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Interview:"Der Mensch will alles bestimmen"

Digitales Frühlingstreffen: Nachdem derzeit keine Veranstaltungen möglich sind, hat die Stiftung Nantesbuch 100 Künstlerinnen und Künstler eingeladen, Videobeiträge zu verfassen. "Arts for Spring" heißt die Aktion, die an diesem Wochenende online geht.

(Foto: Anke Michaelis/Stiftung Nantesbuch)

Die Kulturstiftung Nantesbuch trotzt der Corona-Krise kurzfristig mit digitalen Projekten. Langfristig rechnet Geschäftsführer Börries von Notz mit schleichenden Veränderungen, die einen kritischen Diskurs erfordern.

Von Stephanie Schwaderer

Seit Jahren war der Himmel über dem Langen Haus auf Gut Karpfsee nicht mehr so blau und still wie in diesen Tagen. Das Leben am zentralen Veranstaltungsort der Kulturstiftung Nantesbuch liegt Corona-bedingt auf Eis. Hinter den Kulissen geht die Arbeit weiter. Im Zentrum des 320 Hektar großen Geländes soll langfristig ein Campus der Begegnung mit Kunst, Natur und Landschaft entstehen. Auch die Kunstsammlung der Stiftung - sie umfasst etwa 600 Werke zum Thema Mikrokosmos und Makrokosmos, Pflanze, Tier und Mensch - soll in einigen Jahren für Besucher in Nantesbuch zugänglich werden. Gegründet wurde die Stiftung im Jahr 2012 von der Unternehmerin Susanne Klatten. Seit einem Jahr ist Börries von Notz als Geschäftsführer für die strategische, inhaltliche und kaufmännische Ausrichtung verantwortlich.

SZ: Herr von Notz, welchen Beitrag kann die Kulturstiftung Nantesbuch in der Krise leisten?

Börries von Notz: Wir sehen unsere Aufgabe darin, Fragen unserer Zeit aufzugreifen und Impulse zu geben - durch die Auseinandersetzung mit künstlerischen Positionen und Naturräumen. Derzeit sind unsere Möglichkeiten stark eingeschränkt. In Nantesbuch finden keine Veranstaltungen statt, und unser Museum in Bad Homburg ist geschlossen. Deshalb haben wir mehrere digitale Offensiven gestartet. Die größte, Art vor Spring, geht gerade online. Zudem entwickeln wir unsere Webseite weiter und machen zum Beispiel unsere Ausstellungen nach und nach online erlebbar.

Inwieweit lässt sich analoge Kunst auf einen Monitor übertragen?

Die digitale Erfahrung ist fundamental anders als die reale, keine Frage. Die unmittelbare sinnliche Erfahrung mit einem Original lässt sich digital nicht nachahmen. Das beginnt bei der Oberflächenstruktur eines Kunstwerks und endet beim Raumerlebnis. Auf einem Bildschirm kann ich nichts fühlen, nichts riechen, ich weiß nicht, ob es kalt oder warm ist, all das fehlt. Und dennoch kann ich etwas transportieren. Es macht ja auch Spaß, ein Kunstbuch anzuschauen.

Nantesbuch tönendes Wetterleuchten

Das Lange Haus der Kulturstiftung Nantesbuch liegt derzeit im Coronaschlaf.

(Foto: Manfred Neubauer)

Wie lässt sich Naturerfahrung digitalisieren?

Wir können als Stiftung dazu einladen, die Möglichkeiten sinnlicher Erfahrung zu nutzen, die jeder vor der Tür hat. Wir können zeigen: Auch das Kleine ist spannend. Derzeit installieren wir mehrere Webcams auf unserem Gelände. Eine richten wir zum Beispiel auf einen Bienenkasten in unserem Permakulturgarten, eine andere auf eine Pfütze im Wald, ein Minibiotop, in dem das Leben sprießt.

Die Leute können auf Ihrer Homepage also in eine Pfütze schauen?

Das ist nur ein kleiner Impuls. Wir bringen gerade viele digitale Projekte auf den Weg. Auch unserer Partner haben ja gerade mehr Zeit. In Nantesbuch sind wir sehr veranstaltungslastig. Von hochkarätigen Thementagen bleibt oft nicht mehr als die Erinnerung. Nun versuchen wir Formen zu finden, um die Ergebnisse zu fassen. Das können Hörstücke sein, Comics, Bücher, das Ziel ist es, unsere wichtigsten Veranstaltungen nachhaltig zu machen. Ein erster Schritt war eine Publikation zu den Anthropozän-Tagen, die vor kurzem fertig geworden ist.

