Theater unterm Apfelbaum:Im Eiskeller der Ehe

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Theater unterm Apfelbaum: Gezielte Gemeinheiten: Alexandra Richter als Molly, Agathe Möller als Nicky und Robin Kufner als Charly werden in der von Regisseurin Eilen Schäfer abgewandelten Version des Stücks "Cold as Ice" zu einem mordtauglichen Trio.

Gezielte Gemeinheiten: Alexandra Richter als Molly, Agathe Möller als Nicky und Robin Kufner als Charly werden in der von Regisseurin Eilen Schäfer abgewandelten Version des Stücks "Cold as Ice" zu einem mordtauglichen Trio.

(Foto: Manfred Neubauer)

Regisseurin Eilen Schäfer stellt das Schauspiel-Ensemble in der rabenschwarzen Komödie "Cold as Ice" ein wenig anders auf als im Original von Autorin Michele Lowe. Herauskommt dabei ein vergnüglich-anzüglicher Abend.

Von Christa Gebhardt, Icking

Fürs Oberland gibt es mal wieder eine Unwetterwarnung. Seit dem späten Nachmittag hat unheilvolles Schwarz die Alpenkette verschluckt, der Regenradar verheißt nichts Gutes, und der Wettervorhersage zufolge sollen abends Wassermassen über den Münchner Süden schwappen, also auch über Irschenhausen. Aber in Barbara Reimolds Apfelgarten ist man optimistisch. Das Theaterstück "Cold as Ice" wird auf jeden Fall stattfinden, heißt es. "Dann halt im Zelt!" Und geht es eng zu. Das Theaterzelt platzt aus allen Nähten, die Seitenteile werden hochgeklappt, die Helfer schleppen Stühle herbei, ein Drittel der Zuschauer muss dann eben draußen sitzen. Aber sie haben Dusel: Die Schwärze des Himmels hellt sich zu einem Grau auf, erste zaghaften Regentropfen fallen tatsächlich erst ganz am Schluss des Stücks.

Barbara Reimold ist glücklich. Mit so viel Andrang hat sie diesmal überhaupt nicht gerechnet. An die 120 Menschen wollen die rabenschwarze Komödie sehen, die Michele Lowe geschrieben hat - eine amerikanische Dramatikerin, deren Werke am Broadway und auf der ganzen Welt produziert wurden. "Cold as Ice" (Smell of the Kill) hatte Premiere im Cleveland Playhouse im Jahr 1999. Ein Vierteljahrhundert später aber fragt man sich, ob es komödiantisch noch funktioniert, wenn sich die Abgründe in den Ehen von Vorstadtfrauen aus den Neunzigerjahren auftun. Denn darum geht es: Drei befreundete Paare treffen sich reihum einmal im Monat zum gemeinsamen Essen. Eine Mahlzeit mit Freunden. Die Frauen kommen zu fortgeschrittener Stunde in der Küche zusammen. Sie entsorgen Essensreste, spülen ab, machen sauber und bereiten die Nachspeise vor, die Gespräche sind vorerst harmlos, drehen sich um Klatsch und Tratsch. Die Männer bleiben das ganze Stück über unsichtbar, sind aber zu hören, sie üben im Wohnzimmer das Putten, um ihr Golfhandicap zu verbessern, zwischendurch geben sie machohafte Sprüche von sich und verlangen Service, mehr Zigarren zum Beispiel und mehr Getränke.

Regisseurin Eilen Schäfer weiß um den "old style" des Stücks und hat deshalb ihre Schauspieltruppe etwas anders aufgestellt. Es stehen nicht - wie im Original - drei frustrierte Frauen gegen drei toxische Männer, sie hat zu den beiden Frauen Molly (Alexandra Richter) und Nicky (Agathe Möller) den Mann Charly (Robin Kufner) gruppiert, der mit den beiden angeödeten Ehefrauen in der Küche agiert und mit gezielten Gemeinheiten die Gesprächsthemen anheizt. Aus kleinen Spitzen werden Gehässigkeiten, die schließlich zur Entlarvung gerade noch gehaltener Lebenslügen beitragen und am Ende durch eine unverhoffte Gelegenheit den perfekten Mord möglich machen.

Zunächst aber beschreiten die beiden Frauen den Weg der schonungslosen Wahrheit. Während ihre Ehemänner ihre frühere Highschool-Freundschaft als noch immer potente Jungs mit den alt bewährten Mustern pflegen, müssen sie feststellen, dass sie als angeheiratete Anhängsel nach all den Jahren kaum etwas übereinander wissen. Deshalb entpuppt sich die scheinbar biedere und brave Molly, die sich angeblich am liebsten rührend-mütterlich um Nickys ständig schreiendes Baby kümmert, in einer gewagten Wandlung als lustvolle Nymphomanin, die der ehelichen Treue längst abgeschworen hat. Und Nicky, die ihren Mann Jay lieber tot als im Gefängnis sehen würde - schließlich hat er gerade eine Menge Geld veruntreut-, ist in Wirklichkeit nicht die treu sorgende Hausfrau und Mutter, sondern hat als erfolgreiche und finanzstarke Lektorin in der Ehe längst die Hosen an. Fazit: Die Ehemänner sind fällig - sie sind überfällig.

Zum Glück geschieht das Unvorhergesehene: Hobbyjäger Jay zeigt seinen Freunden seinen neuen Kühlraum, und dabei fällt hinter ihnen die schwere Eisentür ins Schloss. Bei klirrenden Minusgraden sitzen die Männer in der Falle. Für die Frauen ist dies die Gelegenheit zu einer ziemlich finalen Abrechnung, die sie vergnüglich-anzüglich zelebrieren. Wie kalt muss es sein, bis Bananen und dann auch entsprechende Männerteile einfrieren? Wie lange würde es dauern, bis die Eiswürfel cocktailtauglich werden? Werden die Lebensversicherungen der Männer, die aus der Blüte ihrer Jahre gerissen würden, für ein langes Frauenleben reichen? Aus Molly, Nicky und Charly ist ein mordtauglicher Dreier geworden.

Für die Schauspieltruppe ist es ein bisschen schade, dass die ersten Regentropfen das Publikum nach einem kurzen Applaus aus dem Zelt zu ihren Autos eilen lässt. Außer einem vergnüglichen Abend nimmt das Publikum ganz sicher auch die Bitte von Barbara Reimold mit, das so besondere, stimmungsvolle Theater unterm Apfelbaum zu unterstützen, mit Spenden, Helfern und jungen Technikern.

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