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In Wolfratshausen:Ende eines Kult-Lokals

Auch wenn Dieter Sattler, genannt Dietsch, betont, dass er immer super Gäste gehabt habe und auch immer wieder bekannte Bands auftraten, hat der ehemalige Sozialpädagoge nach 20 Jahren seines Wirtedaseins genug: Ende März schließt er sein Lokal "Biermühle" am Wolfratshauser Birnmühlplatz.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Dieter Sattler sperrt die Biermühle zu. Wolfratshausen verliert damit einen Treffpunkt für Nachtgespenster und einen Mikrokosmos der Szene.

Jetzt also auch noch die Biermühle. Als hätten in Wolfratshausen jüngst nicht schon genügend Bars zugemacht, schickt sich nun auch Dieter "Dietsch" Sattler an, seinen Platz am Zapfhahn zu räumen. Ende März heißt es: letzte Bestellung.

Für hiesige Nachtgespenster, die zu vorgerückter Stunde den Untermarkt frequentieren, ist dies mehr als nur eine schlechte Nachricht. Es ist ein schmerzhafter Einschnitt. Denn in den vergangenen beiden Jahrzehnten ist hier nicht nur Bier getrunken worden, das schon auch, aber es ist im Lauf der Jahre entstanden, was man neudeutsch eine Szene nennt: eine höchst heterogene Mixtur aus Gästen, die vermeintlich überhaupt nicht zusammenpassen, es aber bestens so lange miteinander ausgehalten haben. Da findet man regelmäßig noch immer die zwischenzeitlich längst ergrauten Häupter der ehemaligen lokalen Kult-Kabarettgruppe "Narrenschaukel", ebenso eine Whisky-Arbeitsgruppe, die mit beachtlicher Ausdauer und sensiblem Gaumen testet, was Interessantes in alten Fässern lagert. Lehrer halten hier ihre geselligen Konferenzen ab, und die Darter sind ohnehin eine eigene Fraktion, ganz zu schweigen von den Schachspielern und Schafkopfern.

Mitunter, wenngleich eher selten, trifft man sogar Stadträte, die hier wie nirgends sonst das Ohr ans Wahlvolk halten könnten und es vielleicht gerade jetzt auch sollten. Denn freundliche Wort über die hiesige Kommunalpolitik vernimmt man hier nicht, und Dietsch Sattler ist einer der schärfsten Kritiker: Wer den ansonsten eher wortkargen Wirt in Wallung bringen will, muss nur die Umgestaltung des Birnmühlplatzes in der Ära von Bürgermeister Helmut Forster ansprechen. Statt einer Platane und einer wunderbar wuchernden Wildkirsche gibt es dort jetzt zwei transportable, praktische Kübelbäume - "der Untermarkt schaut aus wie eine S-Bahnhaltestelle".

David Sattler

Dieter Sattler

(Foto: Ratzesberger)

Gesprächig wird der Wirt aber auch, wenn es um Katzen, speziell seinen Kater Foxi geht, einen rechten Streuner, der sich tagelang im Bergwald herumtreibt. Viele Gesichter in der Biermühle sind längst vertraut in dieser ungewöhnlichen Mixtur: Da ist die urkundlich zertifizierte Gräfin, der freundlich-bodenständige Imker, der sein halbes Leben in New Jersey verbracht hat und hundertstrophige Gedichte auswendig kann; da gibt es den gegenüber der Damenwelt äußerst aufgeschlossenen Immobilienberater, den redseligen Installateur mit seinem riesigen Oldtimer-Mercedes, die ehemalige Kindergärtnerin, die jetzt ausschließlich begeisterte Gärtnerin ist, und das Baustellen-Allround-Genie, vor dessen Haus Hühner und Laufenten herumspazieren, was wiederum einen Fuchs aus der Weidacher Nachbarschaft zu nächtlichen Besuchen motiviert.

Dass diese Klientel im Lauf der vergangenen zwei Jahrzehnte zu einer so bunten Gesellschaft zusammengewachsen ist, hat auch atmosphärische Gründe. Denn Sattler verfügt über eine Sammlung von bis zu 700 Rock- und Blues-CDs, und immer wieder sind hier unter den äußerst beengten räumlichen Verhältnissen Live-Musiker wie die virtuosen Bus Stop Rokkers aufgetreten, oft wurde die Gage im herumgereichten Hut eingesammelt. An solchen Abenden platzte das Lokal aus allen Nähten.

Oft wartete Sattler aber auch vergeblich auf Gäste, allein mit den hohen Unkosten, die ihn im Lauf der Jahre zunehmend bedrängt und dazu beigetragen haben, dass der Gastronom jetzt einen Schlussstrich zieht. Sauer ist der Wirt insbesondere über die Berufs- und Künstlervertretungen wie Gema und Knappschaft: "Eine riesige Abzocke, und die Gegenleistung: gleich null." Auch auf das Wolfratshauser Finanzamt ist er nicht gut zu sprechen: "Ein Wahnsinn, wie die hinlangen."

Dass er nach 20 Jahren seines Wirtedaseins genug hat, mag der 67-Jährige, der eigentlich Sozialpädagoge ist, nicht verhehlen, auch wenn er versichert, "dass ich immer super Gäste gehabt habe". Seit vielen Jahren aber zieht es ihn zu einem Sehnsuchtsort, der kaum weiter entfernt sein könnte vom ungemütlichen Untermarkt: die im Indischen Ozean gelegene Insel Bali. Ob, wann und wie es weitergeht mit der Biermühle, ist noch weitgehend offen, ein potenzieller Nachfolger will zwar antreten, geschäftliche Dinge wie die Frage der Ablöse für die Einrichtung sind aber noch ungeklärt.