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Infrastruktur im Oberland:"Kämpfen bis zum letzten Moment"

Noch fährt die S 7 nur bis Wolfratshausen. Der Ausbau bis Geretsried ist indes umstritten.

(Foto: Hartmut Pöstges)

In seinem Feldzug gegen die S 7-Verlängerung versammelt Heinz Wensauer betroffene Grundstücksbesitzer und Lokalpolitiker zur Diskussion.

Von Konstantin Kaip

Zu den vielen Dingen, welche die Corona-Pandemie in den vergangenen langen Monaten zum Erliegen gebracht hat, gehörte auch der organisierte Widerstand gegen die S-Bahn-Verlängerung nach Geretsried. Mit den Lockerungen konnte dessen selbsternannter Anführer, der Wolfratshauser Heinz Wensauer, nun aber wieder betroffene Grundstücksbesitzer, kritische Bürger sowie Lokalpolitiker beider Städte zum Diskurs versammeln. Beim Treffen im Geretsrieder Gasthof Geiger am Sonntagvormittag entlud sich bei den etwa 25 Teilnehmern viel Frust auf das Projekt. Die anwesenden Stadträte kritisierten vor allem die Bahn, von der im laufenden Planfeststellungsverfahren kaum Informationen zu erhalten seien.

Was Wensauer von der S 7-Verlängerung hält, konnte man auch im Lockdown bei Bedarf immer wieder erfahren: in seinem Film über die "Kuckuckbahn", der auf Youtube inzwischen fast 6700 Aufrufe verzeichnet. Dass die "vorsintflutliche S-Bahnverlängerung" zuvorderst der "Baulandgewinnung für München - Geretsried" diene und zu Flächenfraß, Versiegelung, Verkehrschaos und fatalen Folgen für die Umwelt führe, lasen seine Gäste am Sonntag auch auf einem großen Banner vor dem Gasthaus. Den Diskutanten, darunter Landwirte aus Geretsried wie Franz Fuchs, dessen Felder von dem Gleis zerschnitten werden sollen, und Walter Goldhofer, auf dessen Firmengrundstück in Wolfratshausen ein Lärmschutzwall geplant ist, sprach einiges davon aus der Seele. Sie kritisierten den geplanten Trassenverlauf über Gelting und die Haltepunkte. Eine einspurige S-Bahn sei ein "Verkehrsmittel des 19. Jahrhunderts im 21. Jahrhundert", sagte ein Mann. Und eine Frau nannte es "hanebüchen, dass eine klitzekleine Stadt drei Bahnhöfe braucht".

Verärgert zeigten sie sich auch über die mangelnde Kommunikation der Bahn. Gespräche mit Betroffenen würden vermieden, mit Hinweis, diese fänden erst nach Abschluss des Planfeststellungsverfahrens statt. Bei der coronabedingt nur im Onlineverfahren durchgeführten Erörterung habe die Bahn auf die Einwendungen entweder mit "lapidaren Textbausteinen" reagiert oder mit dem Verweis, es sei keine Stellungnahme erforderlich, hieß es. Statt das Verfahren dazu zu nutzen, aufeinander zuzugehen, habe man es "einfach abgearbeitet", sagte Fuchs.

Auch die Lokalpolitiker beider Städte bissen bei der Bahn auf Granit, erklärte der Wirtschaftsreferent im Wolfratshauser Stadtrat und frühere Bürgermeister Helmut Forster (Wolfratshauser Liste). "Das Problem ist: Die Stadträte kriegen einfach keine Informationen", sagte er. Das Planfeststellungsverfahren sei angelaufen, weil man die Kosten-Nutzen-Berechnung "gerade so" über den notwendigen Faktor eins bekommen habe. "Wenn man die Kosten heute neu berechnen würde, läge er weit darunter", war er überzeugt. Ähnlich sah das auch der Wolfratshauser Stadtrat Patrick Lechner (FDP). Den Flächenfraß müsse man eigentlich "im Business Case mit einberechnen", sagte er. Aber keiner wolle eingestehen, dass sich das Projekt "schon lange nicht mehr rechnet". Alle Politiker betonten, dass sie für eine S-Bahn-Verlängerung nach Geretsried seien. Diese müsse jedoch auf vernünftiger Planung beruhen. "Mir fehlt hier ein ordentliches Konzept", sagte der Geretsrieder Stadtrat Patrik Kohlert (GL). Beim Standort des geplanten Endbahnhofs Geretsried-Süd sehe er etwa "mehr Nach- als Vorteile". Und Edmund Häner (FDP) teilte auch Wensauers Kritik an der Geretsrieder Rathauspolitik: "Wir bauen, bauen, bauen", sagte er. "Und die Infrastruktur kommt hinterher."

Der Gastgeber wirkte am Ende zufrieden mit der Resonanz seiner Runde. "Der Kas' is' bissn", habe Landrats Josef Niedermaier (FW) seiner Kritik entgegnet, sagte Wensauer. "Für mich ist er erst bissn, wenn's zu Ende ist. Das heißt, wir müssen kämpfen bis zum letzten Moment." Und Bauer Fuchs, der sich gemeinsam mit anderen Betroffenen im Verfahren anwaltlich vertreten lässt, fasste die "Botschaft" der Veranstaltung so zusammen: "Wir sind entschlossen, uns so lange wie möglich mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln zur Wehr zu setzen."

© SZ vom 14.06.2021
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