In Nantesbuch bei Bad Heilbrunn:Vom Zauber der Dunkelheit

Hochkarätige Autoren, Schauspieler und Musiker gestalten das dritte Moosbrand Festival. Das Programm beginnt mit einer "Langen Nacht der Geheimnisse" und endet im Namen der Bienen

Von Stephanie Schwaderer, Bad Heilbrunn

Eine Frau erwacht auf einer Berghütte. Ihre Begleiter sind nicht aus dem Dorf zurückgekommen. Sie macht sich auf die Suche nach ihnen - und stößt zwischen Bergbach und Almwiese an eine gläserne Wand. Es gibt kein Durchkommen. Sie muss umkehren. Tage, Monate, Jahre wird sie hinter der Wand leben - begleitet von einem Hund und einer Kuh. Mit Stift und Papier wird sie versuchen, die Zeit zu bewältigen. Martina Gedeck spielte 2012 die Hauptrolle in dem bisweilen verstörenden Kinofilm "Die Wand", der auf dem gleichnamigen Roman von Marlen Haushofer aus dem Jahr 1963 beruht. Beim dritten Moosbrand-Literatur- und Musikfest liest Gedeck Passagen aus dem Originaltext, der viele Jahre als nicht-verfilmbar galt; Maya Homburger (Violine) und Barry Guy (Bass) begleiten sie.

"Streifzüge durch die Zeit" lautet heuer das Motto des Moosbrand-Fests, das den Höhepunkt des Kulturjahres der Stiftung Nantesbuch markiert. Drei Tage lang, vom 20. bis 22. September, beherbergt das Lange Haus auf Gut Karpfsee wieder hochkarätige Autoren, Schauspieler und Musiker. Für Motto und Programm zeichnet zum dritten und letzten Mal Brigitte Labs-Ehlert verantwortlich. Die Kuratorin vollendet damit einen Zyklus, den sie 2017 beim Urknall und Ursprung allen Seins beginnen ließ. Im Jahr darauf setzte sie die vier Elemente, Blitz, Donner und Dürren frei. "Nun sind wir bei der Zeit angelangt", sagt sie, "bei Sonne und Mond, bei der Tages-, Jahres- und Lebenszeit." Wie in den Vorjahren ist es ihr gelungen, einen großen poetischen Bogen zu spannen - von der Nacht über Licht und Schatten zum vermeintlichen Stillstand der Zeit hin zum Ursprung eines neuen Tages. Dabei nutzt sie vielfältige literarische, philosophische und musikalische Ansatzmöglichkeiten. Es geht um Rhythmen der Natur, um Vergänglichkeit und Erinnerung, um das Warten und den Neubeginn.

Nantesbuch tönendes Wetterleuchten

Das Lange Haus der Kulturstiftung Nantesbuch wird im September zum Ausgangspunkt literarischer Streifzüge durch die Zeit.

(Foto: Manfred Neubauer)

Den Auftakt macht am Freitag, 20. September, eine "Lange Nacht der Geheimnisse". Über fünf Stunden sollen die Gäste in den Zauber der Dunkelheit eintauchen. Angela Winkler, Wolfram Koch, Marie Bäumer und Sebastian Rudolph lesen Texte von Etel Adnan, Iwan Bunin, Rolf Dieter Brinkmann, Jean Cocteau, Ingeborg Bachmann, Robert Gernhardt, E.T.A. Hoffmann, Christian Morgenstern, Nelly Sachs, Maja Vidmar, Robert Walser und Virginia Woolf. Die Gäste bleiben dabei nicht etwa auf ihren Stühlen sitzen, sondern bewegen sich durchs Lange Haus. Zwischen Lesungen und Konzerten haben sie immer wieder Zeit für ein Getränk und ein Gespräch.

"Ich gehe immer von den Texten aus", sagt Labs-Ehlert zu ihrer Arbeitsweise. Die Sprache stehe für sie über dem Plot. Anschließend suche sie die idealen Interpreten für diese Texte aus und Musiker, die auf ihre Weise mit den Worten in Resonanz treten. In der "Nacht der Geheimnisse" sind dies zunächst die Cellistin Anja Lechner und der Gitarrist Pablo Márquez, die für ihre feinsinnigen Dialoge bekannt sind. Später übernehmen das David Helbock Trio sowie das Duo Nils Wülker (Trompete) und Arne Jansen (Gitarre) mit kraftvollem Jazz bis in die Nacht. "Zum Abschluss wollte ich Trompetenmusik haben", sagt die Kuratorin.