Das Jahresthema lautet Bestimmung. Wovon wird Ihr Leben gerade bestimmt?

Von meiner Familie und vielen organisatorischen Dingen, die Kinder geben den Takt vor. Das trifft derzeit vermutlich auf viele Familien zu. Die Corona-Krise konfrontiert uns mit eben jenem Phänomen, das wir in diesem Jahr beleuchten und hinterfragen wollen: Was können wir bestimmen? Grundsätzlich versucht der Mensch alles zu bestimmen, und zwar in zweifacher Hinsicht. Erstens, indem er alles in der Welt kategorisiert und ordnet, und zweitens, indem er sich die Welt untertan zu machen versucht. Wir können uns kaum mehr neben uns stellen und die Welt in anderen Kategorien denken.

Das Leben in der Natur geht indes ungebremst weiter. Am Bienenstock im Permakultur-Garten (hier mit Referent Sepp Holzer) wird gerade eine Webcam installiert.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

In welchen Kategorien etwa?

Vom Fisch aus oder vom Baum aus, meinetwegen auch vom Virus aus oder, extraterrestrisch, vom Mond aus. Auch das Metaphysische ist ein Aspekt - Bestimmung als religiöser oder göttlicher Auftrag. Solche Fragestellungen mit Künstlern und Partnern zu entwickeln, schon darin sehen wir eine spannende Aufgabe. Der zweite Schritt, Räume zu schaffen, um nach Antworten zu suchen, muss derzeit leider ausfallen. Das ist schmerzhaft.

Hat die Corona-Krise einen Einfluss auf die weitere Programmgestaltung?

Das lässt sich gar nicht vermeiden. Selbst wenn wir nicht darüber reden wollten, kämen wir nicht darum herum. Am direktesten wird sie sich wohl in unserer Veranstaltungsreihe "Wie wollen wir leben" niederschlagen.

Börries von Notz ist Geschäftsführer der Kulturstiftung Nantesbuch.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Wird das Leben nach Corona ein anderes sein? Oder machen wir, wenn ein Impfstoff gefunden ist, da weiter, wo wir aufgehört haben?

Ich gehe davon aus, dass es eine schleichende Veränderung geben wird. Schon jetzt ist klar, dass die Digitalisierung einen Schub bekommt und zumindest Teile der Bevölkerung daran partizipieren. Wir werden neue Kulturtechniken erlernen müssen. Ich habe die Hoffnung, dass sich die Geschwindigkeiten ändern, dass wir Abstand nehmen vom immer schneller, immer mehr. Dann könnte sich auch unser Konsumverhalten ändern. Manche Menschen machen vielleicht gerade wie ich die Erfahrung, dass der Film als neues erzählerisches Hauptmedium auf Dauer fad wird, dass es nicht befriedigend ist, die eigene Fantasie auszuschalten. Wenn das Leben schnell läuft, ist auch der Medienkonsum ein anderer, als wenn man die Zeit hat, ein Buch zu lesen. Meine 13-jährige Tochter sieht das allerdings ganz anders.

Wo liegen Ihrer Ansicht nach die Risiken der Krise?

Am bedrohlichsten ist das Primat der Sicherheit, das halte ich für hochgradig gefährlich. Politische Entscheidungen werden auf wissenschaftliche Beiräte abgewälzt. Ein Diskurs findet nicht statt. Der Souverän, das Volk, ist stumm gestellt. Bereits am ersten Tag, an dem die Freiheitsrechte beschränkt wurden, wäre es Zeit gewesen, offen darüber zu sprechen, wann und wie die Beschränkungen wieder aufgehoben werden sollen. Diese Diskussion wird nicht frei geführt. Der nächste Schritt wird das Handy-Tracking sein. Es besteht die Gefahr, dass wir unter einem Gesundheitsdiktat leben werden. Da kann ich nur sagen: Wehret den Anfängen. Es lohnt sich gerade jetzt, sich den Wert der Freiheit und des Lebens bewusst zu machen. Kunst und Natur liefern hierfür eine besondere Inspiration.

© SZ vom 18.04.2020/aip

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