Wenn ein Vater aus den Niederlanden seiner achtjährigen Tochter einen Kleiderbügel aus Draht mithilfe eines Seils umbindet und laut einer dpa-Meldung so mit ihr einen Klettersteig bewältigen will, ist das besonders schlagzeilenträchtig. Passiert sein soll der Vorfall im Jahr 2024 im österreichischen Bundesland Kärnten.
In der beliebten Wanderregion des bayerischen Isarwinkels verhalten sich Wanderer zwar manchmal auch leichtsinnig. Dann geht es aber etwa darum, dass Menschen beim Abstieg in die Dunkelheit geraten, keine Stirnlampe dabeihaben und nicht mehr weiterwissen. Immer wieder kommt es auch vor, dass Wanderer unmarkierten Jäger- oder Wildsteigen folgen, die in steilem Gelände abrupt enden. Wieder andere überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten und trauen sich dann an exponierten Wegstellen wie etwa den Achselköpfen im Brauneck-Gebiet weder vor noch zurück.
„Jeder sollte lieber zehn Sekunden darüber nachdenken, ob er das wirklich packt. Das würde uns den ein oder anderen Einsatz ersparen“, sagt Fabian Meier-von Schalscha-Ehrenfeld. Laut dem Sprecher der Lenggrieser Bergwacht handelt es sich bei solchen Situationen allerdings um Einzelfälle. Das Gros der Bergwanderer verhalte sich im Einsatzgebiet umsichtig und sei in der Regel ebenso gut ausgestattet. „Viele haben am Berg Erste-Hilfe-Sets dabei“, sagt Meier-von Schalscha-Ehrenfeld. „Wir sind manchmal überrascht, wie viel Grundwissen die Ersthelfer mitbringen.“
Etwa 300 Einsätze hat die Lenggrieser Bergwacht im Jahr, zwei Drittel davon zur Skisaison
Um die 300 Einsätze hat die Lenggrieser Bergwacht laut ihrem Sprecher durchschnittlich pro Jahr. Diese Zahl ist seit Jahren konstant. Zwei Drittel der Unfälle, zu denen die ehrenamtlichen Kräfte alarmiert werden, passierten allerdings während des Skibetriebs am Brauneck im Winter, so Meier-von Schalscha-Ehrenfeld. Typisch seien Kopf-, Schulter- oder Knieverletzungen. Bei Wanderern komme es vor beispielsweise vor, dass sie unglücklich umknickten, auf Schulter oder Handgelenk fielen.
Vom eigenverantwortlichen Handeln als wichtigstem Maßstab, um Problemsituationen zu vermeiden, spricht Meier-von Schalscha-Ehrenfeld. Es gehe darum, das eigene Können möglichst objektiv einzuschätzen, sich von einer eventuellen Gruppendynamik nicht anstecken zu lassen und notfalls besser umzukehren, wenn jemand ein mulmiges Gefühl habe.

Dass jemand in seinem Zuständigkeitsbezirk etwa in Sandalen unterwegs sei, wie das über touristisch hoch frequentierte Modeberge manchmal zu lesen sei, könne er nicht bestätigen, sagt der Bereitschaftsleiter der Wolfratshauser Bergwacht, Andreas Westermeier. Am wichtigsten sei es, sich selbst richtig einzuschätzen. Wo dem einen Zustiegsschuhe reichten, brauche der andere womöglich hohe Bergschuhe, um sich sicher bewegen zu können. Es gehe darum, sich gut über die Anforderungen einer Tour oder die aktuellen Wetterbedingungen zu informieren.
Die Wolfratshauser Bergwacht ist rund um die Flößerstadt sowie am Brauneck, wo die Ehrenamtlichen die Lenggrieser und Münchner Kollegen unterstützen, aktiv. Westermeier spricht von um die 50 Einsätzen seiner Bergwacht pro Jahr. Den Standardfall im Sommer gebe es nicht. Am Brauneck könnten das auch Mountainbiker, Kletterer oder der Gleitschirmflieger sein, der im Baum hängenbleibe.
Heutzutage kann jeder zu jedem Thema googeln
Wer in die Berge will, kann sich heutzutage schnell und unkompliziert online sehr viel genauer darüber informieren, als dies in Vor-Internet-Zeiten der Fall war. „Die Berge werden immer verfügbarer“, beschreibt Roland Ampenberger diese Entwicklung. Um sich technische Fertigkeiten anzueignen, sei früher der Weg über den Alpenverein verlaufen, sagt der Sprecher der Bergwacht Bayern. Heutzutage könne jeder zu jedem Thema einfach googeln. Doch selbst die beste Ausrüstung, etwa ein Klettersteigset mit Gurt und Karbiner, helfe ohne Wissen und Erfahrung wenig. „Ich muss wissen, wo ich den Karabiner am effizientesten einhänge“, so Ampenberger.
Im Gebirge kann es laut dem Sprecher der Bergwacht Bayern schnell gefährlich werden. Das müsse jedem bewusst sein. Das Risiko, dass es zu Unfällen komme, bestehe immer. „In der Regel sind die auf Menschen zurückzuführen“, sagt Ampenberger. „Wir machen einfach Fehler.“ Am Berg sei entscheidend, dass jeder für sich selbst sorgen könne. Das bedeute, sich vor Wetter schützen, sich richtig orientieren, die benötigte Menge an Essen und Getränken einschätzen oder sich Hilfe organisieren zu können.
Vielfach stellt Ampenberger aber auch fest, dass Freizeitsportler meinten, alle Risiken kontrollieren zu können. Das zu hundert Prozent zu tun, sei aber unmöglich. „Die Unsicherheitstoleranz ist gesunken“, zitiert er einen Bekannten, mit dem er sich darüber unterhalten hat. Angesichts der vielen Massen an Menschen, die etwa an Bergen wie dem Watzmann unterwegs sind, sei allerdings umso erstaunlicher, dass nicht mehr passiere.