Unter dem Titel "Ohne Schatten keine Schönheit" beginnt das Nachmittagsprogramm am Samstag. Drei Lesungen können einzeln oder im Block gebucht werden. Bei Sonnenschein liest Marica Bodrožić, eine deutsche Schriftstellerin kroatischer Abstammung, auf der Wiesenbühne aus ihren Erzählungen "Der Windsammler" (2007) sowie aus einem aktuellen Text über Frauen in Bewegung. "Das wird ein Spagat", sagt Labs-Ehlert, die mit der Autorin die beiden Werke auslotet. Hanns Zischler stellt den Essay "Lob des Schattens" aus dem Jahr 1933 vor. Dabei handelt es sich um den Entwurf einer japanischen Ästhetik von Tanizaki Jun'ichirō. Christoph Ransmayr präsentiert Ausschnitte seines Romans "Cox oder der Lauf der Zeit" und tauscht sich darüber mit dem Lektor Hans-Jürgen Balmes aus.

Der Samstagabend gehört Martina Gedeck und der Wand. War es schwer, die Schauspielerin für das Projekt zu gewinnen? "Überhaupt nicht", sagt Labs-Ehlert. Sie kenne Gedeck seit vielen Jahren und habe zahlreiche Projekte mit ihr gemacht. Auch die anderen Interpreten und Musiker wüssten, dass sie sich auf sie als Kuratorin verlassen könnten. Und was dazu komme: "Alle sind neugierig auf den Ort."

Den können Gäste auch noch bei einer Lyrik-Matinee am Sonntag, 22. September, genießen. Der Romancier, Lyriker und Essayist John Burnside liest seine Gedichte "In the Name of the Bee" und tritt in einen Dialog mit seinem Übersetzer Iain Galbraith. Zum Abschluss beschwört Axel Milberg den Kosmos der Kindheit. Er liest aus Vladimir Nabokovs "Erinnerung, sprich". Das Klenke Quartett spielt dazu Streichmusik aus den Zwanzigerjahren.

Das Programm

Freitag, 20. September, 19 bis 24 Uhr, Die Lange Nacht der Geheimnisse, Lesungen und Konzerte im Langen Haus, mit Angela Winkler, Wolfram Koch, Marie Bäumer, Sebastian Rudolph, Musik: Anja Lechner und Pablo Márquez, David Helbock Trio, Nils Wülker & Arne Jansen, 40/30 Euro;

Samstag, 21. September, 14.30 Uhr, Wiesenbühne, Lesung von Marica Bodrožić "Der Windsammler", anschließend Gespräch mit Brigitte Labs-Ehlert, 12/8 Euro; 16 Uhr, Giebelsaal, Hanns Zischler liest und kommentiert Tanizaki Jun'ichirōs "Lob des Schattens", 12/8 Euro; 17.30 Uhr, Giebelsaal, Christoph Ransmayr liest Auszüge aus "Cox oder Der Lauf der Zeit", anschließend Gespräch mit Hans Jürgen Balmes, 12/8 Euro; Nachmittagspaket mit drei Lesungen 30/ 24 Euro; 20 Uhr, Eingangshalle, Martina Gedeck liest Marlen Haushofer "Die Wand", Maya Homburger (Violine) und Barry Guy (Bass), spielen Werke von Johann Sebastian Bach, Heinrich Ignaz Franz Biber und György Kurtág, 30/24 Euro;

Sonntag, 22. September, 11 Uhr, Eingangshalle, Lyrik-Matinée, John Burnside: "In the Name of the Bee", Einführung und Lesung der deutschen Übersetzung "Im Namen der Biene": von Iain Galbraith; Axel Milberg liest Vladimir Nabokov "Erinnerung, sprich", das Klenke Quartett spielt Werke von Germaine Tailleferre und Erwin Schulhoff, 30/24 Euro;

Der Moosbrand-Pass für alle Lesungen und Konzerte kostet 100/78 Euro und ist erhältlich unter www.stiftung-nantesbuch.de/moosbrand. Die Stiftung Nantesbuch bietet einen Bus-Shuttle ab München (U3 Aidenbachstraße, P+R) sowie ab dem Bahnhof Penzberg mit Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr an, Details unter www.stiftung-nantesbuch.de/shuttle SZ

Bedauert die Kuratorin, dass ihre Zeit in Nantesbuch endet? "Jetzt kann ich mich wieder verstärkt auf Projekte im Norden einlassen", sagt die gebürtige Hamburgerin. Es sei ein gängiges Konzept, einen künstlerischen Leiter für einen Drei-Jahres-Zyklus zu engagieren. Und was wäre für sie nach der Zeit gekommen? Lars-Ehlert zögert keinen Moment. "Die Tiere."

© SZ vom 01.08.2019
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