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In der Loisachhalle Wolfratshausen:Bepperl auf Eis

Josef Hader gibt sich als „ethischer Vegetarier“ aus: „Ich esse nur Tiere, die nicht schreien, wenn man sie umbringt.“

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der österreichische Kabarettist Josef Hader gibt am Ende eines stürmisch beklatschten Auftritts vor, er habe lediglich sein neues Programm erprobt

Von Felicitas Amler

Nun ja, er ist ein bisschen in die Jahre gekommen, der Josef Hader. Ist ganz altersgemäß der Großstadt Wien überdrüssig ("Ich hab wegmüssen, du kommst ja mit einer normalen S-Klasse nirgends mehr hin"), hofft auf "betreuten Drogenkonsum" mit "Trip-Sitter" und fährt "im Kapuzenshirt auf dem Skateboard - zur Darmspiegelung". Dem Grant und dem Schmäh, die Österreichs bekanntester Kabarettist beide so wunderbar beherrscht, ist das Älterwerden freilich eher zu- als abträglich. Und so begeisterte Hader am Samstag in der Loisachhalle sein Publikum derartig, dass sich an der Stärke des Applauses und der Beifallsrufe jedenfalls nicht feststellen ließ, wie ausgelichtet die Reihen waren.

Coronabedingt durften nur 200 Leute in den Saal. Der war bei Haders vorigem Auftritt, vor gut zwei Jahren und ebenfalls auf Einladung des Kulturvereins Isar-Loisach (KIL), noch ausverkauft - und wäre es ohne die Pandemie auch diesmal wieder gewesen.

"Slow Sex"

Mit dem Alter also kokettiert er ein wenig, parodiert die betagten Herren, die sich wie er ganz junge und immer jüngere Mädels nehmen, sich in "Slow Sex" erproben ("Keine Orgasmuspflicht") und einen guten Tropfen zu schätzen wissen, den "CO₂-neutralen kubanischen Rum" etwa, der ganz sanft und gemächlich auf Schiffen, die sich nur dem Wind hingeben, von der karibischen Insel nach Europa transportiert wird. Haders Pointen sind selten beifallsheischende Knaller, sie sind eingebettet in einen mäandernden Erzählfluss der Absurditäten und Absonderlichkeiten.

Vom Weinviertel, in dem noch jeder Fremde aufs Herzlichste willkommen geheißen wird ("Hauptsache, keine Türken!"), schweift er zu den SUV-Umweltschickies, die gegen die neuen Autobuslinien der rot-grünen Wiener Regierung protestieren ("Mehr öffentlicher Verkehr ist ganz falsch - das zieht nur noch mehr öffentlichen Verkehr an"), um schließlich wieder beim Alter zu landen und in köstlicher Persiflage des derzeitigen Neusprechs zu konstatieren: "Der Tod ist ohne jegliche Relevanz für mein persönliches Narrativ."

Immer wieder spießt Hader Moden und Szeneverhalten auf. Er bekennt sich als "ethischer Vegetarier" ("Ich esse nur Tiere, die nicht schreien, wenn man sie umbringt"), entdeckt verwundert den Filterkaffee neu ("Ich war in einem Filterkaffee-Café") und entlarvt den Dalai Lama genauso als Seichte-Sprüche-Klopfer wie den kleinen Prinzen und Paulo Coelho.

Politisch-kritische Statements sind bei Hader nicht vordergründig und nie frontal. So plaudert er sich etwa in seine Kindheit zurück, als der Josef noch ein Bepperl war. Da hat man ihm vom Nikolaus erzählt, der den Bub, wenn er denn nicht brav sei, mit Krampus und Rute hart bestrafe; und vom Herrgott im Himmel dazu, der die bösen Taten des ganzen Lebens am Ende mit grausamem Höllenfeuer vergelte. "Des hams ma erzählt in der Volksschul", sagt Hader, und dagegen seien doch die heutigen Verschwörungstheorien geradezu lächerlich.

Die eigenen Verschwörungstheorien des Kabarettisten sind denn auch von einer skurrilen Mischung: "Sehr viel passiert hinter unserem Rücken", stellt er fest, nur um dann zu fragen, warum zum Beispiel die Manner-Schnitten immer genau in die Verpackung passten, und zu bemerken, dass ja der Zweite Weltkrieg im Internet "auch sehr umstritten" sei.

Carpaccio für den Wolf

Und dann ist da plötzlich der Wolf. Er taucht auf, als Hader mit einem Wehrmachtskarabiner, den er lediglich als Fernrohr zum Tiere-Beobachten benutzt, ansitzt. Und sei es nun sein Alter Ego oder eine schiere Wahnsinnsvision, der Wolf namens Rudolf, genannt Rudl, begleitet ihn hinfort. Säuft sich mit ihm durch die Nacht, fordert fünf Kilo feinstes Carpaccio vom Weiderinderfilet, ist aber leider ein Konservativer, womöglich gar ein Fan von Kanzler Sebastian Kurz. Und am Faschingsdienstag, den Ego und Alter Ego zusammen verbringen, da macht der echte Wolf den zweiten Platz beim Kostümwettbewerb.

Nach der ersten von zwei stürmisch erklatschten Zugaben erfahren die Zuschauenden schließlich, sie seien nur Zeugen einer Generalprobe geworden. Der Kabarettist habe lediglich sein neues Programm "Hader on Ice" einstudiert, so sagt er. Vermutlich Fake News, aber was für ein treffender Titel! Hader hat ja tatsächlich gedanklich und sprachlich alles drauf, was ein eleganter Eiskunstläufer können muss: Pirouetten und doppelte Rittberger, geworfene Sprünge und getragene Hebungen. Ein Hans-Jürgen Bäumler des Kabaretts? Aber nein, wir wollen ihn nicht älter machen, als er ist.

© SZ vom 19.10.2020

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