die Jagd ein wenig aufzupeppen. Wer will, kann per Knopfdruck eine Tarnkappe aufsetzen oder eine Nebelbombe zünden, um sich unsichtbar zu machen. Besonders schaurig im dunklen Wald ist die Funktion, die das Smartphone der gegnerischen Gruppe zum Schreien bringen kann: Wird die Funktion ausgelöst, ist ein durchdringendes Kinderkreischen zu hören, das einen im Verborgenen schleichenden Agenten enttarnen oder diesen vor einem herannahenden Detektiven warnen kann.

Gegen Ende des Spiels schreien die Smartphones immer häufiger; wer genau das Gadget ausgelöst hat, lässt sich für die übrigen Spieler kaum sagen. Sachers rennt zur Staatsstraße, von dort aus zum Gasthof Geiger und dann zum Kreisel. Nur noch wenige Minuten sind übrig. Sachers spielt auf Zeit, doch passieren kann ihm ohnehin nicht mehr viel. Die Detektive sind alle zu weit entfernt, um ihn noch rechtzeitig zu fassen. Wodniok kommt ihm noch einmal gefährlich nahe, als die Smartphones der Detektive mit einem schaurigen Geräusch verkünden, dass die Agenten das Spiel gewonnen haben: "You lose", tönt die Stimme aus dem Lautsprecher. Verschwitzt und erschöpft kehren die Teilnehmer um und sammeln sich im Saftladen, wo Leiter Christian Lotz Pizza-Bestellungen aufnimmt. Während nach und nach die Detektive eintreffen, ruft Erhard im Internet die Spielstatistik auf. Kein Wunder, dass Sachers nicht zu fassen war: Mit 9,2 Kilometern ist er weiter gelaufen als alle anderen. Erhard, der seinen Verfolgern ebenfalls entkommen ist, hat es auf 7,9 Kilometer geschafft. Die Detektive waren langsamer unterwegs: Wodniok bringt es auf 5,9 Kilometer - guter Durchschnitt. Zusammen haben die Spieler rund 50 Kilometer zurückgelegt.

Nach der Pizza werden die Spiele kürzer, 15 bis 20 Minuten bei einem Radius von 700 Metern, mit kleinen Stärkungen zwischendurch. Immer wieder stoßen neue Jugendliche dazu, andere gehen nach Hause. So geht es bis Mitternacht weiter, dann ist endgültig Schluss mit Agent X, die Meute sammelt sich im Saftladen, um zu entspannen, Karten zu spielen und Karaoke zu singen. Neun bleiben über Nacht - geschlafen wird allerdings nur wenig.

© SZ vom 26.09.2016
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema