Die Isartalbahn, die das Voralpenland mit der Großstadt München verband, war einst ein Jahrhundertprojekt – und wurde doch still und leise aufgegeben. Den weißen Flecken in ihrer Geschichte widmet sich der neue Verein „Freundeskreis Isartalbahn“. Die Recherchen führten die Mitglieder dabei bis in amerikanische Archive und förderten erstaunliche Begebenheiten zutage. Zum Beispiel: Warum schossen US-Kampfflugzeuge im Zweiten Weltkrieg auf eine Regionalbahn im bayerischen Voralpenland?
Der Verein, der jetzt in Beuerberg gegründet wurde, will die traditionsreiche Bahnstrecke zwischen München und Bichl erforschen, dokumentieren und vermitteln. Die 14 Gründungsmitglieder, die sich in der Bibliothek des Klosters Beuerberg trafen, wählten ihren Vorstand mit Claus-Jürgen Schulze an der Spitze. Der Vorsitzende beschäftigt sich bereits seit seiner Jugend intensiv mit der Isartalbahn. „Schon als Schüler habe ich mich für die Isartalbahn interessiert. Mit dem Rad bin ich in München herumgefahren und habe den alten Isartalbahnhof entdeckt. Es war ein verwunschener Bahnhof in der Nähe der Großmarkthalle“, erinnert sich Schulze.
Von dort aus verkehrten bereits ab 1899 elektrisch betriebene Züge bis Höllriegelskreuth – damals eine technische Meisterleistung. Die Bahn wurde zunächst von einer privaten Aktiengesellschaft betrieben und erst 1938 verstaatlicht. Während seines Studiums recherchierte Schulze regelmäßig im Staatsarchiv über die Isartalbahn. Dabei interessierte ihn alles: die beteiligten Unternehmen beim Bau der Strecke, die Hersteller der Lokomotiven oder die Entwicklung der Fahrgastzahlen. Aus jahrelanger Arbeit entstand schließlich 1978 das Buch „Die Isartalbahn“, das heute als Standardwerk gilt und längst vergriffen ist.
Dass sich inzwischen auch junge Menschen wieder für die Bahnlinie begeistern, war für Schulze ein entscheidender Impuls zur Vereinsgründung. „Als sich bei mir Fabian Ibelherr aufgrund meines Buches meldete, kam es zu mehreren Treffen. Unser Kreis erweiterte sich stetig“, erzählt er. Schnell entstand die Idee, die Interessen in einem gemeinnützigen Verein zu bündeln. Geplant sind unter anderem eine Neuauflage des Buches, der Aufbau eines digitalen Fotoarchivs sowie Führungen und Vorträge.

Stellvertretender Vorsitzender ist Brian Rampp aus Starnberg. Der gebürtige Amerikaner forscht seit mehr als drei Jahrzehnten im Nationalarchiv der Vereinigten Staaten in Washington D.C. unter anderem über die Isartalbahn und deren Bedeutung im Zweiten Weltkrieg. Die Bahnstrecke galt damals als strategisch wichtiges Ziel alliierter Luftangriffe. „Ich scanne alles ein, was geschichtlich interessant ist, zum Beispiel Fotos aus dem Bestand der US Army“, berichtet Rampp. Besonders wertvoll seien die Aufnahmen des sogenannten Signal Corps der amerikanischen Armee. „Die Fotografen hatten damals das beste Filmmaterial – Kodak in Schwarz-Weiß und Farbe. Die Qualität der Negative ist hervorragend.“
Bei seinen Recherchen stieß Rampp auf sogenannte US Bombing Survey Damage Assessment Reports, die detaillierte Dokumentationen der geplanten Ziele vor und nach Luftangriffen enthalten. Eine besondere Rolle spielt dabei Beuerberg: Dort wurde am 29. April 1945 ein Zug mit KZ-Häftlingen bombardiert, der sich auf dem Weg nach Bichl befand. „Die Akte zu Beuerberg fehlt im Nationalarchiv vollständig“, erklärt Rampp. Für ihn ist das ein Hinweis darauf, dass der Angriff spontan erfolgte. „Die US-Piloten gingen vermutlich davon aus, dass sich Soldaten oder Munition im Zug befanden“, sagt Rampp. Da der Zug nicht mit den üblichen POW-Kennzeichnungen („Prisoners of War“) auf den Dächern der Abteile versehen war, galt er aus Sicht der Piloten als legitimes Angriffsziel. Vermutlich sei der Zug von Jagdbombern des Typs P-38 oder P-47 attackiert worden.
„Wir möchten die Geschichte der bedeutsamen Bahnstrecke sammeln und für künftige Generationen erlebbar machen“
Auch aus anderen Gründen sei Beuerberg ein symbolträchtiger Ort für die Vereinsgründung, meinen die Mitglieder. Der letzte Zug zwischen Wolfratshausen und Beuerberg fuhr am 27. Mai 1972. Heute erinnert nur noch der ehemalige Wasserturm an den Bahnhof; das Bahnhofsgebäude wurde längst abgerissen – aus heutiger Sicht ein großer Fehler. Ein erstes sichtbares Projekt ist vom Verein bereits geplant: Der historische Hektometerstein mit der Aufschrift „37,8“, der einst am Bahnhof stand, soll wieder aufgestellt werden.

Schriftführer Fabian Ibelherr übernimmt im Verein die Digitalisierung historischer Fotos und Dokumente sowie die Öffentlichkeitsarbeit. „Wir möchten die Geschichte der bedeutsamen Bahnstrecke sammeln und für künftige Generationen erlebbar machen“, sagt der 25-jährige Fotograf und Mediendesigner. Zum Schatzmeister wurde Andreas Weigand aus Emmering gewählt. Seine Begeisterung für die Isartalbahn begann bereits in der Kindheit: „Beim Spielen im Wald habe ich Reste der alten Schienen gefunden.“ Seit rund dreißig Jahren beschäftigt er sich intensiv mit der Strecke und hat auch schon vor einiger Zeit eine Website ins Internet gestellt. „Dass sich der Verein gegründet hat, ist für mich etwas ganz Besonderes“, betont er.
Inhaltlich möchte der Freundeskreis die Isartalbahn nicht nur als technisches Denkmal betrachten, sondern auch ihre Auswirkungen auf Tourismus, Wirtschaft und Gesellschaft untersuchen. Die historischen Zahlen zeigen die enorme Bedeutung der Strecke: Bereits 1899 nutzten mehr als eine Million Fahrgäste die Bahn, im Jahr darauf waren es sogar über 1,24 Millionen. An schönen Feiertagen reisten zeitweise mehr als 20 000 Menschen an einem einzigen Tag mit der Isartalbahn in die Ausflugsregion südlich von München.
Zwei Veranstaltungen des neu gegründeten Vereins stehen bereits fest: Am 7. Juni findet im evangelischen Pfarrsaal in Wolfratshausen der Vortrag „Die Isartalbahn – 135 Jahre Eisenbahn in Wolfratshausen“ statt. Ein Zusatztermin ist am 9. Juli geplant. Von 28. Juni an ist zudem im Wallner-Bockhorni-Kabinett im Museum Wolfratshausen eine Begleitausstellung zur Geschichte der Bahnlinie zu sehen.
Der Verein sammelt Zeitzeugenberichte, historische Fotos und alte Dokumente zur Isartalbahn. Wer solches Material hat, kann sich per E-Mail an info@freundeskreis-isartalbahn.de melden.

