„Alle Ehrenamtlichen bitte einmal antanzen“, rufen Tanja Rudolph und Sabine Richter, die Initiatorinnen des Inklusionscafés, durch den Raum. Die Mitarbeitenden stellen die Tabletts beiseite und versammeln sich vor den Gästen und den Gründerinnen. Aus Anlass des fünfjährigen Bestehens des Cafés Miteinand in Bad Tölz bekommen alle Mitarbeitenden von den beiden ein Geschenk überreicht, etwa einen Schoko-Nikolaus oder einen großen Christstern. Insbesondere den Jugendlichen, die im Café bedienen, wird für ihre dortige Arbeit gedankt. Diese machen das Café Miteinand zu etwas ganz Besonderem – hier servieren Jugendliche mit geistiger Beeinträchtigung den Kaffee und das Frühstück.
Einmal in der Woche, immer donnerstags von 8 bis 12 Uhr, hat das Café im Evangelischen Gemeindehaus im Schützenweg 10 geöffnet. „Damit die Jugendlichen überhaupt erst einmal in sich hineinspüren können, ob Gastronomie überhaupt etwas für sie ist“, sagt Rudolph. Sie ist selbst Mutter eines beeinträchtigten Kindes und kam so gemeinsam mit Richter auf die Idee des Cafés Miteinand. Dort sollen Jugendliche Raum für persönliches Wachstum erleben: Jeder Mensch könne eine gesellschaftlich relevante Arbeit leisten, erklärt Rudolph: „Ich muss nur den richtigen Platz für ihn finden.“

Der Saal ist an diesem Tag voll, jeder Tisch ist besetzt. Ein jugendlicher Kellner macht sich mit einem Toast auf dem Tablett auf den Weg zu den Gästen. Mitten in der Bewegung bleibt er stehen, sieht sich sorgfältig um und wählt dann eine andere Route um die Tische herum. Dabei geht er langsam und konzentriert. Als er den richtigen Tisch gefunden und die Speise serviert hat, kehrt er stolz zur Kasse zurück. Zwölf Jugendliche mit Beeinträchtigung bedienen aktuell im Café und im Catering-Service. Bei der Gründung waren es fünf. „Jeder hat einen Ehrenamtlichen, der mit ihm läuft“, erklärt Rudolph. Am Anfang sei die Betreuung noch ganz engmaschig, sobald die Routine drin sei, ziehe sich der zuständige Freiwillige immer mehr zurück. Von den insgesamt 17 Ehrenamtlichen seien nur drei direkt vom Thema Beeinträchtigung betroffen, nämlich durch ihre Kinder. Die anderen 14 helfen „einfach, weil sie das unterstützen wollen“, sagt Rudolph. „Und das ist eigentlich das Schöne daran“.
Die Jugendlichen wollen zeigen, dass sie wirklich etwas leisten können
Für die Feier zum fünfjährigen Bestehen des Projektes sind zwei Musikerinnen des Bezirks Oberbayern sowie eine Harfenspielerin im Café. „Leise rieselt der Schnee“ singen fast alle Gäste mit. Den Gesang hört man schon im Erdgeschoss des evangelischen Gemeindehauses, bevor man die Wendeltreppe erklimmt, die zum Café führt. Seit Beginn des Projektes hat sich einiges verändert: Die Besucherzahlen seien von anfangs zehn bis 20 auf mittlerweile 65 bis 85 im Durchschnitt angewachsen, sagt Rudolph und lächelt. Auch die Speisekarte habe sich entwickelt, es gebe nicht mehr nur belegte Semmeln, sondern „richtige Frühstücke, um zu zeigen, dass die Jugendlichen auch wirklich etwas leisten können“.
Immer wieder kommen Gäste zu Rudolph, um sich zu verabschieden und für die schöne Feier zu danken. „Toll habt ihr das gemacht, vielen Dank“, ruft eine Frau der Initiatorin zu. Der Träger des Cafés Miteinand ist mittlerweile die Sichtbar im Oberland, die im Mai 2022 von Richter und Rudolph gegründet wurde. Für die beiden Mütter sei es das Schönste, dass „hier wirklich dieses Miteinander gelebt wird“, dass in ihrem Café Menschen zusammenfinden würden, die sich woanders nicht unterhalten hätten. Und, noch wichtiger, die Barrieren im Kopf würden abgebaut werden. Die Besucher „merken, dass man mit unseren Jugendlichen nicht anders umgehen muss, als mit anderen Menschen“, sagt Rudolph.

Im Saal duftet es immer mehr nach Kaffee und auch ein süßer Crèpes-Geruch liegt in der Luft. Den Gästen gefällt vor allem die „schöne Atmosphäre“ und das „tolle Frühstück“, sagt eine Besucherin. Eine andere Frau wolle das Projekt unterstützen und würde deshalb bisweilen im Café essen. Rudolph bringt einen Kaffee zu einem Gast. Eine der Jugendlichen nimmt ihr die Tasse aus der Hand und möchte sie selber dem Besucher servieren. „Warte, wenn du die Tasse an den Seiten festhältst und nicht unten, dann ist es leichter“, hilft die Initiatorin ihr.
Alternativen schaffen
Das langfristige Ziel von Rudolph und Richter sei es, einen Inklusionsbetrieb zu eröffnen. Dann könnten sie mehr als einmal pro Woche das Café öffnen und den Jugendlichen so eine andere, bessere Arbeitsstruktur bieten. Zudem könnte das Alternativen für Menschen mit Beeinträchtigung schaffen: „Wir wollen sie sichtbar machen, aufklären und einfach gucken, dass es Möglichkeiten gibt.“ Die Jugendlichen sollten ihren Weg wählen dürfen, sagt Rudolph.
Doch zuerst müssen die beiden Mütter eine preiswerte Immobilie finden, um ihr Café zu einem Inklusionsbetrieb auszubauen. Die Einrichtung wird dann nicht günstig. Aus diesem Grund, und um das bestehende Café mit der Ausstattung auf dem Laufenden zu halten, freuen sich die Initiatorinnen, die Ehrenamtlichen und natürlich die Jugendlichen über Spenden.

