SZ Gute WerkeInklusionscafé hat eine feste Heimat

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Die Einweihungsfeier für das Café Miteinand in Bad Tölz war ein buntes Fest mit Musik, Tanz und guten Gesprächen.
Die Einweihungsfeier für das Café Miteinand in Bad Tölz war ein buntes Fest mit Musik, Tanz und guten Gesprächen. Manfred Neubauer

Das Café Miteinand der gemeinnützigen Firma „Sichtbar im Oberland“ hat an der Hindenburgstraße in Bad Tölz eröffnet. Angeboten werden Frühstück und kleine Mittagsgerichte.

Von Alexandra Vecchiato, Bad Tölz

Es herrscht ein dichtes Gedränge an der Hindenburgstraße. Musik wummert aus den Lautsprechern. Es ist fast kein Durchkommen, so viele waren zur Eröffnung des Inklusionscafés „Café Miteinand“ in Bad Tölz gekommen. Das hat endlich eine feste Heimat gefunden: Im früheren „Ois ohne“-Laden gibt es nun Kaffee, Kuchen und so manch andere Leckerei.

Ein Stromausfall hätte die Einweihungsparty beinahe ins Wasser fallen lassen. Doch letztlich konnten sich die Gäste an Glühwein, Punsch und Bratwürsten erfreuen. Dass nach monatelangem Umbau noch nicht alles bis ins kleinste Detail an diesem Abend fertig war, störte niemanden. Die Freude über die Inklusionseinrichtung überwog. „Wahnsinnig anspruchsvoll“, nennt der Tölzer Bürgermeister Ingo Mehner (CSU) das Projekt. Man spüre, dass das Miteinand-Team, vor allem die beiden Initiatorinnen Tanja Rudolph und Sabine Richter, für das Inklusionscafé „komplett brennen“ würde.

Jungen Menschen, die aufgrund von Beeinträchtigungen keinen Job finden, bietet das Café Miteinand die Möglichkeit, sich in der Gastronomie auszuprobieren.
Jungen Menschen, die aufgrund von Beeinträchtigungen keinen Job finden, bietet das Café Miteinand die Möglichkeit, sich in der Gastronomie auszuprobieren. Manfred Neubauer

Wie wichtig solche Angebote sind, unterstrich dritter Landrat Klaus Koch (Grüne), der Leiter des Tölzer Förderzentrums ist. Jugendliche mit Beeinträchtigungen müssten hart kämpfen, um einen Job zu bekommen. Das Café Miteinand biete eine solche berufliche Teilhabe.

Menschen mit und ohne Behinderung zusammenbringen

Das Café gibt es seit 2019. Richters und Rudolphs Idee war es, jungen Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung die Chance zu geben, berufliche Erfahrungen in der Gastronomie zu sammeln. Bislang bewirtete das Team seine Gäste einmal in der Woche im evangelischen Gemeindehaus am Schützenweg in Bad Tölz. Die wachsende Anzahl an Gästen ließ die Mitwirkenden an ihre Grenzen stoßen. Auch deshalb fassten die beiden Gründerinnen den Plan, ihre Inklusionsbemühungen weiter auszubauen. Zu diesem Zweck hatten beide im Mai 2022 das gemeinnützige Unternehmen Sichtbar im Oberland gegründet.

Miteinand-Gründerin Sabine Richter (rechts) mit ihrem Team und Mitgründerin Tanja Rudolph (links).
Miteinand-Gründerin Sabine Richter (rechts) mit ihrem Team und Mitgründerin Tanja Rudolph (links). Manfred Neubauer

Doch wie ein dauerhaftes Café etablieren, ohne die dazu nötigen Räume zur Verfügung zu haben? Die Suche begann. Richter, staatlich geprüfte Erzieherin, und Rudolph, Gastronomin und Mutter eines Kindes mit Handicap, wurden fündig. Eine Chance tat sich auf, als der Unverpackt-Laden an der Hindenburgstraße wieder zu haben war. Dank vieler Helfer und Spender, darunter auch das Hilfswerk der Süddeutschen Zeitung, „SZ Gute Werke“, konnte das Projekt umgesetzt werden.

„Ohne die Spenden hätten wir es nicht geschafft“, erzählt Rudolph. Die Initiatorinnen hoffen weiterhin auf Zuwendungen. Künftig allerdings müsse sich das Café tragen, sagt Rudolph. Fünf junge Menschen haben dort eine Festanstellung. Sie sollen berufliche Erfahrungen sammeln: Das reicht vom Servieren über das Bedienen des Kaffeeautomaten bis hin zum Backen der Kuchen. „Sie sollen ein Gespür etwa fürs Wiegen der Zutaten bekommen“, sagt Rudolph.

Es gebe zahlreiche Möglichkeiten, Inklusion in der Arbeitswelt umzusetzen. „Mein Lieblingsbeispiel ist ein Malerbetrieb, sagt Rudolph. Pinsel auswaschen, eine Leiter aus dem Auto holen – dafür brauche es keine Fachkraft. Was es dafür allerdings brauche, sei Mut. Start-ups seien diesbezüglich oftmals aufgeschlossener.

Letztlich solle der neue Treffpunkt an der Hindenburgstraße eines, betont Rudolph: Menschen mit und ohne Behinderung zusammenbringen. Das Café Miteinand hat schon so manchen Preis abgeräumt. Das Inklusionsprojekt wurde unter anderem mit dem bayerischen Diakoniepreis, dem Bürgerpreis der Sparkasse Bad Tölz-Wolfratshausen sowie von der Zukunftsstiftung Ehrenamt Bayern ausgezeichnet.

Cappucchino, Espresso, Latte Macchiato – kein Problem für Barista Sophie.
Cappucchino, Espresso, Latte Macchiato – kein Problem für Barista Sophie. Manfred Neubauer

Serviert wird den Gästen in dem kleinen Lokal Frühstück – von klassisch französisch mit Croissant, italienisch mit Espresso bis irisch mit Porridge. Wer es herzhaft mag, sollte „Grüße aus dem Allgäu“ versuchen. Ferner gibt es kleine Mittagsgerichte sowie selbst gemachten Kuchen und diverse Heißgetränke. Das Team bespielt auch einen Foodtruck. „Catering Miteinand“ kann für Veranstaltungen, Partys und mehr gebucht werden – samt Servicepersonal. Im Innenbereich gibt es etwa 30 Sitzplätze, ebenso viele auf der Terrasse.

Geöffnet hat das Café Miteinand von Montag bis Samstag von 8.30 bis 17 Uhr (nicht an Feiertagen). Eine Reservierung ist unter der Rufnummer 08041/799 70 90 oder per E-Mail an info@cafemiteinand.de möglich.

Wer helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, Sachspenden können leider nicht entgegengenommen werden. Bareinzahlungen sind im SZ Servicepunkt, im Kaufhaus Ludwig Beck, Eingang Dienerstraße, 1.OG., Marienplatz 11, möglich. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr. Banküberweisung an:

SZ Gute Werke e.V. HypoVereinsbank IBAN: DE04 7002 0270 0000 0822 28 BIC: HYVEDEMMXXX Sicher online spenden können Leserinnen und Leser im Internet unter www.sz-gute-werke.de.

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