Vortrag zur IsarFlusslandschaften in Bewegung

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Die Isar hat sich in einigen Bereichen bis heute ihren Charakter als Wildfluss erhalten.
Die Isar hat sich in einigen Bereichen bis heute ihren Charakter als Wildfluss erhalten. (Foto: Harry Wolfsbauer)

Im 16. Jahrhundert regelten Handwerker den Wasserbau an der Isar. Martin Keßler ist ihrer Geschichte auf den Grund gegangen.

Von Petra Schneider, Bad Tölz

Jahrhundertelang war die Isar die Lebensader von Bad Tölz. Sie war als Wasserstraße wichtig vor allem für den Transport von Holz und Steinen. Im Unterschied etwa zu Donau und Inn fuhren auf der Isar aber nur Flöße, keine Schiffe. Wegen der "wilden Natur" des Flusses wurde ein Ausbau nicht aktiv betrieben, auch der politische Wille fehlte. Ob und in welchem Maße bereits im 16. Jahrhundert Wasserbau an bayerischen Flüssen stattgefunden hat, ist Thema der Dissertation von Martin Keßler, die er kürzlich am Institut für Bayerische Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München eingereicht hat. Ein Teil der historischen Analyse beschäftigt sich auch mit der Isar. Die Ergebnisse stellte Keßler kürzlich bei einem Vortrag des Historischen Vereins vor, zu dem etwa 40 Interessierte gekommen waren.

Eine zentrale Figur im 16. Jahrhundert im Bereich Brücken- und Wasserbau war Hans Reiffenstuel (1548-1620) aus Gmund am Tegernsee, Sohn eines Wirts und Zimmermann wie sein Vater. "Er war einer der ganz großen Wasserbauer seiner Zeit", sagte Keßler. Auch seine Nachfahren standen als Brunnenbauer oder Triftmeister im "Einsatz an den bayerischen Flüssen". Die Familie Reiffenstuel war zudem eng mit Bad Tölz verknüpft. Von 1603 an war Hans Reiffenstuels Sohn Abraham Bürger und Brauer des Marktes Tölz und späterer Bürgermeister, ebenso dessen Sohn und Enkel.

Martin Keßler bei seinem Vortrag im Stadtmuseum.
Martin Keßler bei seinem Vortrag im Stadtmuseum. (Foto: Harry Wolfsbauer)

Mitte des 16. Jahrhunderts setzte in Bayern mit dem Merkantilismus eine wirtschaftliche Wachstumsphase ein. Flüsse hatten eine enorme Bedeutung als Transportwege, weil der Zustand der Straßen meist schlecht war. Sperrige Güter wie Holz und Steine wurden deshalb auf Wasserstraßen transportiert. Ein gefährliches Unterfangen waren die Triften: Gut zwei Meter lange Holzstämme wurden gestaut und trieben zu Tausenden unkontrolliert flussabwärts bis nach München. Das Holz aus herzoglichen Wäldern wurde an einem von Hans Reiffenstuel im Jahr 1613 gebauten Holzrechen auf der Praterinsel aufgefangen. Brücken, von denen es bis unterhalb von Freising 13 gab, wurden bei den Triften teilweise abgebaut.

Ein wesentlicher Teil der Einnahmen im 16. Jahrhundert wurde mit dem Salzhandel erzielt. Das kostbare Gut wurde mit Schiffen auf Salzach, Inn und Donau transportiert, die teilweise auch gegen die Strömung gezogen wurden. "Städte und Märkte an Flüssen spielten eine wichtige Rolle bei der Energie- und Nahrungsmittelversorgung", sagte Keßler. Brücken waren ausschließlich aus Holz und "Bauschen", also Ast- und Kleinholz - anders als in Frankreich und Italien, wo schon Mitte des 17. Jahrhunderts Steinbrücken gebräuchlich waren. Im Vorfeld des 30-jährigen Kriegs baute man Zugvorrichtungen ein.

Brücken gehörten den Kommunen, die Maut kassierten. Diese Einnahmen reichten aber nicht für die Instandhaltung aus. Denn einem Hochwasser konnten Holzbrücken kaum standhalten, im Winter kamen Beschädigungen durch Eisstöße hinzu. Mit der Folge, dass sie kontinuierlich repariert, ersetzt, oder nach Hochwassern verlängert werden mussten. Denn die Flusslandschaften veränderten sich, Bauwerke waren meist temporär. Im 16. und 17. Jahrhundert seien Flussbaumaßnahmen "reaktiv und punktuell" gewesen, sagte Keßler. Sie dienten dazu, Schäden an Brücken zu beheben, vor Hochwasser zu schützen, Hindernisse zu beseitigen und genügend Zulauf in die Floßkanäle zu leiten, um die Befahrbarkeit zu sichern. Gemacht wurde nur, was den Herzögen persönlich nutzte. Flussbau als Infrastrukturmaßnahme sei nicht als Aufgabe der Höfe gesehen worden, sagte Keßler. Die Hauptkompetenz beim Wasserbau lag bei Handwerkern, allen voran den Zimmerern.

Dies änderte sich im 18. Jahrhundert, als eine Verwissenschaftlichung des Wasserbauwesens einsetzte. Die Folge waren dauerhafte Verbauungen von Flüssen, deren Begradigung oder Kanalisierung. Akademiker lösten Praktiker wie Reiffenstuel ab. Dessen Aufgabe war es gewesen, Schäden etwa nach dem katastrophalen Hochwasser im Isarwinkel im Jahr 1598 zu beheben. Auch der Hochwasserschutz des Fürstlichen Jagdhauses am Rißbach gehörte zu seinen Aufgaben. Reiffenstuel reiste zu Flussbaustellen in ganz Bayern, nach Ingolstadt, Vilshofen, Rosenheim, Wasserburg, Marquartstein, Bad Tölz bis nach Wien. Wegen seiner vielen Geschäftsreisen habe er sogar ein eigenes Pferd bekommen, sagte Keßler.

Als Hofbaumeister war Reiffenstuel auch beim Bau des Münchner Hofbräuhauses im Jahr 1607 beteiligt. Sein Meisterstück war allerdings die Soleleitung von Reichenhall nach Traunstein, die in den Jahren 1617 bis 1619 aus Tausenden von "durchbohrten Rundhölzern" gebaut wurde. Im Jahr 1601 fiel Reiffenstuel in Ungnade: Weil der Ausbau der Residenz in München zu schleppend voranging, befahl Herzog Maximilian I seine Entlassung. Die Hofkammer protestierte mit Verweis auf die unverzichtbare Expertise des Wasserbauers, die man sonst womöglich an Tirol oder Wien verlieren würde. Reiffenstuel behielt sein Amt und blieb Zeit seine Lebens in herzoglichem Dienst.

Die Isar, die in ihrem oberen Teil südlich des Sylvensteinsee noch eine Wildflusslandschaft ist, wird auch heute noch genutzt: durch Ableitungen zur Produktion von Ökostrom im Walchenseekraftwerk oder als Erholungsraum. Anders als etwa der Lech ist sie aber weniger mit Kanälen und Staustufen verbaut. Mit Renaturierungsmaßnahmen soll der Isar neuerdings wieder mehr Raum gegeben werden.

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